Frau Tacke, Ihre “Am Puls”-Reportage über das “System Bürgergeld” hat im Mai zu einer Programmbeschwerde und zur Entlassung eines Ihrer Protagonisten geführt. Dürfen wir vom Talk nun ähnliche Kontroversen erwarten?
Der Plan für den Talk stand schon vor der Reportage. Aber die Debatte darum hat mich nochmal bestärkt, dass gerade diese Themen, die wir uns auch für den Sommer vorgenommen haben, sehr viele Menschen umtreiben – große Gesellschaftspolitik, die sich ganz konkret auf unseren Alltag auswirkt. Ob Reportage oder Talk: Mein eigener Antrieb ist, das jeweilige Thema in der Tiefe zu erfassen und durchaus kontrovers zu diskutieren. Und ich würde schon sagen, dass uns das mit der Reportage zum Bürgergeld gelungen ist, weil wir ein Dunkelfeld ausgeleuchtet haben und weil Menschen zu Wort gekommen sind, die man sonst selten hört. Die Welle, die das ausgelöst hat, hat mir gezeigt: Wir brauchen Raum, um diese Debatten zu führen – indem man sich in die Augen schaut, einander zuhört und verschiedene Perspektiven gelten lässt, ohne den anderen persönlich herabzuwürdigen.
Das scheint manchen besonders schwer zu fallen, wenn es darum geht, liebgewonnene Gewohnheiten und Überzeugungen zu hinterfragen. Statt der Realität ins Auge zu blicken, arbeitet man sich lieber an der Überbringerin der unangenehmen Wahrheit ab.
Ich habe mir jede Kritik angehört und gelesen. Die erste Welle waren unglaublich viele wertschätzende E-Mails. Sehr viele Menschen haben mir geschrieben, dass sie es ähnlich wahrnehmen wie in der Reportage gezeigt und dass sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk dadurch wieder ein Stück mehr vertrauen. Es gab aber auch eine zweite Welle mit scharfer Kritik. Das gehört dazu und zwingt einen immer wieder, die eigene Arbeit zu hinterfragen. Das war jetzt meine 18. Reportage, ich war also schon viel im Land unterwegs. Und meine vielleicht überraschendste Erkenntnis ist tatsächlich, dass wir in vielen Bereichen erstaunlich wenig belastbare Zahlen und Erkenntnisse haben. Manchmal ist das vielleicht so gewollt, manchmal fehlt es schlicht an Daten. Als Juristin brauche ich zunächst einen belastbaren Sachverhalt, der mir den weiteren Weg weist. Insofern möchte ich mit dem Talk – genauso wie mit meinen Reportagen – für mehr Realitätsannäherung sorgen.
Was machen Sie anders als andere Polit-Talks?
Als ich das überraschende Angebot bekam – fünf Sendungen im Sommer –, habe ich gar nicht groß darüber nachgedacht, wie ich mich von anderen abheben kann. Ich kann nur so arbeiten, wie es mir entspricht. Deswegen beginnt auch diese Sendung auf der Straße, wo ich das Thema der Woche anmoderiere und Stimmen von Passanten zu Wort kommen lasse. Das zeichnen wir am Vorabend auf, danach sind wir live im Studio. Kleiner Tisch, konzentriertes Gespräch, zu Beginn nur drei Gäste: ein Entscheider, der in der Sache etwas ändern kann, also zum Beispiel ein Minister, ein Ministerpräsident oder auch ein Bürgermeister; ein Betroffener, also jemand, auf den das handfeste Auswirkungen hat; und ein Experte, wobei ich damit nicht nur Wissenschaftler oder Journalisten meine, sondern bevorzugt Menschen mit konkreter Arbeitserfahrung im jeweiligen Bereich. Mit diesen drei Gästen versuche ich zunächst, das Problem zu erfassen und nach den Ursachen zu fragen. Bevor wir über Lösungen sprechen, müssen wir den Sachverhalt verstehen.
© ZDF/Jule Roehr
Fünf Wochen Talk: Abgesehen vom neuen Format "Sarah Tacke" ist die 43-jährige promovierte Juristin gut beschäftigt – als Leiterin der ZDF-Redaktion Recht und Justiz, Presenterin der Reportage-Reihe "Am Puls", Moderatorin von "WISO" und "ZDF spezial". Zuvor volontierte sie beim NDR und war ARD-Korrespondentin.
Und dann?
Im Verlauf der Sendung holen wir einen überraschenden vierten Gast hinzu, der eine ganz andere Sicht auf das Thema hat und einen Lösungsansatz mitbringt. Wir wollen konstruktiv und ohne zugespitzte Konfrontation darüber diskutieren, wie aus Erkenntnis möglichst tragfähige Lösungen werden können. Weil es mir wichtig ist, die Zuschauer mit an den Tisch zu holen, frage ich zu Beginn per QR-Code deren Haltung zu einer zentralen Frage des Abends ab. Am Ende der Sendung stelle ich dieselbe Frage nochmal, sodass wir sehen können, ob der Austausch der Argumente das Stimmungsbild verändert hat.
Klingt nach einer anspruchsvollen Dramaturgie, vor allem, wenn man diese Rollen bei wochenaktuellen Themen kurzfristig besetzen muss.
Absolut. Wir werden sehen, ob uns das gelingt. Gerade Gäste, die keine Talkshow-Profis sind, muss man ja auch erstmal dafür gewinnen. Natürlich haben wir sieben bis acht mögliche Themen rund um die Sozialreformen, die wirtschaftliche Lage, die Wahlen in Ostdeutschland und die Stärke der AfD schon mal vorbereitet, die auf jeden Fall latent aktuell sind. Aber wenn Trump am Tag der Sendung in Grönland einmarschiert, dann schmeißen wir unser Sendekonzept auch in letzter Minute um.
Das maximale Vertrauen des ZDF macht mich glücklich, bereitet mir aber natürlich auch ordentlich Druck, nach Kräften abzuliefern.
Sarah Tacke
Sie verzichten auf Studiopublikum.
Das war mir wichtig, weil ich die Unterschiede aus eigener Erfahrung als Talkshow-Gast kenne. Wenn man bestimmte Argumente vor allem für den Applaus im Studio vorbringt, dann leidet oft die Konzentration auf das bessere Argument. Außerdem möchte ich Gästen, die das erste Mal live im Fernsehen sind, eine geschützte Atmosphäre bieten und sie nicht noch zusätzlich einschüchtern.
Es gab auch vor Ihnen schon Polit-Talks, die sich eine stärkere Anbindung an den Alltag und die Stimmen “normaler” Menschen auf die Fahne geschrieben hatten. Meist sind sie auf Strecke daran gescheitert, das konsequent durchzuziehen.
Wieso scheitert man so oft daran? Vielleicht weil es wirklich schwierig ist, jenseits von Funktionsträgern starke Protagonisten zu finden, die nicht nur eine wichtige Erfahrung haben, sondern diese auch vor einer Kamera vermitteln können. Deshalb ist es ein großes Glück, dass ich die Sendung mit i&u Studios machen darf. Das Team verfügt über eine enorme Erfahrung darin, Menschen zu finden, die etwas zu erzählen haben und ihre Geschichte auch in einer Live-Sendung tragen können.
Nach fünf Sendungen übernimmt Maybrit Illner wieder den Sendeplatz. Wie groß ist denn Ihre persönliche Ambition, mit dem Talk später in Regelbetrieb zu gehen?
Im Jurastudium habe ich gelernt, mir das "Boris-Becker-Prinzip" zu eigen zu machen: immer den nächsten Ball zu spielen. So gehe ich durchs Leben. Was ich unmittelbar vor der Brust habe, versuche ich immer bestmöglich zu machen. Was danach kommt, sehe ich, wenn’s soweit ist. Ohnehin stand nie in meinem Lebensplan, Talkshow-Moderatorin zu werden. Das ist jetzt eine Chance, die mich selbst überrascht hat und die ich gern annehme. Das maximale Vertrauen des ZDF macht mich glücklich, bereitet mir aber natürlich auch ordentlich Druck, nach Kräften abzuliefern.
Stimmt es, dass Sie selbst durch einen Talkshow-Auftritt zum ZDF gekommen sind?
Ja, das stimmt. Ich war 2014 beim NDR für die Berichterstattung über den Prozess gegen Christian Wulff zuständig. Am Abend vor dem Urteil war ich bei “Anne Will” zu Gast – mein allererster Talkshow-Auftritt. Danach habe ich viele E-Mails bekommen, darunter eine von Peter Frey (damals ZDF-Chefredakteur, Anm. d. Red.). Ich fühle mich im ZDF mit all den Möglichkeiten, die dieser Sender mir schenkt, unglaublich wohl. Ich habe ein tolles Team, das ich gern leite. Ich bin durch und durch Juristin und empfinde es als großes Privileg, im “heute journal” aktuelle Rechtsfragen und Gerichtsurteile erklären zu können. Ich mache wahnsinnig gern Reportagen, weil ich dabei selbst immer wieder Neues lerne. Und ich moderiere auch gerne Sendungen – ob nun ein “ZDF spezial”, “WISO” oder jetzt den Talk. Deswegen ist es wirklich kein Blabla, wenn ich sage: Mir kommt es nicht so sehr auf das Gefäß an, solange ich weiter daran arbeiten darf, komplexe Themen in der Tiefe zu durchdringen und die Erkenntnisse anschließend verständlich mit dem Publikum zu teilen.
Frau Tacke, herzlichen Dank für das Gespräch.
"Sarah Tacke" startet am Donnerstag um 22:15 Uhr im ZDF. Thema der ersten Sendung sind die Konsequenzen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD.
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