Katja Pichler © ProSiebenSat.1
Verunglückte P7S1-Sprecherin Katja Pichler

Zehn Jahre ohne Katja - eine Erinnerung

 

Heute vor zehn Jahren ist Katja Pichler, die damalige Konzernsprecherin der ProSiebenSat.1 Media AG, tödlich verunglückt. Ein sehr persönlicher Rückblick ihres Nachfolgers Julian Geist, der bis April 2017 die Kommunikation des Konzerns verantwortete.

von Julian Geist
31.05.2018 - 12:00 Uhr

Um kurz vor sechs am Samstag Abend kam das Mail: „Lieber Julian Geist, ich kenne Sie nur aus der Oper, aber brauche Sie dringend. Ich bin der Ehemann von Katja Pichler. Bitte rufen Sie mich an, so schnell es geht!“

Tief innen, da wo die Ängste leben, wusste ich es gleich. Am Telefon dann der Satz: „Katja hatte einen Unfall und sie kommt auch nicht wieder.“ Katja, unsere starke, kluge Chefin, war tot, abgestürzt am Hohen Dachstein. Das war nicht möglich, nicht fassbar. Wie Katjas Familie die folgenden Stunden, Tage, Monate erlebt hat, ist eine bis heute unerträgliche Vorstellung.

Ich bin sofort ins Büro gefahren, habe Kolleginnen und Kollegen informiert. Auch das hatte ich von Katja gelernt: Wenn Du traurig bist, dann musst Du einfach etwas machen. Alle Münchner Boulevardmedien riefen am Sonntag an, viele Journalisten aus den Medien- und Wirtschaftsressorts auch.

Die "Abendzeitung" hat dann für den Montag eine Titelgeschichte gemacht, ich glaube, die Zeile war: Schöne ProSieben-Sprecherin verunglückt. Dazu hatten wir ein Foto beigesteuert, von dem ich wusste, dass es Katja gefiel. Es ist das, was auch über diesem Artikel steht. Von einer Bank neben einem Abendzeitungskasten am Münchener Gärtnerplatz habe ich Katjas Mann angerufen, um ihn darüber zu informieren.

In meinen Gedanken war eine Mischung aus Entsetzen, dass ich das nicht verhindert hatte und Stolz, dass es so ein schöner Titel war. Die Franzosen nennen das déformation professionelle. Gerade in solchen Situationen muss man ehrlich zu sich selbst sein.

Es wäre eine Untertreibung zu sagen, dass ich damals überfordert war. Ich war weit jenseits der vernünftigen Belastungsgrenze. Als mich der damalige ProSiebenSat.1-CEO Guillaume de Posch an jenem Wochenende fragte, ob ich zunächst kommissarisch Katjas Aufgaben übernehmen könne, habe ich dennoch Ja gesagt. Warum? Weil man eben in so einer Situation nicht Nein sagt.

Es vergeht seit diesem letzten Samstag im Mai 2008 kein einziger Tag, an dem ich nicht an Katja Pichler denke. Sie hat mir den Arbeitsstandard hinterlassen, an dem ich mich messe. Sie würde sicher bis heute in vielen konkreten Situationen anders entscheiden und mit mir über meine Entscheidungen streiten, so wie sie früher mit mir gestritten hat. Ich habe das damals nicht immer geschätzt. Heute verstehe ich: Das war eine unvergleichliche Erziehung.

Worüber wir aber nie Streit hatten, waren die Grundregeln und Prinzipien unserer Arbeit. Der Komponist Arnold Schoenberg hat einmal geschrieben: „Alle Wege führen nach Rom, bis auf den Mittelweg“. Das hätte von Katja sein können. Alles Durchschnittliche war ihr zuwider und sie hatte immer die Größe zu akzeptieren, wenn ihr Team einen anderen Weg gehen wollte als sie – Hauptsache, wir trafen uns in Rom. 

Warum schreibe ich das alles auf? Weil ich Menschen eine Freude machen möchte, die Katja kannten. Und weil ich damals zwei Dinge fürs Leben gelernt habe.

Erstens: Auch wenn wir im Job noch so unentbehrlich sind, wir sind ersetzbar - aber nicht austauschbar. Das war und ist unglaublich befreiend. Katja hatte mir das kaum ein Jahr vor ihrem Tod schon bewiesen. Ich hatte 2007 ein eher unangenehmes Erlebnis mit einem bösartigen Karzinom und musste nach einer Operation und einigen Wochen Strahlentherapie eine Auszeit nehmen. (Es geht mir gut, danke der Nachfrage.) Katja als meine Chefin hat schlicht gesagt: „Vergiss das Büro“ und hat meinen Job wochenlang miterledigt, ohne das auch nur zu erwähnen. Jetzt musste ich sie „ersetzen“ - und auch wenn sicher nicht alles perfekt war: the show went on.

Die zweite Erkenntnis ist: Wir sind häufig umgeben von Menschen, die in echten Notsituationen helfen und uns tragen, ganz ohne Bedingungen und Fußangeln. Mein P7S1-Team hat mich damals und später weit über die Grenzen des professionell Gebotenen unterstützt. Ohne Guillaume de Posch hätte ich es nicht eine Woche geschafft. Journalisten haben aufgrund der Situation natürlich nicht ihre - damals sehr kritische - Berichterstattung geändert, aber ich habe immense persönliche Rücksichtnahme erfahren. Vielleicht war auch meine Offenheit entwaffnend, denn ich habe mehr als einmal im Gespräch gesagt: Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. (Ich habe es dann allerdings recht schnell gelernt.) Niemand ist 24/7 stark und manchmal muss man das eben auch zugeben. Ich kann das sehr empfehlen.

Ein Journalist hat mich später gefragt, ob es mir eigentlich etwas ausmacht, dass ich meinen Job bei ProSiebenSat.1 geerbt habe. Damals habe ich mich über diese - sicher nicht böse gemeinte - Frage geärgert und sie hat mich auch gekränkt, denn wir alle wollen ja immer glauben, dass wir alles „ganz allein“ geschafft haben.

Heute weiß ich: Es macht mir nicht das Geringste aus. Viel wichtiger ist, dass ich die Erbschaft angenommen habe und in gewisser Weise jeden Tag aufs Neue annehme. So sind es am Ende doch zehn Jahre mit Katja geworden.

Julian Geist, von 2008 bis 2017 Konzernsprecher der ProSiebenSat.1 Media SE, ist heute Partner bei der internationalen Kommunikationsberatung CNC.

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