West of Liberty © ZDF/M.V. Menke
DWDL.de am Set von "West of Liberty"

"Geradezu unheimlich, wie die Realität die Fiktion imitiert"

 

Ex-Doppelagent von CIA und Stasi jagt untergetauchten Whistleblower: Die deutsch-schwedische Koproduktion "West of Liberty" soll eine Spionage-Serie mit Relevanz werden. DWDL.de hat die Macher bei den Dreharbeiten in Bonn besucht.

von Torsten Zarges , Bonn
16.04.2018 - 09:57 Uhr

Die Spuren der Verwüstung sind schon an der Auffahrt zum Botschaftsgebäude zu sehen. Glas- und Betonsplitter deuten darauf hin, dass eine größere Explosion stattgefunden hat. Vom Wachposten der Polizei sind nur noch Einzelteile übrig. Wäre man nicht im beschaulichen Bonner Vorort Friesdorf, könnte man es jetzt glatt mit der Angst zu tun bekommen.

In Wahrheit ist es die seit 18 Jahren leer stehende frühere Botschaft von Indonesien, die für drei Drehtage als syrische Botschaft in Berlin herhalten muss. Weil das Haus eh renovierungsbedürftig ist, dürfen Regisseurin Barbara Eder und ihr Stab nach Herzenslust wüten. Lars Eidinger gibt den untergetauchten Whistleblower Lucien Gell, den Hauptdarsteller Wotan Wilke Möhring alias Ludwig Licht mit Hilfe eines Ablenkungsmanövers aus der Botschaft entführen will. Als die Syrer Gegenwehr leisten, kommt es zum spektakulären Action-Showdown.

Szenen wie diese sind durchaus repräsentativ für "West of Liberty". Der Spionagethriller will großes Kino bieten, nur eben als sechsteilige, international koproduzierte Miniserie fürs Fernsehen. "Das ist ein ganz schöner Kraftakt", erzählt Barbara Eder dem Medienmagazin DWDL.de in einer Drehpause. "Obwohl die Handlung die meiste Zeit in Berlin spielt, drehen wir dort nur wenig und ansonsten in Köln, Bonn, Essen oder Malmö. Es ist Aufgabe der Regie, die Drehbücher entsprechend anzupassen und halbwegs plausible Locations zu finden." Der übliche Filmfördertourismus macht's nötig: Ohne Gelder von der Film- und Medienstiftung NRW, Creative Europe Media, dem schwedischen Filminstitut sowie den schwedischen Regionalförderern Film i Skane und Film i Väst ließe sich die aufwändige Serie nicht realisieren.

Der Stoff, den die "Tatort"- und kinoerfahrene Österreicherin noch bis Ende Mai inszeniert, hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte: Der schwedische Bestseller-Autor Thomas Engström hat eine Romanreihe rund um einen deutschen Helden in Berlin geschrieben. Ludwig Licht (Möhring), zu DDR-Zeiten als Doppelagent für CIA und Stasi tätig, ist heute frustriert und abgehalftert – bis er der CIA bei der Suche nach Staatsfeind und "Hydraleaks"-Chef Lucien Gell (Eidinger) hilft, dem ein Attentat auf Amerikaner in Marrakesch zur Last gelegt wird. Die Schwedin Sara Heldt und die Britin Donna Sharpe haben daraus die Drehbücher entwickelt. Gedreht wird auf Englisch mit internationaler Besetzung.

West of Liberty Setbesuch
© DWDL
Für Network Movie und das ZDF als deutsche Koproduzenten von "West of Liberty" führt die Ausgangslage zu einer ungewohnten Konstellation. Ihre langjährig bewährten Nordic-Noir-Koproduktionen mit skandinavischen Partnern funktionieren in der Regel so, dass skandinavische Kreative und Darsteller skandinavische Stoffe an skandinavischen Schauplätzen drehen. "Als das Projekt zu uns kam, habe ich Gunnar Carlsson, den Drama-Chef von Anagram, gefragt, weshalb ein schwedischer Produzent einen Stoff entwickelt, der komplett in Berlin spielt und in dem es keine einzige schwedische Figur gibt", so Produzentin Bettina Wente zu DWDL.de. "Er hat mir geantwortet, dass Europa doch mittlerweile über solche nationalen Befindlichkeiten hinweg sein sollte. In der Finanzierungsphase haben wir feststellen müssen, dass leider noch nicht alle so denken." Mancher europäische Sender habe abgewunken, weil er "West of Liberty" wegen der zahlreichen amerikanischen Rollen eher als US-Serie gesehen habe. Die Folge: Carlsson brauchte fünf Jahre, um das Projekt auf die Beine zu stellen, vier davon gemeinsam mit Wente.

In der Zwischenzeit wurde die Serienhandlung mehrfach von der Realität eingeholt, wenn man etwa an die NSA-Enthüllungen von Edward Snowden oder die Verbreitung von Hillary Clintons E-Mails durch WikiLeaks denkt. "Wir haben mehr als einmal in die Zeitung geschaut und dort Entwicklungen wiedergefunden, die zuvor so ähnlich in unseren Drehbüchern standen", sagt der schwedische Produzent Carlsson. "Kürzlich haben wir eine Szene gedreht, in der Lars Eidingers Figur der Internetzugang entzogen wird. Ein paar Tage später kommt die Nachricht, dass Ecuador die Onlineverbindung von Julian Assange gekappt hat. Es ist geradezu unheimlich, wie die Realität die Fiktion imitiert. Aber das gibt unserer Serie natürlich umso mehr Relevanz."

Für Carlsson ist "West of Liberty" nach eigenem Bekunden nicht nur ein Herzensprojekt, sondern auch das erste Mal, dass er direkt für ein internationales Publikum produziere. "Als wir etwa 'The Bridge' gemacht haben, war das eine rein schwedisch-dänische Serie, die dann glücklicherweise weltweit erfolgreich wurde. Jetzt zielen wir von vornherein auf den internationalen Markt." Für die ZDF-Enterprises-Tochter Network Movie, deren Brot-und-Butter-Geschäft Auftragsproduktionen für die Mutteranstalt sind, hat das Projekt auch eine strategische Bedeutung. "Wir würden uns wünschen, künftig noch mehr als starker Partner für internationale Koproduktionen im Bereich der High-End-Serien wahrgenommen zu werden", sagt Geschäftsführer Wolfgang Cimera. Die nächste Gelegenheit dazu kommt mit der pan-europäischen Crime-Serie "The Team", deren zweite Staffel gerade in den letzten Zügen der Postproduktion steckt.

Bettina Wente denkt unterdessen auch bei "West of Liberty" schon an eine mögliche Fortsetzung. "Die weiteren Bände der Romanreihe spielen in den USA", so die Network-Movie-Produzentin. "Wir würden den Stoff natürlich gern weitererzählen. Das werden wir aber wahrscheinlich nur mit einem amerikanischen oder kanadischen Partner schaffen." Zwar steht der Ausstrahlungstermin der ersten Staffel noch nicht fest. Wente weiß aber schon, dass sie ein umfangreiches Paket nach Mainz liefern muss: die englischsprachige Originalversion für die ZDF-Mediathek, sechsmal 45 Minuten synchronisiert für ZDFneo und zweimal 115 Minuten fürs ZDF-Hauptprogramm.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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