"Nein, nein", rief Florian Naß, "das ist Florian Lipowitz. Nein, bitte nicht! Aber er ist es." Als die deutsche Radsport-Hoffnung, im Vorjahr noch sensationell Dritter der Tour de France, vor wenigen Tagen im Zeitfahren schwer stürzte und damit aus dem Rennen gerissen wurde, rang der ARD-Kommentator hörbar um die richtigen Worte. Die Szene erinnerte ihn an den wenige Tage zuvor ebenfalls gestürzten Tour-Zweiten Jonas Vingegaard, dessen Rennen ebenfalls vorzeitig beendet war. "Einen Moment hat er erwischt, der alles verändert. Es raubt uns alles, es nimmt uns alle an positiver Energie, an positiver Emotionalität", sagte Naß.

Es waren vermutlich die bittersten Momente dieser Tour de France – nicht nur wegen der sportlichen Konsequenzen, sondern auch wegen der Bilder, die sich bei vielen Zuschauerinnen und Zuschauern eingebrannt haben. Natürlich spielte bei Florian Lipowitz auch die deutsche Perspektive eine Rolle. Doch gerade in diesen Sekunden wurde deutlich, weshalb Naß und sein Co-Kommentator Fabian Wegmann am Mikrofon seit Jahren so geschätzt werden: Sie begleiten die Tour nicht bloß mit Fachwissen, sondern mit spürbarer Anteilnahme. In guten wie in schlimmen Momenten.

Denn eine gute Radsport-Übertragung lebt längst nicht nur von der Frage, wer zuerst den Berg hinauffährt oder wie groß der Rückstand auf Tadej Pogačar, den dominierenden Träger des Gelben Trikots, ist. Sie lebt von den Geschichten, die sich rund um das Rennen entwickeln. Von Fahrern, Landschaften, Traditionen und all den kleinen Beobachtungen, die aus drei Wochen Radsport ein großes Fernseherlebnis machen.

Fabian Wegmann © IMAGO / Revierfoto Fabian Wegmann
Dabei muss es nicht immer dramatisch zugehen. Naß und Wegmann, seit acht Jahren gemeinsam am Mikrofon, erweisen sich auch dann als eingespieltes Team, wenn eine Etappe – vorsichtig formuliert – sportlich nicht unbedingt Geschichte schreibt. Dann werden Anekdoten ausgegraben, Zuschauerfragen beantwortet oder Kinder dazu aufgerufen, ihre eigenen Rad-Videos einzuschicken. Und natürlich geht es immer wieder um Land, Leute und Kultur.

"Geschätzte 80 Prozent des Rennens bleiben wir beim Sport, aber wir haben uns bewusst dazu entschieden, keine reine Sportübertragen zu machen", erklärte Florian Naß schon vor einem Jahr im Gespräch mit DWDL.de. "Ich glaube, manchmal ist es tatsächlich weniger wichtig, ob der Fahrer in der Spitzengruppe schon mal Dritter oder Fünfter bei Mailand-Sanremo war." Und so lässt Naß wie selbstverständlich historische Hintergründe zu Schlössern und Burgen in seine Reportagen einfließen, erzählt von Flussläufen oder sehenswerten Orten entlang der Strecke. Es ist, wenn man so will, Fernsehen im besten öffentlich-rechtlichen Sinne.

Zwischen Spannung und Entspannung

Dass die Tour de France im deutschen Fernsehen längst wieder ein Quoten-Erfolg ist, liegt deshalb nicht allein an den sportlichen Duellen an der Spitze. Einen erheblichen Anteil daran haben auch Naß und Wegmann, die Jahr für Jahr über drei Wochen hinweg die Balance zwischen Analyse und Unterhaltung, Spannung und Entspannung meistern.

Für Florian Naß, der daneben auch als Handball-Kommentator begeistert, ist die Tour dabei längst eine Lebensaufgabe. Seit 30 Jahren begleitet er das Rennen für die ARD, kennt die großen Siege und die tiefen Krisen des deutschen Radsports. Er war dabei, als Jan Ullrich Millionen Menschen begeisterte und als der Dopingskandal den Sport in Deutschland beinahe vollständig ins Abseits beförderte. "Glücklicherweise hat sich der Radsport seither so stark verändert, dass er sich neues Vertrauen der Fans erarbeitet hat", erklärte Naß vor einem Jahr. Und schon hinterher: "Was natürlich nicht heißt, dass das jetzt ein sauberer Sport ist, auch wenn es keine gegenteiligen Beweise gibt."

Bei aller berechtigten Skepsis hat der Erfolg der vergangenen Wochen unterstrichen, was schon seit einige Jahren erkennbar ist: Der Stellenwert des Radsports ist wieder größer geworden. Das lässt sich im Übrigen auch daran ablesen, dass ab 2027 auch das ZDF wieder in die Tour-Übertragungen einsteigen wird. Ob das für das Publikum eine gute Nachricht ist, muss sich aber erst noch zeigen. Immerhin bedeutet das auch, dass man Florian Naß und Fabian Wegmann im nächsten Jahr nur noch halb so oft wird zuhören können.