Nick Brambring, Zattoo © Zattoo
Zattoo-CEO Nick Brambring im DWDL.de-Interview

"Die Ansprüche an eine TV-Plattform werden weiter wachsen"

 

15 Jahre nach dem Start hat sich die Streaming-Plattform Zattoo etabliert. Im DWDL.de-Interview spricht CEO Nick Brambring über anfängliche Herausforderungen, die Sofa-Revolution im Streaming und neue Konkurrenten am Markt.

von Thomas Lückerath
10.07.2020 - 10:09 Uhr

Herr Brambring, wenn wir auf die ersten 15 Jahre von Zattoo zurückblicken, was hat die meisten Nerven gekostet: Die Technik, die Rechte-Fragen oder der Kampf gegen gelernte Gewohnheiten bei den Kunden?

In der Gründungsphase war alles gleichzeitig eine Herausforderung. Wir haben anfangs ja auf eine Peer-to-Peer-Technologie gesetzt, die günstiger war als die damals noch sehr hohen Kosten für einen Unicast, aber so ihre Probleme mit sich brachte. Was die Rechteklärung angeht, gab und gibt es in der Schweiz immerhin eine besondere Situation, die so etwas wie Zattoo überhaupt erst möglich gemacht hat. Aber der Kampf gegen Gewohnheiten war sicher die langwierigste Herausforderung, weil wir ein Produkt hatten, das irgendwie cool war, aber viel Überzeugungsarbeit nötig machte, weil nicht sofort klar war, was der Use Case für Zattoo ist.

Mit welchem Use Case ist Zattoo denn in den Markt gegangen?

Wir hatten uns positioniert als Ergänzung zum bestehenden Kabel- oder Satellitenanschluss. Die Nutzung pro User lag bei unter zehn Stunden im Monat, weil die mobile Nutzung damals noch das Notebook bedeutete, was wiederum ja auch Wifi brauchte. Smartphones und Tablets waren ja noch nicht erfunden. Das Angebot war ausschließlich kostenfrei und werbefinanziert. Ein ganz anderes Produkt als heute also. 

Inwiefern völlig anders?

Heute kommt der mit Abstand größte Teil unserer Umsätze aus Subscriptions, nicht mehr über die Werbung. Der Großteil der Nutzung ist heute auf den großen Screens im Wohnzimmer und unsere Nutzer verbringen pro Tag im Durchschnitt zwei Stunden mit TV bei Zattoo. Aus einem Zusatzprodukt wurde ein Ersatzprodukt für den traditionellen Kabel- oder Satellitenanschluss. Und auf der Rechte-Seite sind wir in Deutschland auch viel weiter, können Dinge wie Timeshift und Net-PVR anbieten, wenn auch noch nicht das Seven-Day-Catch-Up wie in der Schweiz. Diese Verhandlungen waren zu Beginn mein Thema bei Zattoo, ich startete im Januar 2007 als Content Acquistions Manager. Sie sprachen eben drei mögliche Problemfelder an. Wir hatten am Anfang ein ganz anderes, viertes Problem.

Welches?

Unser Geschäft war am Anfang auf die Refinanzierung via Werbung ausgelegt. Wir hatten die Technik geklärt, die Rechte geklärt und Nutzer gewonnen. Aber die Werbevermarktung haben wir unterschätzt und hatten 2008 die Situation, ohne Umsätze viel Geld zu verlieren und das parallel zur Finanzkrise. Gleichzeitig hatten wir schon eine internationale Expansion gestartet. Das war eine Zeit, in der Zattoo ums Überleben gekämpft hat. Wir haben uns in der Folge dann wieder aus einigen Ländern verabschiedet, konnten Rechte neu verhandeln und mussten das Team verkleinern. Die Priorität verschob sich auf die Märkte Schweiz und Deutschland, um erst einmal dort zu beweisen, dass die Grundidee des TV via Streaming funktioniert. Dazu gehört die Orientierung hin zum Subscription-Modell und der Ausbau des B2B-Geschäfts, was heute den Kern von Zattoo ausmacht.

Wie viele zahlende Nutzer hat Zattoo denn aktuell?

Insgesamt haben wir in Deutschland und der Schweiz aktuell rund eine Million Nutzer im Monat auf unserer Plattform und der Großteil davon nutzt noch unser kostenfreies Angebot. Nähere Angaben machen wir nicht.

Sie sprachen eben davon, dass man in den ersten Jahren zunächst mal Überzeugungsarbeit leisten musste, dass es einen Use Case für Zattoo gibt. Wann wurde aus Ihrer Erinnerung heraus denn verstanden, was sie da überhaupt vorhaben mit Zattoo?

In der Schweizer Fernsehsendung „10 vor 10“ kam ein Bericht über Zattoo und wir merkten unmittelbar einen deutlichen Sprung in den Nutzerzahlen. Das war die schöne Bestätigung, dass man versteht, was wir machen und es ausprobieren will. Das war ein Aha-Erlebnis. Wirtschaftlich war der größte Aha-Effekt eine Umstellung von unserem eigenen AdServer auf ein gängiges System, mit dem die Media-Agenturen mehr anfangen können. Dann ging es auch richtig los mit Werbung. Auf der Rechte-Seite war es in Deutschland dann nach Jahren das grüne Licht von der Mediengruppe RTL Deutschland und ProSiebenSat.1, doch dabei sein zu wollen. Technisch war ein wichtiger Schritt die Trennung vom Peer-to-Peer-Modell, mit dem wir gestartet sind, hin zu Unicast-Streamings, was dann auch die Nutzung über den Browser möglich machte, wo vorher noch eine App nötig war. Beim Browser wurden wir von einem Schweizer Wettbewerber zwischenzeitlich überholt. Da galt es aufzuholen und wieder zu überholen - das haben wir dann auch getan.

Aus dem Zusatzprodukt wurde ein möglicher Ersatz für bestehende TV-Versorger, sagten Sie. Wann kam diese Erkenntnis und Umpositionierung?

Das kam schrittweise, hat circa 2012 angefangen, weil die Refinanzierung über Werbung endlich ist und für ein vollwertiges Angebot inklusive Privatsender nicht darstellbar. Wenn man aber einen TV-Service gegen Entgelt anbietet, muss dieser alles bieten, so dass weitere Verträge nicht notwendig sind. Gleichzeitig wurden die Mediatheken der Sender auch professioneller und übernahmen zum Teil die vorher von Zattoo übernommene Aufgabe, mal eben etwas online unterwegs gucken zu können. Wir mussten also stärker den Vorteil ausspielen, alle Sender in einer App zu bündeln, zwischen denen man zappen kann. Netflix & Co. haben uns auch geholfen, weil es einer Vielzahl an neuen Nutzern demonstriert hat, was Streaming kann. Und für unser B2B-Geschäft war die Suche von Anbietern nach Over-the-top-Lösungen, die sich nicht die Entwicklung komplett eigener Angebote leisten konnten, entscheidend. 

Die Rückkehr zum großen Screen im Wohnzimmer hat Zattoo den entscheidenden Schub gegeben? Sozusagen eine Sofa-Revolution im Streaming?

Ja, da ging viel Hand in Hand, zum Beispiel auch schnelleres Internet und zunehmende Bereitschaft für Inhalte zu zahlen. Aber für uns – wie auch für andere Marktteilnehmer, die auf Streaming setzen – hat die sich inzwischen verbreitete Erkenntnis, dass mein HD-Bild auf dem großen Fernseher auch via Streaming kommen kann, den größten Effekt gehabt. Die Nutzung erfolgt überwiegend über Apps. Auf Android-Geräten gibt es auch die Möglichkeit, Zattoo wie DVB-C quasi als Tuner zu nutzen mit der Nutzeroberfläche des Geräteherstellers.  

Und welche Plattformen sind da für Zattoo die wichtigsten?

Im B2B-Geschäft haben wir gerade eine neue Set-Top-Box für Netzbetreiber auf Basis von Android TV herausgebracht. Auf der neuen Box ist die Welt der Android-Apps zugänglich. Daher spielt Android eine große Rolle, ebenso wie Apple. Wir waren außerhalb der USA die Ersten, die die Apple-TV-Box als Operator-Box anbieten konnten und haben dies für den Schweizer Anbieter Salt realisiert. Wer die bestellt und anschließt, hat Zattoo unter Salt-Branding vorinstalliert. Wichtig sind uns die Apple-Plattformen, auch bei unserem eigenen Direct-to-Consumer-Angebot. Deutlich zugelegt haben in der Relevanz für uns die Smart-TVs, etwa von Samsung und LG.

"Jeder Anbieter im Markt, der auf Streaming setzt, kämpft erstmal für die Botschaft, dass das Fernsehen auch anders nach Hause kommen kann."
Nick Brambring

Sind TVNow und Joyn eigentlich Freund für die Sache oder Feind im Wettbewerb?

Das kommt drauf an. Wir gehen gerne in jeden Wettbewerb, der nach den gleichen Spielregeln spielt wie wir. Da gab es beispielsweise Magine, TV Spielfilm Live, Waipu oder in der Schweiz Wilma und Teleboy. Angebote wie TVNow sehen wir nicht als Konkurrenz, weil sie Inhalte eines Hauses aufbereiten, dafür dann tiefergehend oder mit exklusiven Inhalten. Joyn ist ja eher ein Hybrid, der auch TV-Versorger sein will. Das geht in eine Richtung, die uns nicht gefällt. Allerdings habe ich Zuversicht, dass Joyn als Produkt zweier Marktteilnehmer nie ein unabhängiger Aggregator mit allen Sendern wird. Dazu haben die beiden Joyn-Gesellschafter als Sender zu viele Eigeninteressen.

Und bei Magenta TV freuen Sie sich, dass die Telekom das Stand-Alone-Angebot ohne Box weiterhin nur gut versteckt anbietet?

Dafür, dass Magenta TV auch mit Features wie der Megathek ein gutes Produkt hat, wird es im Markt tatsächlich relativ wenig wahrgenommen. Das ist für uns nicht schlecht. Aber wissen Sie: Noch fast 90 Prozent der Haushalte schauen Fernsehen über DVB-C oder DVB-S. Jeder Anbieter im Markt, der auf Streaming setzt, kämpft erstmal für die Botschaft, dass das Fernsehen auch anders nach Hause oder auf mobile Geräte kommen kann. Insofern begrüßen wir auch Magenta TV.

Sie sagten, Werbung spielt eine geringere Rolle als früher. Aber Sie experimentieren trotzdem weiterhin damit?

Ja, ein Thema, das gerade richtig an Fahrt aufnimmt, ist Dynamic Ad Insertion, wo wir schon mit einigen kleineren Sendern kooperieren, was uns ermöglicht, die Werbespots auf unserer Plattform auszutauschen und für Werbekunden eine genauere Ansprache buchbar machen. Das macht sogar schon einen relevanten Anteil unseren Werbeeinnahmen aus und wird mit Sicherheit noch ein viel größeres Thema werden, auch weil wir dies ebenso unseren B2B-Kunden anbieten können und diese so auch weitere Erlöse erzielen können.

Wie läuft das B2B-Geschäft? In Deutschland hatten Sie mit TV Spielfilm Plus einen Partner, der aufgegeben hat. Und wie wichtig ist es, mit der Marke Zattoo selbst im Markt zu agieren, wenn man auch einfach Whitelabel-Lösungen für Partner realisieren könnte?

Als wir anfingen, gab es weit weniger Plattformen. Heute haben wir nicht nur weit mehr Features, sondern müssen diese auf diverse Plattformen, Betriebssysteme, Ökosysteme, Devices und Screens bringen. Alle erfordern Modifikationen und Digital Rights Management muss natürlich auch funktionieren. Das Geschäft, in dem wir sind, ist enorm komplex geworden und unser Vorteil ist: Wir haben alle Entwicklungen mitgemacht, manche davon geprägt und haben die Erfahrungen der 15 Jahre eben auch, weil wir selbst mit einem eigenem Consumer-Product im Markt sind. Das garantiert Partnern, dass sie ein funktionierendes Produkt bekommen. Und die technische Seite der TV-Nutzung von morgen wird eher komplexer als einfacher. Da ist es effizienter, Whitelabel-Lösungen zu nutzen als alles selbst zu entwickeln. Entsprechend große Erwartungen haben wir für unser ohnehin gut laufendes B2B-Geschäft. Genauso profitiert auch unser B2C-Geschäft davon, dass wir die Technik zentral entwickeln und sie nicht ein einzelner Geschäftsbereich finanzieren muss. Das unterscheidet uns von Anbietern, die allein von den dünnen Margen im B2C-Geschäft überleben müssen. Mit dem B2B-Geschäft wachsen wir auch außerhalb des DACH-Raums. So können wir immer mehr in unser Produkt investieren. Die Ansprüche an eine TV-Plattform werden weiter wachsen.

Herr Brambring, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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