In der über dreißigjährigen Formatgeschichte war das mediale Interesse an der SWR-Vormittagsshow "Immer wieder sonntags" vermutlich nie so groß wie im Jahr ihrer Absetzung. Über mangelnde Deutungsbegleitung kann sich ihr Moderator Stefan Mross derzeit zumindest nicht beschweren: Zahlreiche Journalist:innen berichteten in der vergangenen Woche atemlos, wie der Gastgeber zum Staffelstart der sonntäglichen Schlagerweihe aus dem Europa-Park – in dieser Kolumne bereits trendsettig vor zwei Jahren gewürdigt – "Tränchen in den Augen" hatte, was er zum beschlossenen Aus seiner Sendung sagte ("Das zählt jetzt mal überhaupt nicht"), wem er dankte (allen) und wie er der Heile-Welt-Devise seines Formats treu blieb: "Wir haben noch 13 Sendungen vor uns! Isso!"
Wenige Wochen zuvor war ein Schreck durch die Schlager-Branche (und die Kolumnenabteilung des Ressorts Unterhaltung beim Gute-Laune-Portal T-Online) gefahren, als der SWR ankündigte, "Immer wieder sonntags" zum Ende der Saison finalisieren zu wollen (DWDL.de berichtete).
Woraufhin Mross dem Boulevard den exakten Ablauf seines vermeintlichen Kündigungsgesprächs referieren durfte.
Genau wie angekündigt gespart
Dabei hat der Sender eigentlich nur das umgesetzt, was SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler fast ein Jahr zuvor in aller Deutlichkeit bereits angekündigt hatte: Dass man, um die durch Kostendruck und Beitragsnichterhöhung notwendig gewordenen Einsparungen zu erreichen, nicht nur bei Verwaltung, Infrastruktur, Immobilien sparen müsse – sondern auch: am Programm.
Die Streichliste liest sich inzwischen recht beachtlich: "Eisenbahn-Romantik", "Menschen und Momente", die "Mathias Richling Show", "Lesenswert", "Spätschicht", "Ich trage einen großen Namen", "Meister des Alltags" und "Die Beatrice-Egli-Show" sind weg. "Verstehen Sie Spaß?" gibt's nur noch drei- statt fünfmal pro Jahr. Außerdem spart man sich Event-Übertragungen und Veranstaltungen wie das "SWR3 Comedy-Festival".
Im DWDL.de-Interview hatte Bratzler damals den bemerkenswerten Satz gesagt, "dass wir der älteren linearen Zielgruppe auch etwas wegnehmen" müssen, um "gleichzeitig ein Angebot für Jüngere zu machen".
Wer bedient sich hier bei wem?
Was kurios ist, weil: Zur gleichen Zeit, in der nicht nur der SWR großflächig bei Sendungen (für Ältere) im Linearen sparen muss, um Sendungen (für Jüngere) im Digitalen stemmen zu können, stehen die Privatsender vor der gegenteiligen Aufgabe.
Nur wenige Tage nach der Einstellungsmeldung zu "Immer wieder sonntags" hatte RTLzwei-Geschäftsführer Thorsten Braun im DWDL.de-Interview angekündigt, "Streaming und Fernsehen in Zukunft getrennter betrachten" zu wollen. Während bisherige Kernmarken und die volle Reality-Dröhnung für die junge Kernzielgruppe zunehmend via Streaming konsumiert werden, muss der Sender linear künftig mehr Programm machen, von dem sich die dort Verbliebenen angesprochen fühlen.
Heißt das, dass sich Private und Öffentlich-Rechtliche irgendwann in der Mitte treffen? So wie bei der doppelten Doku zum 70. "Bravo"-Geburtstag, von RTL chronologisch-öde für Traditionsbewusste untererzählt, und von der ARD Influencer-kommentiert dreigeteilt – beide Male mit fast den gleichen Gesprächspartner:innen?
Vermutlich wird das eher die Ausnahme bleiben. Denn in Auftrag und Zielvorhaben unterscheiden sich die Anbieter ja immer noch deutlich. Die Frage ist eher: Profitieren die einen womöglich von dem, was die anderen aussortieren?
"In Gesprächen mit Privatsendern"
Vor vier Wochen war die Plausibilität eines munteren Formattauschs an dieser Stelle kurz schon einmal Thema am Rande. Und Stefan Mross hat im Ersten am vergangen Sonntag angedeutet, dass er „Immer wieder sonntags“ so schnell nicht aufgeben wolle: "Da mach ich keinen Haken dahinter. Denn das war eine der wichtigsten Sendungen in meinem Leben, das muss ich ehrlich sagen."
Gegenüber Medien hatte er zwischenzeitlich angedeutet: "Wir sind derzeit in Gesprächen mit Privatsendern. Ich bin zuversichtlich, dass da was klappt." Nachfragen bei RTL und ProSieben dazu haben diese bislang ausweichend beantwortet.
Aber selbst wenn man den Auftritt von Mross' erster Premieren-Gästin Beatrice Egli (die ja ebenfalls von den SWR-Sparmaßnahmen betroffen ist) mit dem von ihr performten Titel "Hör nie auf damit" als handfestes Omen deuten wollte: Die Wahrscheinlichkeit, dass Mross im nächsten Sommer mit einem RTLzwei-Logo auf dem Poloshirt aus dem Ü-Wagen auf die Europapark-Bühne vor seine "Mross Ultras" stapft, um einfach die nächste Runde der "Sommer Hitparade" anzumoderieren, dürfte sich in engen Grenzen halten.
Nur schwer refinanzierbar
Denn auch die Privaten müssen stärker denn je den wirtschaftlichen Gegebenheiten ins Auge schauen. Und das beinhaltet die Erkenntnis, dass eine über den ohnehin notorisch werbeschwachen Sommer hinweg laufende Live-Show, noch dazu am sonst mit Wiederholungen günstig auffüllbaren Sonntagvormittag, wohl kaum finanzierbar sein wird. Egal, wie sehr man den Aufwand dafür zusammenstreicht.
(Wobei man Stefan Mross freilich nicht unterschätzen sollte: Ein Mann, dessen Privatleben in den vergangenen Jahren verlässlich genug Schlagzeilen produziert hat, um damit ein halbes Boulevard-Magazin zu füllen, dürfte auch aus Reality-Gesichtspunkten ein gewisses Potenzial mitbringen.)
Aber das heißt ja nicht, dass die Sender nicht Interesse daran haben, Mross und seine Stammzuseher:innen mit einem anderen, vielleicht ähnlichen Schlager-Format zu einer lukrativer vermarktbaren Sendezeit zu sich zu holen.
Die Sorge der Kreativen
Das eigentlich Kuriose an diesem Gedankenspiel ist allerdings: dass die Format-Wilderei auch in die andere Richtung funktioniert.
Zu Beginn des Jahres hat etwa die RTL Group umfassende Sparpläne bekannt gegeben, die auch unmittelbar das Programm betrafen und dafür sorgten, dass selbst etablierte Formate eingestellt oder umgebaut wurden ("Gala", "Prominent", "Punkt 6" bis "Punkt 8").
Gleichzeitig schlich sich auch bei den Kreativen, die mit der Sendergruppe zusammenarbeiten, eine gewisse Skepsis ein – selbst wenn sie nicht unmittelbar von den Absetzungen betroffen waren. Tim Mälzer formulierte im Frühjahr öffentlich die Sorge, dass die Sparanstrengungen irgendwann auch seine Vox-Show "Kitchen Impossible" in einem Maße betreffen könnten, dass er es qualitativ nicht mehr für hinnehmbar hielte. Und: "wenn das stattfindet, dann habe ich gesagt: Dann höre ich auf."
"Kitchen Impossible" – im ZDF?
In Köln wird man (höchstwahrscheinlich) einen Teufel tun, seine wertvollsten Programmmarken so kaputt zu sparen, dass deswegen deren Gesichter von Bord gehen.
Aber bloß mal angenommen, es käme doch dazu – und Mälzer hätte deswegen keine Lust mehr, bei RTL bzw. Vox weiterzumachen: Dann könnte ja theoretisch ein anderer Anbieter mit der Zusage an die Tür klopfen, das bisherige Profuktionsbudget aufrecht zu erhalten, sofern das Format dafür ins eigene Programm wechseln würde. Also: "Kitchen Impossible – frisch entflammt" im ZDF?
Natürlich ist das bloß Spekulation. Aber auch nicht ganz so weit hergeholt, wie es vielleicht noch vor einigen Jahren geklungen hätte. Zumal die Situation für andere Formate, die im Budget von RTL und/oder Vox mit seinen senderübergreifend neu aufgestellten Verantwortlichkeiten, schon ganz anders aussehen könnte.
Zur Budget-Justierung gezwungen
So manche Produktionen, mit denen sich die Privaten in der Vergangenheit noch zu schmücken bereit waren, um gesellschaftliche Relevanz zu demonstrieren, dürften es in Zukunft wohl tatsächlich schwerer haben, in Köln oder Unterföhring noch beauftragt zu werden. Genau an diesem Punkt wäre es aus Sicht der Öffentlich-Rechtlichen zielführend, einzuspringen – insbesondere, wenn man dafür prominente Gesichter für preiswürdige Doku-Experimente gewinnen könnte, die sonst unter fremder Flagge senden.
Fakt ist: Alle Sender sehen sich durch die Zersplitterung ihres Publikums auf verschiedene Kanäle dazu gezwungen, Budgets neu zu justieren.
Wer bislang im Linearen vornehmlich für Ältere sendete, muss im Digitalen jünger werden, um dem gesellschaftlichen Auftrag weiter gerecht zu werden und die Akzeptanz der Beitragsfinanzierung nicht zu sabotieren; und wer sich bislang vor allem auf ein junges Publikum konzentrierte, muss auch die Älteren ins Visier nehmen, um die eigene Marke im Linearen nicht in der Bedeutungslosigkeit und die Budgets der Werbungtreibenden nicht zur Konkurrenz verschwinden zu lassen.
Was die Konkurrenz nicht mehr will
Keiner der Beteiligten wird dabei den übermäßigen Ehrgeiz an den Tag legen, das Fernsehen neu zu erfinden. Schon deshalb liegt es nahe, dass sich der Wandel auch ein Stück weit daraus speisen wird, Formate zu übernehmen, die sich die Konkurrenz nicht mehr leisten kann oder will.
"Jeden Sonntag freu ich mich darüber / Dass wir uns im Ersten wiedersehn / Doch es wär mir wirklich noch viel lieber / Würd die Zeit nicht gar so schnell vergehn", singt Gastgeber Stefan Mross bislang zu Beginn jeder neuen Ausgabe des SWR-Schlagerschlachtrosses.
Aber das auf einen neuen Auftraggeber umzudichten, wäre für die Profis der Traditionsshow ja nun wirklich die allerleichteste Übung.
Und damit: zurück nach Köln.
"Immer wieder sonntags" läuft an diesem Sonntag und dann noch zehnmal in diesem Sommer ab 10.03 Uhr im Ersten.
von