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"Commandos": Niemand bleibt unversehrt oder unschuldig

 

Action-Thriller mit psychologischer Tiefe: "Commandos" erzählt von einer missglückten Militäraktion und deren Folgen im Hier und Jetzt. Besonders reizvoll wird die niederländische Serie durch ihre Zweiteilung in rasante Whodunit-Gegenwart und rohe, fiebrige Flashbacks.

von Torsten Zarges
28.06.2020 - 08:38 Uhr

Bereits die ersten Szenen machen klar, dass "Commandos" weitaus mehr miteinander verknüpft als so manches einschlägige Kriegsdrama. John de Koning, ehemaliger Kommandeur der Militär-Spezialeinheit Korps Commandotroepen (KCT), wird als fürsorglicher Familienvater eingeführt, den gelegentliche Alpträume vom Kriegsgeschehen plagen. Beruflich hat er die Armeeuniform gegen Anzug, Krawatte und Knopf im Ohr getauscht: Bei einem privaten Sicherheitsdienst können vermögende Kunden ihn als Bodyguard buchen.

Im wahrsten Sinne des Wortes wird John von seiner Vergangenheit eingeholt, als die nigerianische Botschaft ausdrücklich ihn persönlich für einen Besuch von Minister Obadiya Zuberi in Amsterdam anfordert. Mit diesem Mann ist Johns Schicksal – und das seiner fünf Ex-Kameraden – auf unheilvolle Weise verbunden, seit sie den Spross einer nigerianischen Öldynastie einst als vermeintliche Geisel aus den Fängen von Boko Haram befreien sollten. Der Zehnteiler ist sowohl spannender Thriller als auch eindringliche Reflexion der Spätfolgen von Krieg, Gewalt und Abhängigkeiten.

Man kann sich das echte KCT als niederländische Entsprechung der amerikanischen Delta Force vorstellen – eine Eliteeinheit, die weltweite Sondereinsätze ausführt, oftmals in verdeckten Operationen und zur Terrorismusbekämpfung. Bekannt wurden etwa Kampfeinsätze in Afghanistan, Ex-Jugoslawien, Irak oder Mali unter UN- bzw. US-Flagge. Die Mali-Mission zwischen 2014 und 2016 dient der Serie als Hintergrund für die fiktive 'black op' von Johns Trupp in Nord-Nigeria.

Passend zu den zwei Zeitebenen der Erzählung haben sich die Creator Oscar van Woensel ("Mocro Maffia") und Boudewijn Rosenmuller ("Der wunderbare Wiplala") sowie die Regisseure Hanro Smitsman und Iván López Núñez (beiden haben auch "Flight HS13" inszeniert) für eine reizvolle Zweiteilung entschieden, die konsequent durchgezogen wird: In der Gegenwart entfaltet sich eine straighte, spannungsbasierte Thrillerhandlung mit Whodunit-Struktur, während die Flashbacks in Afrika eher roh, ungeordnet und wie im Fiebertraum wirken. Primetime-Thriller meets Psycho-Arthouse.

Auf beiden Zeitebenen laufen Johns Einsätze gründlich schief. Bei Zuberis Besuch im Hier und Jetzt wird sein Freund und Kollege Simon erschossen. John muss nun herausfinden, wer der Mörder ist, der es offenbar auf die Mitwisser der alten Geheimoperation abgesehen hat, während er selbst ins Visier von Europol gerät. Die Behörde ermittelt, weil der streng unter Verschluss gehaltene Einsatz von damals völlig aus dem Ruder lief, als John und seine Kameraden bemerkten, dass Zuberi in Wahrheit nicht Geisel, sondern Komplize der Terroristen war. Mehr zu den Umständen der Eskalation soll hier nicht verraten werden, da die Serie sie in ihren Rückblenden auch erst nach und nach enthüllt.

Commandos© Lagardère Studios Distribution
In höchster Gefahr: Kay Greidanus als Simon und Werner Kolf als John (v.l.)

Dass die Autoren in der Vorbereitung von "Commandos" viel Zeit mit aktiven und ehemaligen Soldaten verbracht haben, schlägt sich spürbar in authentischer Atmosphäre und psychologischer Glaubwürdigkeit nieder. Die Figuren – allen voran der von Werner Kolf ("Killer Babes") gespielte John – bewegen sich hier zwischen PTSD und hochgradiger Funktionsfähigkeit, und das mitunter innerhalb von Sekunden. Familienleben und Beziehungen mit dem Trauma des Erlebten zu vereinbaren, zählt zu ihren größten Herausforderungen. Die Aussage, dass Krieg keine Sieger kennt, dass niemand unversehrt oder unschuldig bleibt, wird durch "Commandos" nachfühlbar, ohne dabei an Action und Suspense zu sparen.

"Commandos" läuft ab November bei Avrotros/NPO 3 in den Niederlanden und wird international von Lagardère Studios Distribution vertrieben. Die deutschen Rechte sind noch nicht vergeben.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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