Aller Anfang ist schwer – aber der im Alltag einer bekannten Handelskette für Möbel und Wohnaccessoires besonders. Und Praktikant Michael kriegt das gleich mehrfach zu spüren. "Für jemanden der's noch nicht gemacht hat, wird es anstrengend", sagt die Kollegin, mit der er gleich die Schwerlastregale für die Filiale aufbauen soll, bevor Blut fließt. "Wir müssen uns hier ein bisschen sputen", scheucht ihn eine andere durch die Gänge fürs Aufräumen: "Das ist ein Schiebebesen! Auch den Dreck mitnehmen! Zwischendurch die Kunden nicht vergessen!"
Beim Container-Einräumen im Lager vergisst er gleich mehrfach, die Paletten zu zählen. Die Verkaufs-Challenge schafft er nicht. Aber auch, wenn Micha "ein bisschen Startschwierigkeiten" attestiert kriegt: Weil er Engagement zeigt, würden die meisten den Neuen nachher gern behalten.
Was ganz praktisch ist, denn Micha heißt in Wahrheit Tobias – und ist eigentlich ihr Chef.
Schadenfroh beim Scheitern zusehen
Einer von inzwischen rund siebzig, die seit 2011 im deutschen Fernsehen mit aufgeklebter Zottelperücke, Palmen-T-Shirt, Karohemd und Brille die eigenen Firmen besuchen, um herauszufinden, was an der Basis so los ist. Damit das Fernsehpublikum dem "Undercover Boss" erst ein bisschen schadenfroh beim Scheitern zusehen kann. Und dann beim stets in Versöhnlichkeit endenden Wiedertreffen mit seinen Angestellten.
Das Bemerkenswerteste an diesem Format ist weniger seine Dramaturgie als vielmehr die Tatsache: dass es überhaupt noch läuft.
Denn nach knapp anderthalb Jahrzehnten muss man schon hinter einem sehr großen Stein gewohnt haben, um nicht mal ein bisschen misstrauisch zu werden, wenn sich plötzlich das Fernsehen am eigenen Arbeitsplatz ankündigt, um da eine vermeintliche Aushilfskraft auf Schritt und Tritt bei ihrer Einarbeitung mit der Kamera zu begleiten.
Wie eine Faschingsbrille mit Klebebart
Erst recht, wenn schon die Tarnung, die sich die Produktion für ihre Drehs in Staffel 17 ausgedacht hat, ungefähr so dezent ist wie eine Faschingsbrille mit angeklebtem Bart und buschigen Augenbrauen: Das komplette TV-Team trägt T-Shirts mit dem riesig aufgedruckten Fake-Sendungstitel "Job-Roulette – Wer punktet, wer fliegt?" Und spätestens, wenn der vermeintliche Praktikant plötzlich in der gemeinsamen Pause nach Details aus dem schicksalsgeplagten Privatleben der ihn Einarbeitenden fragt, weiß jeder sofort, was hier los ist. Aber halt auch: dass es wahrscheinlich besser wäre, sich das nicht direkt anmerken zu lassen.
Oder wie es Verkäuferin Meike kurz vor dem als Nachdreh getarnten Wiedersehen mit dem zurück zum Chef verwandelten Praktikanten formuliert: "Ich kenn ja nur 'Undercover Boss'. Das ist ja so ähnlich. Nur dass der Chef da kommt. Kennst du das nicht: 'Undercover Boss'?"
Doch, kennst du. Selbst wenn der Off-Sprecher dazu behauptet: "Meike ahnt nicht, wie richtig sie liegt."
Erfolgreichste Quote seit Jahren
Eigentlich hatte DWDL.de bereits vor acht Jahren (!) konstatiert: "Ein Format hat fertig" – und zwar nicht nur wegen der bis heute legendären "Verkleidung" von Detlev D! Soost fürs kurzlebige Promi-Special. Dass sich "Undercover Boss" nach so vielen Jahren immer noch mit derselben durchsichtigen Fiktion (und albernen Klamotten) in die deutsche Primetime schleicht, ist aber nicht halb so kurios wie die Tatsache, dass mit dem Tarn-Chef im Möbelladen vor zwei Wochen die höchste Quote seit über sechs Jahren eingefahren wurde (DWDL.de berichtete).
Wie kann das sein? Und: warum gerade jetzt?
Die Antwort ist vermutlich ähnlich simpel wie die immer gleiche, längst auf die doppelte Sendezeit ausgewalzte Format-Dramaturgie: Weil "Undercover Boss" eine Geschichte erzählt, die so im deutschen Fernsehen kaum noch vorkommt – eine Anti-Erzählung zu ungefähr allem, was in den Nachrichten rauf und runter läuft.
Menschen, die sonst kaum vorkommen
Denn während große Unternehmen Werke zusammenlegen, Angestellte zu Aufhebungsgesprächen bitten, während in fast jeder Branche über die nächste Umstrukturierungswelle und den Jobverlust durch KI spekuliert wird, erzählt die RTL-Reality von Firmen, die das Gegenteil tun: den eigenen Mitarbeitenden zuhören, ihre Arbeit wertschätzen, Sorgen und Probleme ernst nehmen – und die versprechen, daraus zu lernen und es besser zu machen.
Bei "Undercover Boss" geht es anderthalb Stunden um Menschen, die sonst im Programm kaum vorkommen: die keine Problemfälle sind und das System belasten; die täglich motiviert zur Arbeit kommen, anstatt dem Staat wie oft behauptet auf der Tasche zu liegen; die ihren Alltag auch unter widrigsten Umständen meistern – ohne zu jammern, ohne zu meckern, ohne zu scheitern. Aber halt auch: ohne dass es ihnen jemand dankt.
Diese Leerstelle macht sich "Undercover Boss" zunutze. Und lässt jemanden aus der Chefetage kommen, der für einen Tag ihre Arbeit macht, sich mit denselben Widrigkeiten der im Management geplanten Abläufe herumplagt, und nebenbei noch nach ihren Familien, ihren Hobbys, ihren Krisen fragt. Bis am Ende jede:r Einzelne signalisiert bekommt: Du bist toll, du wirst hier gebraucht.
Ein richtiges Lob vom Chef
Oder wie der Möbelketten-Chef beim als Enttarnung inszenierten Wiedersehen sagt: "Du hast eine Positivität, die ist ansteckend." Und: "Man spürt einfach, was du für eine Energie in den Laden reinbringst." Und: "Ich freu mich, jemanden wie dich bei uns im Unternehmen zu haben." Und: "Du bist einer der tollsten Menschen, die ich je kennengelernt habe."
Die vermeintliche "Undercover Mission" ist eine dafür ganz unbedingt benötigte Mechanik. Weil sie die Voraussetzung dafür schafft, dass man sich auf gleicher Ebene trifft, und am Ende alle mit Tränchen in den Augen in die Kamera beichten: "Ein richtiges Lob von deinem richtigen Chef – das kriegt man ja nicht andauernd." Oder den Reiz der kurzzeitigen Machtumkehr auf den Punkt bringen: "Ich hab den Chef gejagt – das kann nicht jeder sagen."
Wenn man so will, müsste man "Undercover Boss" also dafür lieben, dass das Format Menschen und Arbeitsalltage sichtbar werden lässt, ohne dabei der gängigen Fernsehversuchung zu erliegen, sie dafür zu problematisieren.
Das werden wir schnell abstellen
Aber auch das hat natürlich seinen Preis. Nämlich den, dass am Ende nicht nur die Mitarbeitenden gut dastehen, weil auf sie Verlass ist. Sondern auch die Unternehmen, die knallhart ihre Vision preisgeben: "Wir wollen die erste Wahl für den Kunden sein."
Sämtliche vermeintlichen Probleme, die der "Undercover Boss" während seiner Mission entdeckt, sind praktischerweise oft exakt so groß, dass sie sich mit einer freundlichen E-Mail ins nächste Meeting weiterreichen lassen: ein Container, in dem Licht installiert werden muss; die Arbeitskleidung, die es bislang nur in Männergrößen gibt; ein Retouren-Prozess, der zu kompliziert geraten ist. Nichts, wofür man einen Betriebsrat bräuchte. (Tatsächlich kommt auch keiner vor.) Sondern bloß einen Chef, der verspricht: "Das werden wir relativ schnell abstellen." Und: "Da werd ich mich im Nachgang nochmal mit dem Logistikleiter zusammensetzen."
PR, wie sie kein Werbe-Etat kaufen könnte
Die Belohnung für diejenigen, die den Spaß über sich haben ergehen lassen, ist am Ende: ein von der Firma bezahlter Urlaub mit der Familie im Legoland, Birdwatching in Wales für den Sittich-Freund, ein Handball-WM-VIP-Pass für die sympathische Möbelaufbauerin. Die zusätzlich in Aussicht gestellte berufliche Entwicklung – Weiterqualifizierung, Vollzeitaufstockung, Entfristung – bleibt eher vage.
Und dann läuft ja auch schon der Abspann (bzw. im linearen Programm direkt die nächste Ausgabe).
Für die teilnehmenden Firmen ist der Reiz der Sendung klar: Sie müssen sich zwar der Dramaturgie des Formats unterwerfen, können aber sicher sein, dass sie die Produktion zu keinem Zeitpunkt auflaufen lassen wird. Weil das Format sonst augenblicklich tot wäre. Stattdessen werden Erfolgsgeschichten erzählt, wie sie kein Werbe-Etat der Welt kaufen könnte. Bei "Undercover Boss" gibt es für niemanden etwas zu befürchten – und für alle etwas zu gewinnen.
Markenbotschafter für den Arbeitgeber
Mit dem bitteren Beigeschmack, dass die Inszenierung vermutlich noch sehr viel größer ist, als es das Format einzugestehen bereit ist.
Zumindest müssten die – sehr sorgsam vorausgewählt wirkenden – Beschäftigten an vielen Stellen eigentlich extra dafür bezahlt werden, dass sie vor einem Millionenpublikum als authentische Markenbotschafter:innen für ihren Arbeitgeber auftreten, wenn sie Sätze formulieren wie: "Die sind echt nett zu uns Mitarbeitenden. Und du wirst auch gehört, muss ich ehrlich sagen." Die effektivste Recruiting-Maßnahme, die man sich als Unternehmen wünschen kann.
Und trotzdem: Natürlich ist "Undercover Boss" auch ein Märchen. Wenn alle umarmt und alle Reisegutscheine überreicht sind, sitzt der Chef wieder im Ledersessel. Er hat gespürt, wie sich die Basis anfühlt. Und in die "Handycam" vorm Schlafengehen im Hotel zugegeben, wie hart der Job ist. Aber wenn die Perücke ab ist, sind die ursprünglichen Verhältnisse wieder hergestellt.
Das Geschwafel von der "Taskforce"
Als kleine Erlösung bleibt, dass zumindest einer aus der Chefetage kurz gewusst hat, wie es sich unten anfühlt. Und dass er, wenn er wieder oben ist, mit dem Geschwafel von der "Taskforce" sofort wieder seine alte Rolle erfüllt.
Vielleicht ist die eigentliche Frage, die sich das Fernsehen im Angesicht des Erfolgs von "Undercover Boss" stellen muss, wie es öfter gelingen kann, die darin gezeigten Arbeitswelten abzubilden, ohne sie als Krisen- oder Problemfall zu erzählen. Aber auch ohne dass sich dafür jemand eine Frisur ankleben muss, damit endlich mal jemand Meike zuhört und Sandra recht gibt. Sondern stattdessen zu fragen: Wie geht es der deutschen Arbeitswelt eigentlich wirklich, wenn ein Fake-Praktikant gerade der plausibelste Vorgesetzte im Land ist?
Und damit: zurück nach Köln.
RTL zeigt "Undercover Boss" montags ab 20.15 Uhr und bei RTL+.
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