Jay Marine Georgia Brown © Amazon
Interview mit Jay Marine und Georgia Brown

"Auch Amazon kennt keinen Algorithmus für Erfolg"

 

Setzt Prime Video nun auf wöchentliche Veröffentlichung neuer Serien? Geht es nur noch um Exklusiv-Deals und die größten Budgets? Wie steht es ums Europa-Geschäft? Antworten von Jay Marine (VP Prime Video Europe) und Georgia Brown (Director European Originals).

von Thomas Lückerath , London
05.10.2018 - 10:00 Uhr

Jay, sie sind vor dreieinhalb Jahren nach Europa gekommen, um hier den Ausbau von Prime Video zu koordinieren. Worin unterscheidet sich Prime Video heute von damals?

Jay Marine: Die Größe. Und die Ambitionen von Prime Video sind gewachsen ebenso wie die Zusammenarbeit mit Talents, vor und hinter der Kamera, die viel intensiver geworden ist. Wissen Sie: Man kann ein Produkt genau planen und launchen, aber von den besten Kreativen als attraktiver Partner gesehen zu werden - das muss man sich erst verdienen und die richtige Umgebung dafür schaffen. Ich glaube, das war in den vergangenen drei Jahren eine wichtige Entwicklung, die auch darin resultierte, dass Georgia nun unsere europäischen Eigen- und Koproduktionen koordiniert und wir personell aufgestockt haben bzw. aufstocken werden. Ich glaube, es ist inzwischen auch klar, dass wir es erst meinen mit lokalen Eigenproduktionen: Mit „Bibi & Tina“ haben wir unsere sechste deutsche Eigenproduktion nach „You are Wanted“, „Pastewka“, „Der Lack ist ab“, „Deutschland 86“ und „Beat“ angekündigt. Schauen Sie sich einfach das Spektrum an Genres an.



Georgia, wie hat man sich das vorzustellen, wenn Amazon Studios in Europa wachsen will? Gibt es konkrete Positionen oder Verantwortlichkeiten in Märkten, die sie etablieren wollen?

Georgia Brown: Wir wollen unser redaktionelles Team weiter ausbauen mit Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort agieren. Die die lokale Sprache sprechen, die Kultur und den Geschmack kennen. Wichtig ist auch, dass sie autonom Entscheidungen über Entwicklungsaufträge treffen können - und zwar im Meeting, auf eigene Verantwortung und ohne Abstimmungsschleifen. Das ist für mich der Schlüssel zu unserem dauerhaften Erfolg in Europa, was die Produktionsseite betrifft.

Und wie sieht es bei Ihnen persönlich aus. Wie zugänglich und erreichbar ist Amazon Studios, wenn man nicht Matthew Weiner heißt? Wie oft haben kleine Produktionsfirmen die Chance, gehört zu werden? Haben die eine Chance zu ihnen durchzudringen?

Georgia Brown: Absolut, natürlich. Wir arbeiten mit einer unglaublichen Vielzahl neuer, junger Produzenten in Europa. Das ist der Teil meiner Arbeit, der mich am meisten begeistert. Es ist so spannend, neue Köpfe zu treffen und Ideen zu hören. Wir werden auch Einiges, was daraus entstanden ist, in Kürze ankündigen. „Deutsch-Les-Landes“ ist auch ein tolles Beispiel, koproduziert von Sandra Ouaiss mit Elephant, einer Produktionsfirma, die es noch keine zwölf Monate gibt. Für uns zählt die Idee, egal ob wir mit jemandem vorher schon gearbeitet haben oder ob wir ein Skript von jemandem bekommen, der noch nie zuvor etwas geschrieben hat.

Und wie erreichen solche Stoffe Sie am besten?

Georgia Brown: Per eMail? Oh, damit komme ich jetzt in Teufels Küche (lacht).

Zunächst waren es die Kreativen, die in den SVoD-Playern neue Partner sahen. Inzwischen gibt es aber auch nationale Sender, die über ihren Schatten gesprungen sind und mit ihnen gemeinsam Projekte realisieren, die sie alleine nicht stemmen können oder wollen. Da hat Amazon dann aber eben nicht in allen Ländern die Rechte bzw. gibt Verwertungsfenster ab. Welche Rolle spielen solche Koproduktionen für Amazon Studios?

Georgia Brown: Wir gehen offen in jedes Gespräch, das man mit uns sucht. „Good Omens“, „Deutschland 86“ und „Deutsch-Les-Landes“ haben alle sehr individuelle Entstehungsgeschichten und Partnerschaften. Auch wenn exklusive Eigenproduktionen natürlich ihren besonderen Reiz haben, würden wir vielen unserer Kunden außergewöhnliche Programme vorenthalten, wenn wir nicht offen wären für Partnerschaften.



Stichwort "Good Omens“. Sehr vielversprechend, aber auch sehr britisch. Es war ja auch ursprünglich von der BBC geplant. Welchen Dreh hat Amazon der Produktion gegeben?

Georgia Brown: Ich würde sagen, die Serie hat eine klare Amazon-Handschrift. Wenn ich gefragt werde, nach welchen Serienstoffen wir bei Amazon schauen, dann ist "Good Omens" ein gutes Beispiel. Es hebt das Genre auf ein neues Level, die Besetzung ist ganz bemerkenswert und die Bücher sind unglaublich ausgefallen, selbst für Neil Gaiman. Er testet mal wieder Grenzen aus. All das macht es zu einer Amazon-Serie.

Man merkt der Serie aber definitiv im Humor ihre britischen Wurzeln an. Funktioniert so etwas auch international?

Georgia Brown: Ich glaube, dass es sehr viele Fans dieser Britishness gibt. Was mir bei Amazon Studios so einen Spaß macht, ist die Chance, solche einzigartigen Programme über Grenzen hinweg auch unseren Kunden in anderen Ländern zugänglich zu machen. Wir transportieren mit unseren Serien ja Geschichten, Kultur, Bilder und oftmals auch Schauspielerinnen und Schauspieler über Grenzen hinweg. Wir leben in aufregenden Zeiten für Geschichtenerzähler.

Jay Marine: Ich habe "Good Omens" vor fünfzehn Jahren gelesen, als ich noch in den USA gelebt habe und musste schon damals mitunter so laut gelacht, dass meine Frau fast genervt war. Es sind vielleicht ein paar Referenzen drin, für man nur als Brite besser versteht, aber die Erkennntnis der vergangenen Jahre ist doch: Unverwechselbar und einzigartig zu sein macht den Erfolg aus. Lieber spezieller Humor als ein austauschbarer.

"Fernsehen ist keine Wissenschaft mit verlässlichen Formeln"
Jay Marine, VP Prime Video Europe

Sie haben einen Exklusivdeal mit Neil Gaiman geschlossen, der ordentlich was kosten wird. Auch andere Plattformen haben teure Exklusiv-Verträge mit großen Namen im TV-Geschäft. Und Amazon will mit „Der Herr der Ringe“ die teuerste Serie aller Zeiten drehen. Sind wir angekommen in einem Markt, in dem es nur noch um Summen und Größe geht?

Jay Marine: Sehen Sie, wir sind einerseits in einer Industrie, die mit Produktionsaufträgen für Ideen immer schon große Wetten auf den Erfolg einzelner Programme abgeschlossen hat. Fernsehen ist keine Wissenschaft mit verlässlichen Formeln. Auch Amazon kennt keinen Algorithmus für Erfolg. Und andererseits agieren wir in einem Markt, der sich gerade findet und jeder sein Revier absteckt. Seien Sie versichert: Wir evaluieren jedes Projekt, aber am Ende braucht es den Glauben an die Kreativen und die Umsetzung ihrer Vision.

Spielen andere unternehmerische Aktivitäten von Amazon und mögliche Synergien eine Rolle bei der Auswahl von Stoffen?

Georgia Brown: Wir kümmern uns bei Amazon Studios wirklich einzig darum, tolle Serien und Formate zu produzieren. Als ich zu Amazon gewechselt bin, wurde ich von einigen Freunden damit aufgezogen, ob ich jetzt Serien produzieren muss, um Windeln zu verkaufen. Nein, definitiv nicht. Mein Job ist - wie auch der von unserer neuen Chefin Jennifer Salke - allein auf die Produktion der besten Geschichten fokussiert. Wäre es anders, würden wir nicht mit so großen Stars arbeiten können wie wir es tun. Wir hatten heute Julia Roberts, Orlando Bloom, Jon Hamm, David Tennant, Martin Sheen und so viele mehr auf der Bühne, weil wir in unserem Anspruch kompromisslos sind. Ich glaube eher, dass mancher der vom Privatfernsehen kommt, genau davon weg will: Fernsehen für Werbekunden zu machen.

Jay Marine: Wir lieben unser Geschäftsmodell, weil es einzigartig ist. Schnellere Lieferungen von Amazon-Bestellungen kombiniert mit digitalen Unterhaltungsangeboten wie Prime Video und Prime Music, die stetig wachsen - und das alles zu einem unglaublich günstigen Preis. Prime Video und seine Serien und Formate spielen eine große Rolle für den Erfolg und Wert von Prime. Wenn wir ihnen so viel Gutes bieten, dass die Mitgliedschaft verlängert wird, dann haben wir unseren Job gut gemacht.

„Die Romanoffs“ von Matthew Weiner werden von Prime Video wöchentlich veröffentlicht. Ist das die Abkehr von der Veröffentlichung ganzer Staffeln an einem Tag?

Jay Marine: Wir haben beides schon probiert. Matthew Weiners Wunsch war es, 'Die Romanoffs' wöchentlich zu veröffentlichen. Die Serie ist in ihrer Art aber auch so einzigartig, dass es sich hier anbietet weil alle Folgen in sich abgeschlossen sind. Bei anderen Serien ist das Bingewatching ein Erlebnis, das unser Publikum nicht missen will. Ich denke, wir werden künftig eine Mischung aus beiden Möglichkeiten erleben.

Georgia, mit dem nun angekündigten sechsten deutschen Prime-Original bleibt auch Budget-technisch die Frage: Muss man dafür auch mal Abschied nehmen, zum Beispiel von „You are Wanted“?

Georgia Brown: Die Frage stellt sich derzeit nicht. Matthias Schweighöfer ist, wie Ihnen ja bekannt ist, einer der gefragtesten deutschen Schauspieler und hat derzeit erst einmal viele andere Projekte.

Georgia, Jay, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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