Welcher Creator hat vor Kurzem aufhorchen lassen?

Khaby Lame. Er ist der seltene Fall eines „globalen Stars ohne Sprache.“ Geboren in Dakar (Senegal), als Kind nach Italien gezogen, später Fabrikarbeiter, im März 2020 entlassen. Und dann, im Lockdown, mit einer Idee explodiert. Er kommentiert überkomplizierte Life-Hacks wortlos, löst das Problem in zwei Sekunden und setzt seine berühmte „Warum-so-umständlich?“-Handgeste drauf. Genau diese sprachfreie Pointe machte ihn international skalierbar. Seine Reichweite ist heute absurd groß. Rund 160 Millionen TikTok-Follower (Zahlen schwanken tagesaktuell). Und jetzt kommt der Kapitalmarkt-Plot. Laut SEC-Filing hat die Nasdaq-notierte Rich Sparkle Holdings am 9. Januar 2026 einen Vertrag geschlossen, um 100% von Step Distinctive Limited (Lames kommerzielles Vehikel) zu erwerben. Für 975 Millionen US-Dollar, komplett in Aktien. 75 Millionen neue Ordinary Shares an die Verkäufer. Parallel verkauft Rich Sparkle die Story einer 36-Monats-Exklusivphase mit Livestream-Commerce + Supply Chain + AI Digital Twin und einer Zielgröße von „bis zu mehr als vier Milliarden US-Dollar annual sales“ (wichtig: das ist natürlich eine wohlfeile Prognose, kein Ist).

Das eigentlich Neue ist nicht „Influencer verkauft Firma“, sondern: „Creator lizenziert (explizit) einen AI-Zwilling für Commerce-Skalierung.“ In der Deal-Kommunikation steht, dass Khaby die Nutzung von Face ID, Voice ID und Behavioral Models für einen AI “Digital Twin” autorisiert, gedacht für multilingualen, zeitzonenübergreifenden, quasi 24/7-Livestream-Commerce. Und Khaby ist dafür das perfekte Testobjekt. Sein Content funktioniert ohne Stimme. Ein AI-Twin muss bei ihm nicht zuerst „Charisma sprechen“ lernen, er muss vor allem Mimik, Timing, Gestik treffen. Was das für Creator bedeutet? Wir steuern in eine Ära, in der die wertvollste Creator-Ware nicht mehr nur „Reichweite“ ist, sondern Rechtepakete an Name, Bild, Verhalten, Stimme. Plus die Frage, wer damit wie lange was machen darf. Der Schritt von „Brand Deal“ zu Media-for-Equity (oder AI-Lizenz) wird damit plötzlich Mainstream-kompatibel, samt neuem Risiko. Wenn dein AI-Du morgen Ramsch verkauft, ist der Reputationsschaden trotzdem… deiner. Und wie Konsumenten auf AI Twins reagieren, muss sich auch erst noch herausstellen.

Welche Season ist gerade?

Earning-Season. Und die Q4/FY-Reports trudeln ein. Ich fand besonders einen bemerkenswert. Peacock ist gerade das Lehrstück dafür, wie schnell „Scale“ zur Selbsttäuschung werden kann. 44 Millionen zahlende Abos, 1,6 Milliarden Dollar Umsatz im Quartal, und trotzdem ein Adjusted-EBITDA-Loch von 552 Millionen US-Dollar allein in Q4 2025. Das ist nicht mehr die Phase „wir investieren noch ein bisschen“, das ist die Phase „das Modell frisst dich auf, wenn du es nicht umbaust“. Während Netflix mit operativen Margen jenseits der 20 Prozent längst im Reife-Modus ist und Disney sein DTC-Geschäft in die Gewinnzone geschoben hat, wirkt Peacock wie der letzte Streaming-Landgrabber, der den Marktwechsel auf Disziplin zu spät bemerkt hat. Und ja: Sport treibt Aufmerksamkeit, Sport treibt Abos, aber Sport treibt vor allem Fixkosten. Beton. Wenn deine Rechteverträge jährlich fällig werden, aber dein ARPU (durchschnittlicher Umsatz pro Nutzer) nicht genauso hart nach oben marschiert (und deine Werbeerlöse nicht sauber „yielden“), dann ist Reichweite eben kein Geschäftsmodell, sondern nur ein teures Gefühl. Die Frage ist deshalb nicht „abschalten oder weitermachen“, sondern: Wofür ist Peacock eigentlich da? Als Profit-Center? Dann brauchst du Pricing-Power, ein radikales ROI-Controlling im Content und ein Ad-Yield-Programm, das diesen Namen verdient. Als strategischer Hub im Comcast-Ökosystem? Dann braucht es eine klare Verlustgrenze und einen nachweisbaren Effekt auf Churn und Bundles. Alles andere ist Streaming als Dauerzustand. Viel Bewegung, wenig Richtung. Mein Zwischenfazit: Die Streaming Wars sind vorbei, jetzt zählen Margen. Wer ARPU, Churn und Ad-Yield nicht im Griff hat, skaliert nur Verluste. Sport ist Turbo und Beton zugleich. Aufmerksamkeit ja, aber Fixkosten, die nur echte Pricing-Power wieder rausverdient. Die nächste Runde gewinnt das Bundle. Weniger Solo-Champions, mehr Aggregatoren und Zweck-Allianzen.

Welchen Pespektivwechsel erlauben die diesjährigen Oscar-Nominierungen?

Manchmal braucht es eine Liste von Nominierten, um das Ende einer Ära schwarz auf weiß vor sich zu sehen. Die jüngst bekannt gegebenen Oscar-Nominierungen 2026 sind genau das, ein Abgesang auf den industriellen Prestige-Automatismus der letzten Dekade. Während das Feuilleton über die historischen 16 Nominierungen für Ryan Cooglers „Sinners“ jubelt – ein Horror-Epos, das mit der Eleganz eines Vampirs die jahrzehntealte Genre-Barriere der Academy pulverisiert hat –, sollten wir den Blick auf die tektonischen Verschiebungen bei den Verleihern richten. Dass Warner Bros. Discovery mit insgesamt 30 Nennungen als unangefochtener Champion aus dem Ring steigt, ist die späte Genugtuung für eine Strategie, die wieder auf das große, mutige Kino-Ereignis setzt, statt auf algorithmisch optimiertes Füllmaterial. Doch die wahre Sensation liegt im Schatten der Major-Dominanz. Ein Boutique-Verleih wie Neon schlägt beim Prestige die versammelte Tech-Elite aus Cupertino und Los Gatos. Hier zeigt sich, warum Kuration die „neue“ Superpower der Medienbranche ist. Während die großen Streamer oft in der Falle des „Paradox of Choice“ stecken und ihre Perlen im Rauschen unendlicher Kataloge untergehen lassen, agieren Player wie Neon als hochpräzise Filter. In einer Welt des Content-Überflusses ist Kuration kein „Nice-to-have“ mehr, sondern das schärfste Schwert im Kampf um Aufmerksamkeit. Wer, wie Neon mit Joachim Triers „Sentimental Value“, beweist, dass er die Spreu vom Weizen trennen kann, baut eine Marke auf, der das Publikum (und gar die Academy?) blind vertraut.

Gleichzeitig erleben wir die radikale Entzauberung des Franchise-Kinos. Wenn ein visuelles Monument wie James Camerons „Avatar: Fire and Ash" in den Hauptkategorien ignoriert wird und der zweite Teil von „Wicked“ trotz astronomischer Erwartungen leer ausgeht, ist das mehr als nur eine Geschmacksfrage. Es ist der Beweis, dass der „Sequel-Bonus“ endgültig aufgebraucht ist. Der Algorithmus mag uns sagen, was wir als nächstes konsumieren, aber die Kuration sagt uns, was wir fühlen sollen. Für die Studio-Strategen bedeutet das eine schmerzhafte Lektion. Bekannte IP sichert zwar kurzfristig den Shareholder Value an der Kinokasse, aber sie kauft keinen Platz mehr im kulturellen Gedächtnis. Die Währung der Zukunft ist das erzählerische Risiko, veredelt durch eine klare kuratorische Handschrift. Genau dort liegt 2026 die größte Rendite, sowohl emotional als auch, wie man an Warner sieht, bilanziell.

Was hat mich nicht wirklich überrascht?

Ich gebe zu: ich war nie ein Fan von Kleinfeld-Entertainment-Hallen-Fußball und habe auch nie jemand getroffen, der es ist. Nun wird bekannt, dass die sogenannte Baller League (einer von drei Anbietern) den Spielbetrieb in Deutschland „vorerst“ auf Eis legt. Und damit wird eine junge Kategorie, die sich zuletzt gern wie die Zukunft des Sport-Entertainments anfühlen wollte, plötzlich etwas sehr Altmodisches, nämlich eine harte BWL-Frage. Denn so sehr die Idee aus Creator-Power, Twitch-DNA und TV-Schaufenster nach „neuer Markt!“ schreit, so leise flüstert der Alltag: Reichweite ist nicht gleich Monetarisierung. Du kannst Aufmerksamkeit kaufen, leihen, erarbeiten, du kannst sie sogar im Finale auf ProSieben Maxx in sechsstellige Zuschauerzahlen gießen, und dennoch bleibt am Ende die Lücke zwischen Buzz und belastbarem Cashflow, wenn Sponsoren nicht verlängern, Tickets nicht skalieren, Merch nicht zündet und Rechteerlöse eher Hoffnung als Plan sind. Und dann ist da noch der zweite, oft unterschätzte Teil des Experiments.

Diese Ligen wollen nicht nur Fußball sein, sie wollen ein Format sein, mit Fantasieregeln, Sonderkarten, Powerplays, Show-Mechaniken, also mit genau dem, was die Gen-Z-Logik angeblich liebt (Gamification), was aber für den klassischen Sportfan (ja, auch die mag es in der GenZ geben) zunächst wirkt wie „Fußball mit Bedienungsanleitung.“ Gewöhnungsbedürftig. Hier muss man erst lernen, was eigentlich das Spiel ist, bevor man sich dauerhaft emotional bindet. Das Baller-League-Aus ist vermutlich eine längst überfällige Marktbereinigung. Die Konsolidierung beginnt vielleicht nicht, weil die Idee schlecht ist, sondern weil sie teuer ist, Zeit braucht, und weil Sport immer eine Evolution ist. Und so kommt jetzt auch die Stunde der Wahrheit für die anderen Anbieter wie Kings League und Icon League. Wer schafft aus Hype einen Habit, wer aus Habit ein echtes Produkt und aus dem Produkt am Ende ein Geschäft? Last Exit für alle Beteiligten: die USA. Bekanntermaßen ein natives Hallen-Fußball-Land (NOT). Ich bin gespannt.

Eine gute Recherche zu den Vorgängen hier

Und welches Live-Event hat mich nachdenklich gemacht?

Netflix hat den Free Climber Alex Honnold in Taipei an der langen Leine der Gegenwart klettern lassen, nur eben ohne Leine (sorry for the pun). „Skyscraper Live“, übertragen aus Taiwan, Honnold free solo am Taipei 101, einem Gebäude aus 508 Meter Glas, Stahl und der sehr realen Möglichkeit, dass ein falscher Griff nicht „Content“, sondern das Ende ist. Wetterbedingt um einen Tag verschoben, dann das, was Streaming sonst so gern verspricht, aber selten wirklich liefert: Ereignis. Ein Zeitpunkt. Ein Jetzt. Und nach rund anderthalb Stunden oben. Fertig. Unfassbar. Und ja, unbestreitbar „thrilling.“ Denn Live ist plötzlich wieder das, was wir aus dem linearen Fernsehen kennen, aber fast vergessen hatten: Irreversibilität. Keine zweite Chance, kein „skip intro“, kein sanftes Einschlafen im Autoplay. Du schaust, und du weißt, dass du schaust. Genau deshalb hat es funktioniert, nicht, weil wir alle zu Kletter-Experten geworden wären, sondern weil Netflix hier den ältesten Deal der Mediengeschichte reaktiviert, Aufmerksamkeit gegen Ungewissheit.

Und damit sind wir bei der unbequemen Frage hinter dem Spektakel. Wohin wollen wir mit Live-Entertainment eigentlich gehen? Wenn „live“ wieder zum Wachstumsmotor wird, ist der nächste Schritt naheliegend. Und gefährlich. Denn Live ist die perfekte Droge für eine Industrie, die ständig nach dem nächsten Peak sucht, mehr Gleichzeitigkeit, mehr Social Buzz, mehr Gesprächswert, mehr „Du musst dabei gewesen sein“. Der Haken, in dem Moment, in dem das Risiko selbst zur dramaturgischen Währung wird, verschiebt sich das Genre. Natürlich kann man sagen Honnold ist Profi, vorbereitet, kalkuliert. Alles wahr. Aber das Format sendet trotzdem eine neue Botschaft in die Welt: „Das hier ist Live, weil es schiefgehen könnte.“ Das ist der Punkt, an dem Entertainment in die Nähe von Mutprobe rückt. Netflix hat in Taipei gezeigt, wie stark Live sein kann. Jetzt wäre der nächste Schritt, zu zeigen, wie erwachsen Live sein darf. Nicht höher, nicht härter, nicht gefährlicher, sondern besser kuratiert, klarer eingeordnet, weniger „Was wäre wenn…“, mehr „Warum genau ist das wichtig?“ Denn Thrill ist großartig. Aber wenn „live“ nur noch heißt „potenziell tödlich“, dann klettern wir nicht auf den nächsten Wolkenkratzer, dann rutschen wir in eine Zukunft, in der Aufmerksamkeit immer dann am höchsten ist, wenn jemand am tiefsten fallen kann. Hätte ich der Veranstaltung grünes Licht gegeben als Verantwortlicher? Die Antwort lautet nein.