Esther Sedlaczek © A&E/Sebastian Reuter
DWDL.de-Interview mit Esther Sedlaczek

"Was einem Medien mitgeben, muss man immer hinterfragen"

 

Sportmoderatorin Esther Sedlaczek schlägt neue Wege ein und präsentiert bei A&E eine Doku über Sekten und radikale Ideologien. Mit DWDL.de spricht sie über die Dreharbeiten, Jobs fernab des Sports und die Rolle von Medien in liberalen Gesellschaften.

von Timo Niemeier
19.11.2018 - 16:37 Uhr

Frau Sedlaczek, für die A&E-Doku "Total Control - Im Bann der Seelenfänger" waren Sie in der Republik unterwegs und haben sich mit Sekten-Aussteigern, ehemaligen Neonazis, Opfern des DDR-Regimes und früheren al-Qaida-Anhängern getroffen. Wo lag für Sie da der Reiz? Sie sind ja vor allem als Sportmoderatorin bekannt.

Esther Sedlaczek: Ja, das stimmt. Die Doku behandelt ein Themenfeld, mit dem ich mich bislang noch nicht so sehr beschäftigt habe. Auch deshalb hat mich das so gereizt, weil es etwas völlig anderes ist. Und darüber hinaus natürlich, weil das Thema spannend ist. Es geht viel mehr in die Tiefe als meine Sport-Berichterstattung, da liegt der Reiz.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit A&E und Produzent Emanuel Rotstein gekommen?

Wir haben vor zwei Jahren schon einmal bei einer anderen Dokumentation zusammengearbeitet, allerdings in anderer Art und Weise. In diesem Fall ist Emanuel auf mich zugekommen und wir haben dann ein zweites Mal zueinander gefunden. Ehrlich gesagt musste ich nicht lange überlegen und habe schnell zugesagt.

Wollten Sie schon immer mal etwas fernab des Sports machen oder kam das ganze jetzt auch für Sie überraschend?

Grundsätzlich bin ich niemand, der sich festfährt und sich nur auf einen Bereich fokussiert. Ich bin immer offen für Themen, die mich interessieren. Ich habe es aber nicht darauf angelegt.

Wieso nun gerade das Thema Sekten und radikale Ideologien?

Weil es den Menschen an sich behandelt, weil es um Psychologie geht und darum, wie Menschen funktionieren und wie sie sich manipulieren lassen. Das finde ich interessant. Und es vermittelt übrigens auch den Zuschauern ganz viele Informationen und Eindrücke.

In der Doku sprechen Sie ja mit einer Reihe von Menschen. Vom al-Qaida-Aussteiger bis hin zum Opfer der DDR. Wie tief kann man da überhaupt gehen in der Recherche? Es gibt ja nur diese rund 45 Minuten Sendezeit. Eigentlich könnte man auch eine ganze Reihe zu dem Thema machen.

Ja, total. Ich bin aus jedem einzelnen Drehtag mit einem rauchenden Kopf gegangen. Ich habe mich von morgens bis abends mit diesen Menschen beschäftigt und mit ihnen gesprochen. Das war wahnsinnig spannend und vermutlich hätte es Stoff gegeben für sieben solcher Dokus, aber wir waren in Sachen Sendezeit einfach begrenzt, so dass einige Punkte vielleicht nicht ganz so ausführlich behandelt werden konnten, wie sie es eigentlich verdient haben. Ich bin froh, dass ich nicht in der Haut von Emanuel stecken musste, der das ganze geschnitten hat. Aber natürlich hat das viel hergegeben. Die verschiedenen  Themen hatten auch Parallelen, aber jede Geschichte steht für sich. Die einen wurden festgenommen, die anderen haben ihren Weg freiwillig gewählt.

Wie haben Sie die Protagonisten davon überzeugt, über Ihre Vergangenheit zu sprechen? Das ist ja nicht immer leicht, vor allem dann, wenn man ein Opfer eines Unrechtsstaates war. Oder wenn man sich durch seine Aussagen einer Gefahr aussetzt.

Ich habe bei allen gemerkt, dass sie den Menschen da draußen was mitgeben und erklären wollen. Sie wollen beispielhaft vorangehen. Warum sind sie überhaupt in diese Szene reingerutscht? Und wie wieder rausgekommen? Ich habe bei allen den Auftrag erkannt, dass sie den Menschen klarmachen wollen, wie es wirklich in so einer Vereinigung ist - damit es ihnen eben nicht auch passiert. Deshalb war die Bereitschaft sehr hoch, sich vor die Kamera zu stellen und ihre Geschichten zu erzählen.

Total Control - Im Bann der Seelenfänger
© A&E/Jörg Koch
Esther Sedlaczek mit den beiden al-Qaida-Aussteigern Irfan Peci und Eren Recberlik.

Wo lagen die Herausforderungen bei den Dreharbeiten für Sie?

Die große Herausforderung war es, eine Ebene zu finden, in der die Protagonisten alles erzählen. Also auch über solche Momente sprechen, in denen sie sich heute manchmal noch schwach oder schuldig fühlen - und dabei sollen sie sich nie schlecht fühlen. Ich habe versucht, unvoreingenommen ranzugehen. Bei den al-Qaida-Aussteigern zum Beispiel: Es sind Menschen, die in diese Schiene abgedriftet sind und ich will wissen, warum. Das ist auch der Auftrag der Doku. Wie passiert sowas? Und noch wichtiger: Wie kann man sich daraus wieder befreien?

Wie geht man unvoreingenommen in ein Gespräch mit al-Qaida-Aussteigern?

Das ist natürlich schwierig, viele meiner Freunde haben mich danach gefragt. Ich hatte mir zuerst eine ganze Palette an Fragen aufgeschrieben und irgendwann gemerkt, dass das gar keinen Sinn macht. Beim Fußball kann ich mir ein Gerüst an Fragen überlegen, da ist ja auch die Zeit sehr viel knapper. Das habe ich für die Doku aber komplett über Bord geworfen und bin sehr offen in die Gespräche gegangen.

In der Doku heißt es, liberale Gesellschaften würden in Gefahr geraten. Welche Rollen spielen da die Medien?

Das hat Edda Schönherz, die in der DDR im Gefängnis saß, weil sie das Land verlassen wollte, in der Doku eigentlich ganz schön gesagt: Gerade die jungen Menschen sollten sich immer wieder daran erinnern, dass man um Demokratien kämpfen muss. Eine Demokratie ist nichts Selbstverständliches. Und auch das, was einem die Medien mitgeben, muss man immer hinterfragen. Die eigene Meinung ist das höchste Gut, man darf sich da von niemandem steuern lassen. Auch nicht von Medien.

"Ich forciere das nicht, habe aber Lust auf mehr und bin neugierig."
Esther Sedlaczek über mögliche weitere Projekte fernab des Sports.

Müssen sich Medien verändern?

Natürlich haben die Medien einen großen Einfluss auf die Meinungsbildung der Menschen. Aber trotzdem bleibt es wichtig, alles zu hinterfragen und nichts als gesetzt zu sehen. Ob sich Medien verändern müssen? Das ist auch für mich schwer zu sagen. Ich arbeite selbst für einen Fernsehsender. Das wichtigste ist, dass die Berichterstattung transparent ist. Inwieweit das der Fall ist oder ob sich Medien ändern müssen, das will ich in meiner Position nicht bewerten.

Könnten Sie sich vorstellen, weitere Projekte fernab des Sports anzugehen? Und welche Themen würden sie dabei besonders interessieren?

Wenn sowas in Zukunft nochmal passiert und jemand mit einem spannenden Thema auf mich zukommt, wieso nicht. Ich forciere das nicht, habe aber Lust auf mehr und bin neugierig. Grundsätzlich finde ich es toll, mich mit Menschen zu beschäftigen und mir ihre Geschichten anzuhören. Gerade auch dann, wenn ich merke, dass ich an die Menschen rankomme und mich auf einer Ebene mit ihnen austauschen kann, die den Zuschauern ein paar spannende Einblicke ermöglicht. Das haben wir mit der Doku geschafft.

Frau Sedlaczek, vielen Dank für das Gespräch!

A&E zeigt die Doku "Total Control - Im Bann der Seelenfänger" an diesem Montag um 21 Uhr.

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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