Müssen deutsche Nutzerinnen und Nutzer von Netflix damit rechnen, dass der Streamingdienst bei Serien und Filmen künftig keine deutschen Synchronfassungen mehr anbietet? Oder werden die synchronisierten Fassungen künftig nur noch sehr eingeschränkt verfügbar sein? Dieses mögliche Szenario schwebt schon seit Monaten über Netflix und seinen Kundinnen und Kunden, DWDL.de hatte im Januar erstmals darüber berichtet.
Im Kern geht es darum, dass sich viele Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher aktuell weigern, für Netflix zu arbeiten. Sie sollen Verträge unterschreiben, in die das Unternehmen neue KI-Klauseln eingebaut hat. Diese sehen vor, dass die Aufnahmen der Sprecher einer KI zu Trainingszwecken zugeführt werden, eine Entlohnung ist nicht vorgesehen.
Im vergangenen Sommer hatte sich die Schauspielgewerkschaft BFFS mit Netflix auf Regelungen im Umgang mit KI geeinigt (DWDL.de berichtete). In diesen Regelungen ist festgehalten, dass eine Vergütung erfolgt, sofern die trainierte KI dann auch tatsächlich eingesetzt wird. Das geht vielen Synchronsprecherinnen und Synchronsprechern aber nicht weit genug. Vor allem der Verband Deutscher Sprecher:innen (VDS), der nicht an der Einigung zwischen Netflix und BFFS beteiligt war, stellt sich quer. Man befürchtet, sich durch das Training der KI langfristig selbst abzuschaffen.
In den zurückliegenden Wochen und Monaten gab es nicht nur keine Lösung in der Sache, die Auseinandersetzung mutete auch immer mehr wie ein Streit zwischen BFFS und VDS an, was einige der Beteiligten im Gespräch mit DWDL.de mittlerweile bedauern.
Doch der Reihe nach: Im Februar hatte der VDS die Ergebnisse eines in Auftrag gegebenen Rechtsgutachtens veröffentlicht. Darin hieß es unter anderem, dass die neuen Netflix-Verträge die Existenzgrundlage der Synchronsprecher gefährden würden. Das Gutachten listet angebliche Probleme in den Bereichen Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Datenschutz und Vertragsrecht auf. Der BFFS hält dagegen und hat das Rechtsgutachten des VDS ihrerseits gutachterlich überprüfen lassen. Wenig überraschend kam dabei heraus, dass zentrale Schlussfolgerungen des Gutachten auf "unzutreffenden rechtlichen Ausgangspunkten" beruhen würden. Und: "Wesentliche Fragen und Tatbestandselemente werden entweder sehr verkürzt dargestellt oder nicht aufgegriffen."
VDS reicht Datenschutzbeschwerde ein
In dieser Patt-Situation ist der VDS kürzlich den nächsten Schritt gegangen. Man habe mit dem BFFS die Rechtspositionen "ausgetauscht", heißt es vom Verband, der daraufhin eine Datenschutzbeschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde ankündigte. Damit will der VDS, dass die Netflix-Verträge von einer unabhängigen Stelle juristisch geprüft werden. "Dass der BFFS sich unserer Auffassung nicht anschließt, verstehen wir. Er hat den Vertrag ja mitzuverantworten. Wir werden uns damit nicht weiter aufhalten. Unsere Adressatin ist Netflix, und deren Vorgehen lassen wir jetzt von offizieller Stelle auf seine Rechtmäßigkeit überprüfen", sagt Anna-Sophia Lumpe, Vorstand des VDS.
Vom BFFS hieß es zuletzt, die Annahme, den Einsatz von KI durch Boykott und Blockade verhindern oder zurückdrehen zu können, greife zu kurz und führe zu "unabsehbaren Nachteilen für die Synchronbranche". Der Einsatz von KI in der Film- und Synchronproduktion sei heute längst Realität. Wer die Verträge nicht unterschreibe, laufe Gefahr, umbesetzt zu werden, warnt der BFFS.
Im Januar hatte Netflix bereits damit gedroht, anstatt von deutschen Synchronfassungen bei betroffenen Produktionen nur noch Untertitel anzubieten. Dies würde, so Netflix damals, nicht nur das Erlebnis der Abonnenten beeinträchtigen, "sondern könnte auch die lokale Synchronisationsbranche gefährden und letztlich Auswirkungen auf die Arbeitsplätze deutscher Synchronsprecher haben". Doch wie sieht es jetzt, drei Monate später, aus? Sind die Auswirkungen des Boykotts einiger Sprecherinnen und Sprecher schon spürbar?
Auswirkungen auf "Lupin"
Tatsächlich halten sich die Auswirkungen für das Publikum aktuell noch in Grenzen. So wurde die brasilianische Dramaserie "Nuklearer Notfall" zunächst nur im Originalton veröffentlicht, die deutsche Synchronfassung kam mit wenigen Wochen Verzögerung auf die Plattform. Bei anderen Produktionen hat Netflix die Stimmen einfach ausgetauscht, beispielsweise bei "Stranger Things: Tales From ‘85", der animierten Version des Mega-Erfolgs "Stranger Things". Mit unter anderem Hopper und Eleven werden zwei zentrale Figuren nicht mehr von Peter Flechtner und Carlotta Pahl - also den gelernten Stimmen - synchronisiert. Andere Hauptfiguren hatten schon in der Vergangenheit mehrere Sprecher. Ungewöhnlich in diesem Fall: Infos zur deutschen Synchronisation fehlen im Abspann der Serie. In den YouTube-Kommentaren unter dem offiziellen Trailer zur Serie machen viele Fans ihrem Ärger Luft.
Je länger der Boykott der Sprecherinnen und Sprecher dauert, desto mehr größere Produktionen und bekannte Stimmen dürften betroffen sein. Aktuell sieht es so aus, als würde es auch die Netflix-Serie "Lupin" treffen. Die Arbeiten an der vierten Staffel der französischen Hit-Serie laufen auf Hochtouren - doch die Fans müssen sich wohl auf signifikante Änderungen einstellen. So haben mit Sascha Rotermund und Anne Helm die deutschen Stimmen der beiden Hauptdarsteller Omar Sy und Ludivine Sagnier angekündigt, die neuen Netflix-Verträge nicht zu unterschreiben. Zwei andere Stimmen aus dem Cast haben sich angeschlossen.
© Emmanuel Guimier/Netflix
"Lupin"-Hauptdarsteller Omar Sy könnte in Staffel vier eine neue deutsche Stimme erhalten.
"Lupin" ist die erste größere Netflix-Serie, die vom Streik der Sprecherinnen und Sprecher betroffen ist. Wie Netflix mit der Situation umgehen will, beantwortet der Streamer auf Anfrage von DWDL.de nicht. Stattdessen erklärt ein Sprecher: "Im letzten Sommer haben wir mit BFFS, dem wichtigsten Berufsverband für Synchron- und Filmschauspiel, Vereinbarungen zum Einsatz von KI getroffen, um den Schutz von Synchronsprecherinnen und -sprechern ausdrücklich zu stärken. So darf eine mittels KI generierte digitale Nachbildung einer Stimme nur mit ausdrücklicher und gesonderter Zustimmung der betroffenen Sprecherinnen und Sprecher erfolgen." Gleichzeitig verweist Netflix darauf, dass man alle Stimmen in der Debatte ernst nehme, die deutsche Synchronisation sei für das Unternehmen von zentraler Bedeutung.
J.Lo ist dagegen, Johnny Depp dafür
Im Netz wimmelt es von Sprecherinnen und Sprechern, die ankündigen, unter den neuen Bedingungen nicht mehr mit Netflix zusammenarbeiten zu wollen. So haben sich auch Santiago Ziesmer (Stimme von Steve Buscemi), Matti Klemm (Jason Momoa), Tobias Kluckert (Gerard Butler), Ranja Bonalana (Rosamund Pike) und Markus Pfeiffer (Sacha Baron Cohen) gegen die Netflix-Verträge ausgesprochen. Betroffen ist auch Natascha Geisler, die langjährige deutsche Stimme von Jennifer Lopez. Sie deutete auf ihren Social-Media-Kanälen zuletzt an, dass Netflix der Schauspielerin eine neue deutsche Stimme verpassen wird.
Wie viele Sprecherinnen und Sprecher Netflix tatsächlich boykottieren, ist unklar. Und ob sie es wirklich schaffen, den Streamer zum Umdenken zu bewegen, erscheint aufgrund der Tatsache, dass es viele Kolleginnen und Kollegen gibt, die kein Problem damit haben, die KI-Klauseln in den Verträgen zu akzeptieren, fraglich. Die BFFS führt ihrerseits einige Namen von bekannten Sprecherinnen und Sprechern ins Feld, die auch weiterhin für Netflix arbeiten würden und die sich für die Vereinbarung stark machen, die die Gewerkschaft mit dem Streamer geschlossen hat. Dazu gehören Ricardo Richter (deutsche Stimme von Josh Hutcherson), Ilona Brokowski (Kelly Sheridan), Uschi Hugo (Rebel Wilson) und Marcus Off (Johnny Depp).
Eine Einigung zwischen den zerstrittenen Parteien scheint aktuell unwahrscheinlich. Der VDS teilt gegenüber DWDL.de mit, dass Netflix bislang nur informelle Gespräche in Aussicht gestellt habe. "Konkrete Termine oder strukturierte Verhandlungen wurden jedoch nicht angeboten." Diese Linie fährt Netflix schon seit Monaten. Bereits im Januar erklärte man, dass man bereit sei, VDS-Mitglieder über die KI-Regelungen zu informieren. Verhandlungen führe man aber nicht. "Eine inhaltliche Annäherung in den zentralen Punkten, insbesondere beim Umgang mit KI und der Nutzung von Stimmen, ist derzeit nicht absehbar", heißt es vom VDS.
Sarandos schwört auf "schauspielerische Leistung"
Und Netflix? Co-CEO Ted Sarandos erklärte zuletzt in einem Interview mit "Politico", dass das Wichtigste bei der Synchronisation die "schauspielerische Leistung" sei. Sarandos: "Gute Synchronsprecher sind wirklich entscheidend. Ja, es ist viel billiger, KI einzusetzen, aber ohne die schauspielerische Leistung, die sehr menschlich ist, verschlechtert sich die Qualität der Produktion." Möglicherweise würden sich die Systeme mit der Zeit weiterentwickeln. "Aber ohne die Mitarbeit und das Training der eigentlichen Synchronsprecher selbst wird es nicht weitergehen." Glaubt man dem Co-CEO, soll die KI die Sprecherinnen und Sprecher nicht auf breiter Front ersetzen.
Die Frage, die sich viele Menschen in der Synchronbranche jedoch stellen, ist: Wie viel Wert hat eine solche Aussage, wenn bei Netflix irgendwann mal andere Manager agieren und diese in einigen Jahren auf eine gut trainierte Sprach-KI zurückgreifen können? Ist die "schauspielerische Leistung" von Menschen dann immer noch so entscheidend oder kann die KI das möglicherweise selbst leisten? Und wie regelt man eigentlich die Bezahlung, wenn die Stimmen von potenziell hunderten Sprecherinnen und Sprechern ins Training einer KI einfließen? Für viele Menschen in der Synchron-Branche ist die aktuelle Auseinandersetzung längst zu einem Kampf um die eigene berufliche Zukunft geworden.
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