Jürgen Doetz / Helmut Thoma © DWDL.de / Tilman Schenk
Gipfel der Pioniere mit Doetz und Thoma

Helmut Thoma: "Zerschlagt die Senderfamilien!"

 

Sie sind die Gründerväter des Privat-TV: Vor 30 Jahren brachte Jürgen Doetz Sat.1 auf Sendung, Helmut Thoma startete RTL plus. Im großen DWDL.de-Interview sprechen sie über die Anfänge, streiten aber auch über Fehlentwicklungen des TV-Markts.

von T. Lückerath & T. Zarges
30.12.2013 - 09:37 Uhr

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Herr Doetz, Herr Thoma, sehen Sie zum 30-Jährigen des Privatfernsehens mehr Grund zum Feiern oder zum Klagen?

Helmut Thoma
: Grundsätzlich finde ich es erfreulich, dass sich das private System durchgesetzt hat, das ja eigentlich unserer sozialen Marktwirtschaft entspricht. Eher ist zu beklagen, dass es noch immer ein so gigantisches, aufgeblasenes öffentlich-rechtliches System gibt. Aber auch innerhalb des Privatfernsehens ist leider Gottes viel schief gelaufen. Deutschland ist eben das einzige Land, in dem die Zuständigkeit fürs Fernsehen bei den Bundesländern liegt. Alles ist provinzialisiert in einem Ausmaß, dass man nur staunen kann. Gäbe es gar keine Behörden, wäre es sicher nicht schlimmer, eher besser.

Jürgen Doetz
: Wir haben uns ja schon immer gern widersprochen, Herr Thoma. Ich glaube, wir haben durchaus Grund, auf die 30 Jahre stolz zu sein. Es gibt über 200 private Fernsehsender – wenn das damals jemand vorausgesagt hätte, wäre er für verrückt erklärt worden. Wir sind Garanten einer Vielfalt, für die uns die ganze Welt lobt. Sie können in Deutschland alles sehen, was Sie interessiert – privat oder öffentlich-rechtlich.


Helmut Thoma: Wir haben schon längst kein duales System mehr! Wir haben zwei Systeme – eines für die Alten und eines für die Jüngeren. Bei den 14- bis 59-Jährigen – das ist im Grunde die arbeitende Bevölkerung – haben ARD und ZDF addiert noch 16,4 Prozent Marktanteil. Da haben sich die Öffentlich-Rechtlichen also quasi verabschiedet. Und die 200 Sender? Das sind doch hauptsächlich irgendwelche Visualisierungen der Archive von RTL und ProSiebenSat.1. Die funktionieren ganz gut, weil sie fast nichts kosten. Der Rest darbt und verkommt.

Bleiben wir kurz bei den Öffentlich-Rechtlichen. Es fällt tatsächlich auf, dass Sie, Herr Doetz, als langjähriger VPRT-Präsident inzwischen moderatere Töne gegenüber ARD und ZDF anschlagen als Herr Thoma.

Jürgen Doetz
: Ich bemühe mich um zeitgemäße Sachlichkeit, und dazu gehört nicht nur der Respekt vor kleineren Sendern, sondern auch gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch in Zukunft, auch im Netz – allerdings mit einem klarer definierten Auftrag als heute. Vor allem aber: Wir haben heute eine ganze Menge gemeinsamer Interessen mit ARD und ZDF. Die liegen auf anderen Ebenen als früher, etwa im Urheberrecht oder in der Netzpolitik. Wenn Weltkonzerne als Wettbewerber in den Markt kommen, die keinerlei Regulierung unterliegen, schweißt uns das eher zusammen, als dass es uns auseinander dividiert. Wir wollen die Konvergenz nicht zurückdrehen, wir müssen aber dafür kämpfen, dass wir wettbewerbsfähig bleiben. Den klassischen Streit Privat gegen Öffentlich-Rechtlich gibt es noch dort, wo es wirklich weh tut, im Radio oder bei den Spartenkanälen im Fernsehen, ansonsten ist er weitgehend Historie.

Helmut Thoma
: Herr Doetz, Sie haben ewig als Verbandsfunktionär gewirkt! Sowas prägt. Da ist doch klar, dass man auf Konsens setzen muss. Ich habe immer bewundert, wie schön Sie die Angelegenheiten durchgesteuert haben. Für mich wäre das nichts gewesen. Ich musste mich ums Programm und ums Geschäft eines Senders kümmern. Das haben Sie doch in dieser Form nie gemacht. Da ist es natürlich leicht, den Konsens zu suchen und mit Schlagworten wie "Konvergenz" um sich zu werfen.

Helmut Thoma
© DWDL.de / Tilman Schenk


Was würden Sie denn konkret anders machen?

Helmut Thoma
: Ich würde mich fragen, was Konvergenz eigentlich ist. Sollen jetzt Tablets und Fernseher zusammenwachsen? In Wahrheit kommen gerade die 4k-Bildschirme und irgendwann die Holografie. Die Schirme werden also immer größer. Es ist eine falsche Betrachtungsweise, dass angeblich alles ins so genannte Internet abwandert. Das Internet ist doch längst völlig selbstverständlich und allumfassend geworden. Jeder Flachbildschirm ist praktisch ein vernetzter Computer. Sind wir dafür wirklich optimal aufgestellt, wenn zwei große Sendergruppen das Privatfernsehen mit einem Marktanteil von über 80 Prozent dominieren? Der Berlusconi, auf den alle immer mit dem Finger zeigen, hat mit seinen Sendern in Italien 24 Prozent.

Sie hatten also gehofft und erwartet, dass mehr Sender außerhalb von RTL und ProSiebenSat.1 entstehen würden?

Helmut Thoma
: Na klar, ich war von viel mehr Konkurrenz ausgegangen, wie in anderen Ländern auch üblich. Das ist bei uns ein reines Duopol geworden. Die Folge ist doch, dass heute nichts mehr groß passiert. Würde ich vermutlich auch so machen, wenn ich zuständig wäre. Der deutsche Messie ist inzwischen zum anerkannten Fernsehberuf geworden. Um den balgt man sich, weil er nichts kostet. Die Reichweiten sind seit Jahren gesunken, trotzdem verdienen RTL und ProSiebenSat.1 deutlich mehr als vorher. Mindshare-Chef Christof Baron hat doch bei DWDL eindrücklich das völlige Marktversagen auf dem TV-Werbemarkt beschrieben. Das ist die eigentliche Katastrophe.

"Der deutsche Messie ist inzwischen zum anerkannten Fernsehberuf geworden"

Helmut Thoma


Dass wir ein ausgeprägtes Duopol haben, ist nicht zu bezweifeln. Aber Sie, Herr Doetz, werten das nicht als Marktversagen, sondern eher als redlichen Erfolg der beiden großen Sendergruppen?

Jürgen Doetz
: Sicherlich freue ich mich über den in der Tat redlichen Erfolg der beiden Sendergruppen. Aber der These vom Duopol muss ich widersprechen, sie wird der heutigen Angebotsvielfalt allein schon im Fernsehen nicht gerecht. Zudem blendet sie das Thema Konvergenz aus, auch wenn es, wie wir gerade gelernt haben, immer noch Menschen gibt, die das, was schon lange Realität ist, noch nicht wahrhaben wollen: Das lineare Fernsehen vernetzt sich immer stärker mit dem Internet. Zudem nehmen auch Angebote zu, die dem Fernsehen in seiner Aktualität und Breitenwirkung in nichts nachstehen. Hier existiert schon heute viel mehr Wettbewerb, als es der althergebrachte Begriff vom TV-Markt einengend vermittelt. Wir haben heute einen breit aufgestellten Medienmarkt, in dem es dieses behauptete Marktversagen mit Sicherheit nicht gibt. In Sachen Meinungsvielfalt haben wir daher in Deutschland mit Sicherheit kein Problem. Die ganze Berlusconi-Debatte brauchen wir uns hier nicht anzuziehen. Bei Sat.1 hatten wir ja mal kurze Zeit den Versuch "Zur Sache, Kanzler" – das ist weder uns noch dem Kanzler gut bekommen und wurde nach ein paar Sendungen wieder eingestellt.

Jürgen Doetz
© DWDL.de / Tilman Schenk

Was sich kaum juristisch oder ordnungspolitisch regeln lässt, ist die inhaltliche Entwicklung der Programme – gerade auch die Experimentierfreude, wie sie in der frühen Phase des Privatfernsehens vorhanden war.

Jürgen Doetz
: Aber rund um die großen Sender passiert bei RTL und ProSiebenSat.1 doch eine ganze Menge. Da gibt es eine wachsende Zahl von digitalen Spartenkanälen. Das ist, wenn man so will, noch traditionelles Fernsehen, aber eben mit viel schärferem Blick auf spezifische Zielgruppen. Und im Online-Bereich finden Entwicklungen statt, die für die junge Generation immerhin so spannend sind, dass die Video-, Gaming- und Mobilportale der Senderfamilien mit zu den beliebtesten Angeboten gehören. Obwohl ich nicht mehr am Schalthebel sitze, verfolge ich diese Entwicklungen mit Spannung und Optimismus.

Helmut Thoma
: Lieber Herr Doetz, Sie saßen doch niemals wirklich am Schalthebel des Programms.

Jürgen Doetz
: Nein, aber dort, wo es um technische Reichweiten ging und um bessere Wettbewerbsbedingungen. Da war Sat.1 immer Vorreiter. Terrestrische Frequenzen z.B. auch für Private, mit denen wir letztendlich den Durchbruch zum bundesweiten Veranstalter schafften, verdankten wir alle nicht "Tutti frutti", sondern den Messwagen, die wir durch die Republik gehetzt hatten. Fürs Programm stand bei uns nie einer allein. Auch als Leo Kirch 1996 versuchte, Sie zu holen, war das Problem: So ein Alleinherrscher wie bei RTL hätten Sie nie werden können, weil es auf unserer Seite schon immer ein paar Geschäftsführer und Vorstände mehr gab.

Helmut Thoma
: Ja, vermutlich hätte ich mich dort enorm aufgerieben. Trotzdem tut es mir im Nachhinein sehr, sehr leid, dass ich dieses Angebot nicht angenommen habe. Das ging ja damals sogar so weit, dass mich der Herr Bundeskanzler Helmut Kohl ansprach: Kirch ist ein bisschen in Schwierigkeiten, würden Sie ihm helfen? Der Bundeskanzler als Headhunter – das war schon toll. Aber ich Dummkopf habe abgelehnt, weil ich immer noch an RTL hing.

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