Für ein paar Stunden schien die Welt noch in Ordnung, als am Samstagnachmittag im Gewerbegebiet von Euskirchen eine Verfolgungsjagd mit quietschenden Reifen und wilder Schießerei dazu führte, dass ein Auto in Flammen aufging und schließlich explodierte. Beim Fan-Event zum 30-Jährigen von "Alarm für Cobra 11" ernteten Erdoğan Atalay, Pia Stutzenstein und die Stunt-Experten von Production Concept frenetischen Jubel für ihre actionreiche Show auf dem Firmenparkplatz.

Eine Frage, die etlichen Fans auf den Nägeln brannte, konnten weder die Schauspieler noch die Macher beantworten. Ob "Cobra 11" nach 30 Jahren noch eine Zukunft hat, ist mehr als ungewiss. Frische Filme der RTL-Reihe wurden zuletzt zwischen August 2023 und März 2024 gedreht. Die zwei 90-Minüter, die vorige Woche bei RTL+ und Disney+ gestartet sind, sowie zwei weitere, die am 8. April zunächst exklusiv zu Disney+ kommen (DWDL.de berichtete), haben zwei Jahre auf ihre Auswertung gewartet.

"Es war eine schöne, erlebnisreiche, geile Zeit. Wir hätten gerne weitergemacht", sagt der langjährige "Cobra 11"-Produzent Hermann Joha gegenüber DWDL.de. Der 66-jährige Unterfranke, der einst als Stuntman für den Schimanski-"Tatort" oder den "7. Sinn" zum Fernsehen kam und 1992 seine eigene Produktionsfirma Action Concept gründete, erweckt den Eindruck, als habe er mit seiner langlebigsten Serie wohl oder übel abgeschlossen. Einen teilweisen Schlussstrich hatte Joha bereits Ende 2024 gezogen, als er das 20.000 Quadratmeter große Grundstück in Hürth-Kalscheuren bei Köln verkaufte, auf dem Action Concept 25 Jahre lang mit bis zu 100 festen und 200 freien Mitarbeitern sowie eigenen Werkstätten und Postproduktionsstudios residiert hatte. Auf dem Gelände sitzt jetzt ein Gerüstbauer. Neben etlichen anderen Angestellten schieden Ende 2024 auch Co-Geschäftsführer Heiko Schmidt und COO Christopher Sassenrath aus.

Hermann Joha © Action Concept "Geile Zeit": Hermann Joha leitete erst die Second Unit von "Cobra 11" und übernahm ab der vierten Staffel die gesamte Produktion.
Das lange gepflegte Produktionsmodell, auf dessen Höhepunkt um die Jahrtausendwende drei RTL-Primetime-Serien gleichzeitig gedreht wurden, war mit den massiven Auftragsrückgängen in der Fiction-Branche nicht mehr vereinbar. Der finale Einbruch erfolgte 2023, als bei "Cobra 11" von zuvor 14 Serienfolgen pro Jahr nur noch vier 90-Minüter übrig blieben und die vielversprechende Zusammenarbeit mit Sky abrupt endete. Nach der ersten Staffel "Drift – Partners in Crime" steckte Action Concept nicht nur in der Vorbereitung einer zweiten Staffel, sondern auch einer neuen Brandermittler-Serie mit dem Arbeitstitel "On Fire", als der Pay-TV-Anbieter plötzlich seinen Ausstieg aus der eigenproduzierten Fiction beschloss und die Projekte abbrechen ließ.

Während Action Concept seit zwei Jahren kein größeres Projekt mehr produziert hat, laufen die Geschäfte bei der Schwesterfirma Production Concept umso besser. Joha hatte den Dienstleister 2001 gegründet, um das spezielle Know-how in Sachen Stunts und Special Effects auch jenseits der eigenen Produktionen zu vermarkten. Heute gilt Production Concept als führendes Serviceunternehmen für die Simulation von Fahrszenen vor LED-Projektionen, sogenannten Backplates, und verfügt nach wie vor über eine der renommiertesten Stuntcrews der Branche. Allein im vorigen Jahr war die Firma an rund 80 Filmen und Serien beteiligt – ob "4 Blocks Zero", "Babylon Berlin", "Der letzte Bulle", "Kommissar Rex", "Mord mit Aussicht" oder "Oderbruch". Aktuell wird auch eine große chinesische Filmproduktion mit Dreharbeiten in Deutschland und Polen betreut.

Joha ist an Production Concept nicht mehr beteiligt. Zum Jahreswechsel 2024/25 hat er die Firma an seine langjährigen Mitarbeiter Christoph Domanski und Benedikt Eisenstecken übergeben, die nach dem Wegzug aus Hürth ihr neues Domizil in Euskirchen gefunden haben. "Nach so langer Zeit hängt natürlich auch das Herz an einer solchen Produktion", sagte Eisenstecken der "Kölnischen Rundschau" am Samstag bei der Stuntshow zum "Cobra 11"-Jubiläum. Vertreter von RTL hatten für das Fan-Event und die anschließende interne Teamfeier kurz vorm Wochenende abgesagt. Dem Vernehmen nach gilt das "Cobra 11"-Budget, das zuletzt deutlich über den sonstigen Krimireihen am "Tödlichen Dienst-Tag" lag, senderintern als nicht mehr refinanzierbar.

Auf DWDL.de-Nachfrage nennt ein Sendersprecher "Cobra 11" eine der "ikonischsten Fiction-Marken von RTL" und sagt weiter: "Als starke Marke bleibt 'Cobra 11' für uns strategisch relevant. Aktuell stehen die vier bereits produzierten neuen Filme im Fokus: Zwei sind seit dem 11. März auf RTL+ verfügbar, zwei weitere werden im Laufe dieses Jahres auf RTL+ veröffentlicht. Über eine mögliche spätere Ausstrahlung im Free-TV informieren wir zu gegebener Zeit. Nach Auswertung dieser Filme werden wir die weitere Entwicklung von 'Cobra 11' bewerten. Dabei betrachten wir stets das Gesamtbild und berücksichtigen die Performance über alle Ausspielwege sowohl auf RTL+ als auch im linearen TV."

Von dem RTL-Deal mit Disney+ profitiert Action Concept zwar nicht, da "Cobra 11" zeitlebens eine Auftragsproduktion war. Zumindest aber besteht nun eine vage Hoffnung, dass der Autobahnpolizei bei besonders guter Streaming-Performance ein ähnliches Schicksal blühen könnte wie dem "Letzten Bullen" – eine Neuauflage als Koproduktion zwischen deutschem Sender und US-Streamer auf der Suche nach starken Marken. 

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