Bei einem Konzern dieser Größe gibt es immer etwas, was Schlagzeilen macht, daher wird es nie ruhig um die Walt Disney Company. Weder geschäftlich - beim Blick in die USA - noch bei der Präsenz im deutschen Markt. Mit den schon im Vorjahr angelaufenen Filmen „Zoomania 2“, insbesondere aber „Avatar: Fire and Ash“, ist Disney stark ins Kinojahr 2026 gestartet. „The Devil Wears Prada 2“ legte gut nach. 

Doch bei Disney+ waren es zuletzt wenig Impulse „made in Germany“. Mehr als 10 Monate ist es her, dass im September vergangenen Jahres mit „Call My Agent Berlin“ das letzte deutsche Disney+ Original gestartet ist. Kurz danach wurde im vergangenen Oktober Hulu als Dachmarke für das Serienangebot abseits der großen Disney-IPs eingeführt, aber Nachschub aus Deutschland blieb zuletzt aus.

Viel wurde angekündigt, gerade erst im März bei einem Screening in Berlin. Kurz danach wurde jedoch bekannt, dass Benjamina Mirnik-Voges, VP Original Productions für Disney+ im deutschsprachigen Raum, von Bord geht. Ihre Stelle ist auch bis heute nicht nachbesetzt. Die immer drängendere Frage nach den Ambitionen im deutschen Markt beantwortet Disney in den kommenden Monaten mit einem Ausrufezeichen.

Nach Pause wieder lokale Impulse für Disney+

Drei lokale Neustarts binnen nur drei Monaten - und das nach der langen Pause - wirken wie ein wohl orchestriertes Comeback nachdem zu Jahresbeginn der neue Wettbewerber HBO Max das Rampenlicht stahl. Rückblickend wirkt es beinahe so als wenn man gegen die Marketing-Power zum Deutschlandstart der Konkurrenz bei Disney lieber die Kräfte geschont hat. Umso wichtiger werden die kommenden Monate.

Am 16. September startet die dystopische Vampir-Serie „City of Blood“ von Amusement Park Films, zwei Wochen später die erste Realitysoap des Streamers, „Yacht Deals Monaco“. Mit der Produktion von Leonine Documentaries wagt sich Disney+ erstmals ins allgemein stark nachgefragte Reality-Genre vor. Und im November soll laut letzter öffentlicher Kommunikation die frivole Historien-Dramedy „Vienna Game“ von Satel Film folgen.

Von heutigem Luxus und Drama unter den Sonnenschirmen der Côte d’Azur, lustvoller Opulenz der Schönen und Reichen des 19. Jahrhunderts und Klimakrise und Vampiren der Zukunft: Wo andere Streamer stark in Richtung Mainstream schwenken, legt Disney noch einmal mit Genre-Stoffen nach. Weitere Projekte, die für 2027 und darüber hinaus angekündigt wurden, pendeln jedoch auch hier ein Stück weit Richtung Mainstream.

Doch die Offensive bei Disney+ ist nicht alles: Beim Screenforce Festival in Düsseldorf kündigte Disney auch das Rebranding seines freiempfangbaren Fernsehsenders an. Zum Jahresende soll aus dem Disney Channel dann Disney TV werden. Eine Konsequenz aus der stetigen Entwicklung des Senders der vergangenen Jahre: Immer häufiger punktete der Sender mit seiner Primetime-Programmierung. 13 Jahre nach seinem Start im FreeTV wird der Sender, der einst im Bezahlfernsehen als klares Kinder- und Familienprogramm gestartet ist, erwachsen.

Disney TV: Der Sender wird erwachsener 

Disney TV soll im linearen Fernsehen stärker zum Schaufenster des kostenpflichtigen Programmangebots von Disney+ werden. Und dort betont man seit Marktstart auch schon oft genug, dass Disney längst mehr ist als Mickey, Donald und das Märchenschloss. Nicht zuletzt durch die Einführung der Submarke Hulu. In München feiert man das gerade auch noch bis kommenden Sonntag mit einem "Hulu auf Disney+ Sommerfestival", das einige Programmhighlights mit Augenzwinkern erlebbar macht.

Das Rebranding des Disney Channel in Disney TV ist allerdings mehr als ein Marketinginstrument. Es ist eine Notwendigkeit, damit die Vermarktungstochter Disney Advertising in Deutschland an mehr Werbebudgets ran kommt als bisher: Für Sender unter der Marke Disney Channel gelten bei Disney intern strikte „Healthy Living Guidelines“, die beispielsweise Werbung für Fast Food und Süßigkeiten verbieten.

Mit dem Rebranding in Disney TV - übrigens der erste Sender mit diesem Branding weltweit - will man künftig auch an diese Werbekunden ran. Allerdings, so heißt es bei Disney Advertising, auch weiterhin nicht im Umfeld von Kinderprogrammen. Da deren Anteil am Programm des Senders jedoch schrumpft, ergeben sich mehr Vermarktungsmöglichkeiten für einen frei empfangbaren Sender, der zuletzt schon immer mal wieder in den Top10 der meistgesehenen Sendungen des Tages grüßte.

Mehr Vermarktungschancen, mehr Ambitionen

Im linearen Fernsehen wie im Streaming setzt Disney damit in den kommenden Monaten auf eine neue Offensive, die nicht nur bislang bereits bestellte Felder verteidigen sondern neue Erlösquellen erschließen soll. Das alarmiert Konkurrenten und weckt Fantasien beim Publikum: Von der Kino-Premiere über die Streaming-Auswertung bis zur FreeTV-Premiere kann Disney künftig alle relevanten Verwertungsfenster inhouse selbst anbieten und vermarkten. 

Bislang schien es lukrativer, manche Premieren im FreeTV noch an die großen Privatsender zu verkaufen, insbesondere bei den Ikonen unter den Disney-Marken. Jetzt stellt man sich für die künftige Eigenverwertung auf: Die Frage, wie groß die Walt Disney Company ihr neues Disney TV in Deutschland machen will, wird damit eine der spannendsten im linearen deutschen Fernsehmarkt 2027.