© ZDF/Sascha Baumann
Das Hoff zum Sonntag

Fernsehen im WM-Fieber: Redundanz in Reinkultur

 

Nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Doch bei Hans Hoff lässt sich das von diversen Medien eingeredete WM-Fieber einfach nicht entfachen - und daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern. Zeit für eine Pause.

von Hans Hoff
10.06.2018 - 10:00 Uhr

„Sind Sie auch schon im WM-Fieber?“ Meine örtliche Anzeigenpostille fragte mich das vor ein paar Tagen, und meine Antwort fiel nach kurzem Zögern mehr oder weniger klar aus: Ähhh, nein. Um es gleich mal abzukürzen: Da kommt auch nichts mehr. Es wird, auch wenn sich die ARD an den nächsten Werktagen täglich vor der Tagesschau selbst das Thermometer in den öffentlich-rechtlichen Hintern schiebt und bei sich selbst WM-Fieber diagnostiziert, bei mir keines geben. Es wird mir schlichtweg nicht möglich sein, mich von einer durch und durch korruptionalisierten Sportart in irgendeine Wallung versetzen zu lassen.

Man muss doch nur mal die Hauptakteure anschauen, als da wären die russische Regierung und die FIFA, zwei Vereine also, die sich an Verderbtheit nichts zu schenken haben. Dazu kommen Kicker, deren Ausdruckskraft sich mehrheitlich komplett auf ihren tätowierten Armen spiegelt, die sich aber einen Scheißdreck interessieren für politische Verhältnisse im WM-Land, für unterdrückte Minderheiten, für irgendetwas, das die PS-Zahl ihrer Luxusgefährte übersteigt. Sie sagen, der Sport sei unpolitisch, aber dann posieren sie mit Tyrannen und tun so, als gäbe es eine Welt in Spielfeldgröße. Wie dumm darf man sein in diesen Zeiten? Ich glaube, manchem im Kader täte eine Gehirnerschütterung ganz gut, weil sich dann unter der Schädelplatte endlich mal was bewegte.

Ich weiß, das klingt lästerlich. Ich werde deshalb auch nicht Weltmeister. Ich schaue auch keine Vorabberichte aus dem Trainingslager mehr, wo ich nur erfahre, dass Manuel Neuer fit ist, dass es aber ansonsten nichts Neues gibt, wo aber trotzdem ein Reporter ausharrt, der auch morgen wieder vor die Kamera muss, um zu sagen, dass Manuel Neuer fit ist, es aber ansonsten immer noch nichts Neues gibt. Gesendete Redundanz in Reinkultur.

Ich distanziere mich ohnehin deutlich von diesem als Sport maskierten Werbeevent, bei dem es um Geld geht und um sonst nichts. Ich kann keine Zeitung mehr aufschlagen, an keinem Werbeplakat mehr vorbeilaufen, ohne das mir irgendeine Fußballerfresse entgegenglotzt. Mich interessiert die Frage, ob Manuel Neuer fit genug ist, genauso wenig wie Jogis Löws Hautcreme, die manche der Akteure offenbar mit Niveau verwechseln.

Ich werde deshalb meinen Fernseher kalt lassen für vier Wochen. Ich will nicht sehen, wie sie sich bei ARD und ZDF und sonst wo kollektiv in den Rausch reden und so tun, als ginge es um irgendetwas von Belang. Ich wäre ja vielleicht noch dabei, wenn es einfach nur pur die Spielübertragungen gäbe. Ein paar Einstimmungssätze vorher und ein paar Kommentare hinterher, das fände ich okay. Aber stattdessen wird stundenlang vorab und noch mehr Stunden hinterher nichts gesagt.

Aber wahrscheinlich sind diese öffentlich-rechtlichen Plapperveranstaltungen zur kollektiven Beitragsverbrennung ja auch nur dazu installiert worden, um im Kontrast Frankies harten Populistentalk oder Sandras Panikattackenlehrgang wie großartige Debatten aussehen zu lassen.

Nie wurde im deutschen Fernsehen weniger ausgesagt als in den Minuten vor und nach einem Spiel. Die Interviews mit den so genannten Experten und den Spielern sind so wenig aufschlussreich, dass dagegen eine fünfminütige Betrachtung des leeren Mittelkreises als intellektuelle Qualifizierungsmaßnahme durchgeht.

Natürlich wird auch kritisch berichtet. Ich weiß. Es wird ein paar Dopingreportagen geben, und auch das besondere Demokratieverständnis Putins dürfte Thema sein. Wäre ja noch schöner, wenn nicht. Aber bitte irgendwo am Rande, wo keiner richtig hinschaut. Am besten an spielfreien Tagen. Spätestens wenn der Ball rollt, ist dann aber wieder alles vergessen. Dann wird abgeschaltet, indem man einschaltet. Dann zählen nur die Spielernamen und die vermeintliche Brisanz der gerade laufenden Begegnung und die Frage, ob Manuel Neuer wirklich fit ist. Dann verstummen auch jene, die fragen, warum man mit dem Rundfunkbeitrag auch so etwas finanzieren muss.

Jetzt reicht es aber. Geh weg, du alter Spielverderber. Jetzt ist WM. Da muss man doch auch mal elf gerade sein lassen. Schlaaaaand. Fähnchen hoch. Plastikwimpel ans Auto. Heimaaaaaaat. Schlaaaaand.

Okay, ich tu euch den Gefallen. Ich schweige fürderhin. Ich gehe in die Sommerpause. Fieberfrei. Wir lesen uns wieder im August.

Über den Autor

Hans Hoff war Sozialpädagoge, rutschte aber ab 1979 durch Plattenkritiken und Konzertrezensionen in den Journalismus ab. Seit 1990 agiert er als staatlich anerkannter Glotzenbegutachter und mediale Meinungsschleuder vom Dienst.

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