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Live nach Neun © Screenshot Das Erste
100 Folgen "Live nach Neun" im Ersten

Geburtswehen überstanden, aber die Schmerzen bleiben

 

Seit fünf Monaten sendet "Live nach Neun" und noch immer treten die schlechten Quoten auf der Stelle. Das hat Gründe, die ganz sicher nicht ausschließlich im starken Gegenprogramm zu suchen sind. Eine Zwischenbilanz nach 100 Ausgaben.

von Alexander Krei
08.10.2018 - 12:13 Uhr

Womöglich war es gut gemeint. Als die 100. Ausgabe von "Live nach Neun" am vorigen Freitag zu Ende ging, schien es der Redaktion offenbar noch ein Bedürfnis zu sein, auf die vergangenen Monate zurückzublicken. Darin zu sehen: Ein singender Moderator, Seehund-Imitationen und Isabel Varell, die beinahe aus der Hängematte plumpst. Die knapp drei Minuten waren vermutlich witzig gemeint, dürften die Schwachstellen des ARD-Vormittagsformats aber einigermaßen treffend beschrieben haben. Und davon gibt es fast ein halbes Jahr nach dem Start noch immer genügend. Das fängt bei den aufgesetzten Smalltalks der Moderatoren an und hört bei den miserablen Zuschauerzahlen auf.

"Die Quote hat sich stabilisiert", sagt Martin Hövel, der die gemeinsame Programmgruppe aus "ARD-Morgenmagazin" und "Live nach Neun" leitet, gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de, "aber natürlich wünschen wir uns noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer." Stabil ist die Quote tatsächlich – stabil schlecht. Noch immer liegt der Marktanteil konstant unter fünf Prozent, neue Zuschauer sind seit der ersten Ausgabe im Mai fast nicht hinzugekommen. Kaum mehr als 200.000 bleiben täglich nach dem "Moma" dran. Ein Jahr, so hört man aus dem Senderverbund, will man "Live nach Neun" einräumen und beinahe die Hälfte davon ist bereits rum.

"Dass der Markt hart umkämpft ist, ist kein Geheimnis", betont Hövel, was die Frage aufwirft, warum man es in der ARD überhaupt für eine gute Idee hielt, mit dem Magazin in direkte Konkurrenz zum langjährigen ZDF-Erfolg "Volle Kanne" zu gehen. Wenige Kilometer entfernt, im Düsseldorfer Landesstudio des ZDF, wo seit fast 20 Jahren die "Volle Kanne" entsteht, hatte man sich noch im Frühjahr ernsthaft darüber gesorgt, was der WDR im Anschluss an das "Morgenmagazin" auf die Beine stellen würde. Heute wird man das Treiben der Konkurrenz einigermaßen gelassen betrachten. 

Martin Hövel
© WDR/Annika Fußwinkel
Das größte Problem von "Live nach Neun" bleibt, dass niemand die Sendung in ihrer jetzigen Form braucht. Dabei hat die Redaktion, die Hövels Angaben zufolge noch immer "viel Herzblut" in das Projekt steckt, durchaus an einigen Stellschrauben gedreht. Dazu gehören ein Themenüberblick zu Beginn und klarere Einstellungen von Kameras und Regie. Das wöchentliche Gespräch mit Kindern, das in der Anfangsphase die größten Fremdschäm-Momente bot, hatte man schon nach wenigen Wochen gleich komplett abgeschafft. Und auch die bisweilen arg anstrengend Talkanteile der Moderatoren-Paare wurden etwas eingedämmt – "zugunsten von mehr Zuschauerbeteiligung", sagt Programmgruppen-Chef Martin Hövel (Foto). Dazu kommen kosmetische Korrekturen. "Aktuell wird das Studio Tag für Tag ein wenig herbstlicher, mit entsprechend angepassten Farben auf den LED-Wänden zum Beispiel."

Allein, ein Aufwärtstrend der Quote ließ sich dadurch bislang nicht erreichen. Angesprochen auf ein konkretes Zwischenfazit, bleibt der WDR-Mann entsprechend vage. "Wir freuen uns, dass unser 'Baby' die Geburtswehen gut überstanden hat und immer selbstständiger läuft." Den Eindruck, "Live nach Neun" baue zuletzt ähnlich wie "Volle Kanne" verstärkt auf Service, weist Martin Hövel entschieden zurück. Klassischer Service mit Experten-Talk am Tisch sei bisher "eine absolute Seltenheit" gewesen. "Die Service-Elemente, die es von Anfang an gab, kommen in ganz unterschiedlichen Formen daher: mal humorvoll, mal verspielt, mal experimentell." Viel lieber aber will die Redaktion für Live-Reportagen aus dem ganzen Land noch immer die föderale Stärke der ARD nutzen und "Alltagsmenschen", wie Hövel sie nennt, in den Vordergrund stellen.

Und dann bleiben da eben noch die Moderatoren, die – wie Isabel Varell und "logo"-Moderator Tim Schreder – unterschiedlichen Generationen entstammen und auch nicht müde werden, genau das zu betonen. "Sie lassen sich auf die Themen der Sendung ein, entwickeln zu vielen davon ein Gefühl oder eine Haltung und lassen die Zuschauer daran teilhaben", erklärt Martin Hövel gegenüber DWDL.de und führt als Beleg eine Ausgabe aus der vergangenen Woche an. "In der 99. Sendung zum Beispiel schlüpften sie unter dem Oberthema 'Zeitreise' in entsprechende Kostüme." Am Ende saß Heinrich Schafmeister mit Adiletten und grünem Jogginganzug im Studio. Der Marktanteil lag an diesem Morgen bei 4,4 Prozent.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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