Wer schon zur Begrüßung bescheinigt bekommt, dass ohne ihn gar nichts geht, sollte sich eigentlich als mächtige Gruppe fühlen. "Sie stemmen den Großteil des Programms, und ohne Sie wäre diese hohe Programmqualität nicht denkbar", rief WDR-Intendant Tom Buhrow dem Auditorium im Sendesaal zu, das an diesem Wochenende überwiegend aus freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ARD-Anstalten bestand. Rund 250 von ihnen waren nach Köln gekommen, und was sie zwei Tage lang an Sorgen, Nöten und Missständen vorbrachten, zeichnete nicht das Bild eines rundlaufenden Systems.

ARD-weit kommen 18.500 Freie auf rund 22.000 Festangestellte. Die meisten von ihnen arbeiten journalistisch und prägen nicht selten die Inhalte, die das Publikum zu sehen und zu hören bekommt. Schon 2019 hatte eine Umfrage ergeben, dass 94 Prozent der Freien bei den Öffentlich-Rechtlichen sich gegenüber den Festen benachteiligt fühlten und 66 Prozent nach eigener Aussage weniger Geld für die gleiche Arbeit erhielten. Deutlich zugenommen hat seither die Angst, dass dem wachsenden Spardruck in erster Linie die Beschäftigung von Freien zum Opfer fällt.

Schon heute arbeiteten viele Freie am Rand der Überlastung, kritisierte Stefan Tiyavorabun, Vize-Personalratsvorsitender des SWR und einer von vier Vorständen im ARD-Freienrat, der die einzelnen Interessenvertretungen für Freie bei den ARD-Anstalten, Deutscher Welle und Deutschlandradio seit 2017 bündelt. Die Anforderungen an die Mitarbeitenden, die immer mehr Ausspielwege bedienen, dafür immer weniger Zeit hätten und zugleich Honorarkürzungen hinnehmen müssten, hätten sich erheblich erhöht, so WDR-Personalrätin Anja Arp: "Wir sind zu einer Art eierlegenden Wollmilchsau geworden."

ARD-Freienkongress 2023 © WDR/Taimas Ahangari Erhöhte Anforderungen: Katrin Vernau und Matthias von Fintel beim ARD-Freienkongress
Besonders drastische Beispiele dafür kamen beim Freienkongress aus den Regionalprogrammen des WDR zur Sprache – jener Sparte also, die in Form der "Lokalzeiten" im WDR Fernsehen besonders hohe Einschaltquoten erzielt und von der die Verantwortlichen stets sagen, man wolle sie stärken. Eine Mitarbeiterin der "Lokalzeit" im Studio Wuppertal beklagte sich darüber, dass zwecks Einsparungen immer häufiger Beiträge aus anderen Studios gezeigt werden müssten, obwohl die eigentlich gar nicht für die Region gemacht seien. "Wenn wir uns schon im Kürzen überbieten, sollten wir so ehrlich sein, dem Publikum zu sagen: Sie sehen jetzt diesen Beitrag aus Münster, weil wir für Sie sparen." Matthias von Fintel, Bereichsleiter Medien, Journalismus und Film der Gewerkschaft Verdi, wusste aus Gesprächen mit Mitarbeitern der WDR-Landesstudios zu berichten: Infolge der Arbeitsverdichtung sei oft keine Zeit mehr für echte redaktionelle Abnahmen; man schaffe es nicht mehr, regelmäßig die Rathäuser oder Brennpunkte der jeweiligen Region aufzusuchen; und die zusätzlich produzierten Digital-Inhalte entstünden ohne Ressourcen durch Ausquetschen der Teams.

 

Sechs Bundesländer haben Beitragserhöhungen ausgeschlossen. Egal, was die KEF empfiehlt – es ist also fraglich, ob das politisch umgesetzt wird.
WDR-Intendant Tom Buhrow

 

Für eine Modernisierung veralteter Tarifverträge plädierte WDR-Verwaltungsdirektorin Katrin Vernau, die nach ihrer Rückkehr vom RBB momentan in den Verhandlungen für einen neuen Honorarrahmen für Freie steckt. Zumindest bisher, so Vernau, sei es den WDR-Freien gar nicht so schlecht gegangen, etwa im Vergleich zu anderen Anstalten wie dem RBB. Eine durchschnittliche Steigerung der ausbezahlten Honorare um 2,3 Prozent pro Jahr hatte sie für die letzten zehn Jahre errechnet – angesichts von durchschnittlich 1,9 Prozent Inflationsrate im selben Zeitraum also ein Reallohnzuwachs, während zeitgleich rund 500 feste Stellen abgebaut wurden. Dass künftige Tarifverhandlungen angesichts der in Frage stehenden Erhöhung des Rundfunkbeitrags schwieriger werden, räumte Vernau ebenso ein. Aus den laufenden Verhandlungen schilderten Gewerkschaftsvertreter derweil den Eindruck, das Honorarniveau solle in vielen Fällen gesenkt werden, zum Teil um bis zu 30 Prozent.

Die Intendanten müssten noch stärker in die Pflicht genommen werden, forderte Verdi-Funktionär von Fintel. Gegenüber KEF und Medienpolitik müssten sie noch vehementer für eine ausreichende Finanzierung eintreten, gegenüber der Gesellschaft stärker kommunizieren, was diese vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ihr Geld bekomme. Das alte Versprechen vieler Intendanten, nicht am Programm zu sparen, lasse sich nicht mehr halten, gab die SPD-Europaabgeordnete Petra Kammerevert zu bedenken, die dem Programmausschuss des WDR-Rundfunkrats vorsitzt. Es sei durchaus richtig, wenn die ARD jetzt Kompetenzcenter zu Themenfeldern wie Gesundheit, Verbraucher oder Klima einrichte, um künftig Dopplungen im Programm zu vermeiden. Dass es als Resultat dann auch weniger Arbeit für Freie gebe, sei unvermeidlich.

Tom Buhrow beim ARD-Freienkongress © WDR/Taimas Ahangari Verknappung der Ressourcen: Tom Buhrow sieht seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen
Die wohl deutlichsten Worte zur Lage fand der Hausherr selbst. Die Realität sei "leider nicht besonders hoffnungsvoll", so Buhrow, die schlimmsten Befürchtungen aus seiner Hamburger Rede vom November 2022 seien mittlerweile übertroffen worden: "Sechs Bundesländer haben Beitragserhöhungen ausgeschlossen. Egal, was die KEF empfiehlt – es ist also fraglich, ob das politisch umgesetzt wird." Buhrow rechnete vor, dass ab Beginn der neuen Beitragsperiode im Jahr 2025 eine Verknappung der Ressourcen drohe. Hinter dem politischen Schlagwort "Beitragsstabilität" stehe angesichts der Inflation in Wahrheit eine Schrumpfung. Mit der gegenwärtigen Inflationsrate ergebe sich bis 2028 ein Kaufkraftverlust zwischen 20 und 25 Prozent – das sei "Schockschrumpfen". "Wenn man uns zurückbauen will – und es ist das Recht der Gesellschaft, so zu entscheiden – dann muss man das ehrlich sagen", so Buhrow. "Wer will, dass die Finanzierung der Öffentlich-Rechtlichen sinkt, muss klar und transparent ihren Auftrag reduzieren." Spätestens nach der Rede des Intendanten hatten die Freien keinen Grund mehr, sich mächtig zu fühlen.