Frau Gerhardt, vor wenigen Wochen hat sich Arno Müller als Host der Morningshow bei Ihrem Berliner Radiosender 104.6 RTL verabschiedet – nach mehr als drei Jahrzehnten. Sind solche Karrieren in der heutigen Radiowelt eigentlich noch möglich? 

Eine Karriere, wie sie Arno hatte, ist vermutlich nicht noch einmal möglich. Er war ja nicht nur über 35 Jahre der Morningshow-Host, sondern auch noch Programmdirektor. Arno war ein wesentlicher Teil der DNA dieses Senders, hat ihn mit erschaffen, geformt und über all die Jahre an der Spitze des Radiomarktes in Berlin und Brandenburg gehalten. Das ist einmalig. 

Sind Personalitys nicht generell seltener geworden? 

Sie sind anders geworden. Grundsätzlich ist das Radio ja ohnehin nicht ganz so stark von Personalitys geprägt wie das Fernsehen – alleine schon durch die Regionalität. Radiostars, die sich einen bundesweiten Namen gemacht haben, sind deshalb selten. Aber es gibt sie natürlich, und ich bin froh, dass wir sie auch in unserer RTL-Radiogruppe haben. 

Eignen sich Podcasts nicht ohnehin mehr, um Persönlichkeit und Nähe zu vermitteln?

Radio und Podcast sind unterschiedliche Gattungen. Im Radio entstehen Nähe und Vertrauen durch Kontinuität über viele Jahre hinweg. Wer aber seine Stars näher kennenlernen und mit ihnen gewissermaßen mehr Zeit verbringen will, findet vielleicht im Podcast ein passendes Angebot. Ich finde die Abgrenzung allerdings sehr wichtig: Ich betrachte Podcasts als Ergänzung, nicht als Ersatz für das Radio. 

Dennoch waren die Zeiten für das Radio mal leichter. Was sind die größten Herausforderungen, mit denen es diese Gattung derzeit zu tun hat?

Eines vielleicht vorweg: Radio wird seit vielen Jahren massiv unterschätzt, dabei hat es eine sehr hohe, sehr konstante Nutzung. Über 90 Prozent der Menschen hören Radio, 75 Prozent sogar täglich – und meist dann auch mit einer hohen Verweildauer. Durch den Start zahlreicher neuer Radiosender ist die Vielfalt in den letzten Jahren sogar noch gewachsen. Gleichzeitig ist die Situation für den Markt heute komplexer denn je: Reichweite bedeutete früher hohe Umsätze und damit Möglichkeiten, ins Programm zu investieren. Inzwischen bekommen auch wir die rückläufigen Werbeerlöse im Medienmarkt zu spüren. Wir haben wirtschaftlichen Druck durch Kriege, Instabilität auf der Welt und die daraus resultierende Inflation mit Auswirkungen auf unsere Werbefinanzierung. Dazu sind komplexere Verbreitungsstrukturen gekommen, weil die Menschen Radio auf allen möglichen Plattformen und Endgeräten hören wollen. All das bedeutet steigende Kosten für alle Marktteilnehmer. Die größte Herausforderung besteht heute darin, unsere hohe Relevanz zu halten und weiter zu wachsen. Allerdings wird nicht jeder Anbieter auf dem deutschen Radiomarkt wachsen können. Dafür sind es einfach zu viele Programme. Es wird daher aus meiner Sicht in Zukunft noch deutlich mehr Zusammenarbeit geben müssen.

Was bedeutet das für Ihr Haus? 

RTL Radio Deutschland besitzt ein ziemlich großes Radio-Portfolio mit ganz unterschiedlichen Beteiligungen und Gesellschaftern. Wir prüfen grundsätzlich natürlich immer, an welchen Stellen größere Einheiten sinnvoll sein könnten und wie sie sich umsetzen lassen, schließlich hat auch nicht jeder Gesellschafter immer das gleiche Interesse. Und dann haben wir es häufig auch noch mit rechtlichen Hürden zu tun. Wir stoßen also an Beteiligungsgrenzen, an Programmzahlbeschränkungen, aber auch an medienrechtliche, kartellrechtliche Grenzen. In diesem Wirrwarr sind wir angehalten, die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen.

Die ARD setzt gerade eine große Radioreform um, in deren Zuge es weniger öffentlich-rechtliche Sender geben soll. Das müssten doch gute Nachrichten für Sie sein, oder?

Wir befinden uns weiterhin in einem intensiven Wettbewerbsverhältnis mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Daran hat sich auch durch die Reformen nichts verändert. Durch die Vorgaben, die die ARD von der Politik bekommen hat, hatten wir natürlich die Hoffnung, dass es zu einer gewissen Schärfung des Profils kommen wird. Gleichzeitig überrascht es uns nicht, dass es jetzt nicht die Popwellen sind, die eingestellt werden, sondern Klassik- oder Schlagersender, die viel geringer genutzt werden. Auch gibt es eine Programm-Verlagerung in den Online-Bereich anstelle von Streichungen. Aus Sicht der ARD kann ich das nachvollziehen. Für uns hat sich die Situation damit nicht verbessert.

 

"Natürlich möchten wir nicht unsere DNA aufgeben und aus unserem Sender eine sprechende Fernsehzeitung machen."

 

Das R in RTL steht für Radio, dennoch hat man von außen den Eindruck, dass die großen Prioritäten inzwischen anderswo verortet werden, allen voran durch die Übernahme von Sky. Wie sehr müssen Sie für das Radioangebot kämpfen?

Natürlich sind wir eine von vielen Units im großen RTL-Kosmos, auch wenn wir der Ursprung sind. Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren aber viel getan, so sind wir inhaltlich organisatorisch inzwischen bei RTL Deutschland aufgehängt und nicht mehr bei der RTL Group. Durch diese Verzahnung ist unsere Wahrnehmung innerhalb der Inhalte-Welt gestiegen. Nicht zuletzt deshalb arbeiten wir auch gerade an einem großen Radio-Projekt, das diese Verzahnung auch für das Publikum noch stärker erlebbar machen wird. 

Sie spielen auf das bundesweite RTL Radio an, in dem schon seit einigen Wochen ein Countdown auf Veränderungen am 3. August hinweist. Was planen Sie konkret? 

Die RTL-Radiogruppe war früher sehr regional geprägt, aber seit 2020 sind wir bekanntlich mit zwei Plätzen auf dem nationalen Bundesmux vertreten – mit dem Kinder- und Familiensender Toggo Radio und RTL Deutschlands Hit-Radio. Bislang war Letzterer sehr stark angelehnt an 104.6 RTL. Ähnlicher Sound, gleiche Moderatoren, ähnliche Inhalte. Das werden wir jetzt ändern mit einem umfangreichen Relaunch von RTL Radio, das wir neuerdings als RTL Radio Feel Good Music positionieren. Wir setzen auf ein Musikformat, das es in UK und den USA schon lange im nationalen Radio gibt. Das verbinden wir mit der positiven Entertainment-Welt von RTL, die wir damit erstmals bundesweit ins Radio bringen. Im Zuge dessen übernehmen wir den berühmten Dreiklang, setzen auf Patrick Linke als Station Voice und werden Personalitys und Formate, die man aus dem Fernsehen kennt, auch im Radio abbilden. 

Also wird RTL Radio zum Werbesender fürs Fernsehprogramm?

Da möchte ich deutlich widersprechen, weil es genau das nicht sein soll. Natürlich möchten wir nicht unsere DNA aufgeben und aus unserem Sender eine sprechende Fernsehzeitung machen. Wir wollen ein Radioangebot schaffen, das die große Stärke von RTL nutzt. Das kann sonst keiner in Deutschland und das ist ein echter Schatz, der noch nicht gehoben wurde. Zum Must-See-Content kommt Must-Hear-Content.

Lassen Sie uns noch ein wenig mehr in die Tiefe gehen. Wen oder was bekommen die Hörerinnen und Hörer von RTL Radio künftig zu hören? 

Simon Kober, der in der Vergangenheit immer wieder im nationalen Programm moderiert hat, wird Moderator der neuen Morningshow. Daneben wird auch Sarah Oswald, die von ntv und RTL bekannt ist, aber auch jetzt schon bei Spreeradio moderiert, künftig bei RTL Radio zu hören sein. Gleichzeitig gehen wir mit Oliver Geissen und der "Ultimativen Chartshow" an den Start, wir nehmen aber auch radiogerechte Versionen der RTL-"Punkt"-Sendungen sowie "Exclusiv" ins Programm. Es wird also tägliche Formate geben, die man aus dem Fernsehen kennt. Und es werden im September und Oktober noch weitere wohlbekannte Personalitys zu uns kommen. Das wird groß.

Sie haben sich mit dem Neustart ein paar Wochen Zeit gelassen. Weshalb dieser zeitliche Puffer?

So einen Relaunch, wie wir ihn bei RTL Radio durchführen, hat es in dieser Form noch nicht gegeben. Das braucht Zeit - auch vor dem Hintergrund, dass das Projekt zeitlich mit Arnos Abschied bei 104.6 RTL zusammenfällt. Jetzt sind wir bereit für den nächsten Schritt, mit dem wir dann auch in die gewohnte MA-Phase starten können. 

Frau Gerhardt, vielen Dank für das Gespräch.