Am Ende ließ die EU-Kommission RTL noch einmal zittern wie einst Marco Schreyl die Kandidaten bei "Deutschland sucht den Superstar". Klar war: Am Mittwoch muss sich die EU-Kommission äußern. Doch wann es soweit sein würde? Unklar. Erst am frühen Abend kam dann die erlösende Nachricht aus Brüssel: Die Übernahme von Sky Deutschland ist perfekt, RTL Deutschland kann den Pay-TV- und Streaming-Anbieter wie erhofft übernehmen. Noch dazu gänzlich ohne Auflagen, was insbesondere mit Blick auf die ohnehin schon mächtige Stellung der Kölner im Bereich der TV-Vermarktung im Vorfeld längst nicht als ausgemachte Sache galt.
Dass die EU-Kommission den Wettbewerbsdruck durch globale Streaming-Plattformen erkannt hat, ist die eigentliche Sensation der Entscheidung, weil nationale Wettbewerbsbehörden noch in der jüngeren Vergangenheit häufig so taten, als betrieben Netflix & Co. ihr Business in einer Parallelwelt, die nichts mit dem klassischen TV-Geschäft zu tun hat. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Der immer weiter wachsende Einfluss US-amerikanischer Tech-Riesen auf dem europäischen Medienmarkt macht den hiesigen Anbietern das (Über-)Leben zunehmend schwer. Diese neue Sichtweise könnte deshalb auch mögliche künftige Zusammenschlüsse erleichtern - ein positives Signal für europäische Medienhäuser weit über RTL und Sky hinaus.
Dass Stephan Schmitter, CEO von RTL Deutschland, in der Genehmigung des Deals ein "starkes Zeichen für die Zukunft des deutschsprachigen Medienmarktes" sieht, ist daher weit mehr als nur eine Floskel. An seinen Worten lässt sich die Erleichterung darüber ablesen, Netflix und Amazon mit nunmehr zwölf Millionen zahlenden Abonnentinnen und Abonnenten künftig einigermaßen auf Augenhöhe begegnen zu können. Galt RTL im Streaming bislang mitunter als Underdog, lässt sich künftig aus einer Position der Stärke heraus agieren.
Tatsächlich ist Schmitter mit dem Deal ein echter Coup gelungen – noch dazu zu einem günstigen Preis, der vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten worden wäre. Ein Preis, der aber auch Mahnung sein sollte: Tatsächlich galten Sky und der Vorgänger Premiere lange als Verlustgeschäft, weil sich hohe Sportrechte-Kosten nur schwer refinanzieren lassen. Dazu kommt die hohe Abhängigkeit: Unter dem zunehmenden Druck internationaler Player dürfte es künftig mehr denn je eine immense Herausforderung darstellen, sich im Wettbieten um attraktive Sportrechte durchzusetzen. Die aber braucht es, um die zahlungswilligen Fans bei der Stange zu halten.
Wie schnell Rechte die Seiten wechseln können, bekam man in Köln gerade erst durch den Verlust der Europa League schmerzhaft am eigenen Leib zu spüren. Bei Sky kommt nun erschwerend hinzu, dass auch in der Fiction jüngst ein wichtiges Standbein weggebrochen ist: Das "Home of HBO" tritt mit starken Marken wie "Game of Thrones" und "The Pitt" oder der künftigen "Harry Potter"-Serie neuerdings als direkter Konkurrent in Erscheinung. Von der eigenen Serienproduktion hat sich Sky hingegen schon vor wenigen Jahren zurückgezogen – auch hier bleibt also auf absehbare Zeit eine Abhängigkeit bestehen.
Gegensteuern dringend erforderlich
Gleichwohl bietet Sky für RTL Deutschland die beste Perspektive: Die rasant sinkende lineare Fernsehnutzung und das seit Jahren kriselnde TV-Werbegeschäft machten ein Gegensteuern dringend erforderlich, will man auf lange Sicht nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Ein Weiter-So wäre gewiss die schlechtere Antwort gewesen auf die sich verändernde Mediennutzung, die das bisherige Geschäftsmodell zunehmend infragestellte.
Und während Konkurrent ProSiebenSat.1 mit Joyn im Streaming auf ziemlich verlorenem Posten kämpft, ist RTL jetzt mit Sky, Wow und RTL+ schlagkräftig aufgestellt. Stimmig orchestriert, birgt das Zusammenspiel aus Streaming, Pay- und Free-TV nicht nur die Chance, maximale Reichweiten zu erzielen, sondern sich mit Erlösen aus dem Abogeschäft freizumachen von der bisherigen Fokussierung auf Werbeeinnahmen. Ob es jedoch auf Dauer wirklich Sinn macht, mit gleich drei Pay-Angeboten am Markt zu agieren, muss sich freilich erst noch zeigen. Ganz zu schweigen davon, dass RTL neuerdings die Rolle des Plattformbetreibers mit angeschlossenem Hardware-Handel zufällt. Auf die anstehenden Verhandlungen mit ProSiebenSat.1 über den Verbleib ihrer Sender bei Sky Stream darf man bereits gespannt sein.
Doch auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt einige Fragen offen sein mögen: Durch den Sky-Deal hat sich RTL im hart umkämpften Rennen um die Aufmerksamkeit des Publikums schlagartig in eine bessere Situation versetzt. Wollte man den Streaming-Wettbewerb mit einem Marathon vergleichen, dann hat sich RTL gerade die Startunterlagen abgeholt. Der eigentliche Lauf beginnt erst jetzt.
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