Maike Kühl, Max Uthoff, Claus von Wagner – als kleines Jubiläumsgeschenk hat Ihnen das ZDF den Jubiläumsgast Danger Dan wegen seines vermeintlichen Gewaltaufrufs im Song „Keine Angst" ausgeladen. Was war Ihre erste Reaktion darauf?
Claus von Wagner: Fassungslos.
Maike Kühl: Ungläubig.
Max Uthoff: Und wütend. Ich habe versucht, schnell noch Klavier zu lernen.
Wagner: Ich singen.
Kühl: Ich kann beides einigermaßen… War trotzdem zu knapp.
Was war das aus Ihrer Sicht – perfekte PR, Selbstzensur, Hilfe beim Versuch der AfD, den ÖRR abzuschaffen?
Wagner: Das war vor allem unprofessionell. Das ZDF hatte lange genug Zeit, sich den Text anzuschauen.
Uthoff: In der Zeit hätte ich den Text auswendig lernen können.
Kühl: Hätten Sie nicht.
Wagner: Im Ernst, weil „Keine Angst“ eine Anleitung zum Widerstand gegen rechtsextreme Strukturen und Zeilen enthält, die zur Diskussion einladen, wollten wir genau das machen.
Kühl: Und nach dem Song über diese Zeilen reden, im Rahmen des geschützten Raums einer Bühne eine Diskussion führen, wie weit Kunstfreiheit reicht und wo vielleicht eine Grenze durch die Lyrics des Songs überschritten wurde. Das alles hat das ZDF nicht gewollt und den Künstler eigenständig, gegen unseren Protest, wieder ausgeladen. Alles weitere kann man in der Sendung selbst sehen.
Wie genau werden Sie darauf denn in der 100. Sendung reagieren?
Kühl: Wir werden uns der Leerstelle von Danger Dan und dessen Text stellen.
Wagner: Wäre schön gewesen, wenn wir das mit dem Künstler gemeinsam hätten machen können.
Wo steht das Fernseh-Kabarett denn unabhängig von dieser Situation 99 Folgen nach ihrer ersten Anstalt?
Wagner: Nach der Absetzung von Dieter Hildebrandts „Notizen aus der Provinz“ fand im ZDF 30 Jahre lang kein Kabarett statt. Dann haben Urban Priol und Georg Schramm 2007 dankenswerterweise „Neues aus der Anstalt“ aus der Taufe gehoben. Ein Neuanfang der ZDF-Satire, den die „heute-Show“, anfangs von der Popularität von „Neues aus der Anstalt“ getragen, fortsetzen konnte. Dann kam Jan Böhmermann, wir… auch in der ARD gibt es Satire-Formate. Alles öffentlich-rechtlich. Die privaten Sender halten sich bei der Satire sagen wir mal vorsichtig, sehr zurück…
Kühl: Es steht also öffentlich-rechtlich – privat mindestens 6:0.
Wobei sich auch die ARD mit Dieter Nuhr als Aushängeschild nicht gerade mit Ruhm bekleckert.
Uthoff: Die ARD hat immerhin „Extra 3“, und Christian Ehring macht einen hervorragenden Job. Davon abgesehen driftet das Kabarett dort ab und an bedenklich ins Rechtspopulistische ab.
Wagner: Man hat das Gefühl, ein paar Redakteure im Ersten finden, es müsste unbedingt auch rechtskonservatives Kabarett im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geben.
Die berüchtigte False Balance.
Uthoff: Vielleicht ist das Kabarett aber auch hier Spiegel der Gesellschaft. Das zeigt sich sogar noch mehr auf den Bühnen jenseits des Fernsehens. Mit der Konsequenz, dass wir einige Kolleginnen von früher heute nicht mehr zu uns einladen.
Lisa Eckhart und Monika Gruber zum Beispiel.
Kühl: Was mich noch mehr als Dieter Nuhrs Haltung wundert, ist, dass sie von seiner Redaktion offenbar nicht mal auf Fakten gecheckt und stattdessen durchgewunken wird.
Uthoff: Ist das Aufmerksamkeitsökonomie oder Überzeugung?
Kühl: Beides.
Wagner: Dieter Nuhr hat bezeichnenderweise mal bedeutungsschwanger herumgeraunt, bei unserer Sendung gäbe es „Korrektoren“. Ja. Aber wir nennen die halt Faktencheck!
Uthoff: Gäbe es den auch bei den Verantwortlichen von WDR und rbb, wären Nuhrs Pointen über Femizide nie durchgegangen. Wobei: Pointen? Unser Verständnis von Satire unterscheidet sich grundlegend von Nuhr, Eckhart, Gruber. Man tritt nach oben, nicht nach unten, fertig!
Kühl: Nach unten Treten ist halt einfacher, weil dazu nur Ressentiment, aber keine Information nötig ist.
Uthoff: Unsere Themen sind je nach Faktenlage durchaus konträr. Auch, wenn es mitunter anstrengend ist, lassen wir auch andere Argumente gelten.
Kühl: Und zwar schon während der Vorbereitung, wo wir uns Meinungen unterschiedlichster Expert:innen anhören, die unsere schon mal auf die Probe stellen.
Learning by Joking?
Uthoff: Sozusagen. Und dann Joking after learning.
Dann gehen wir doch mal auf Anfang der Anstalt zurück. Deutschland war Weltmeister, Obama US-Präsident, die AfD eine Splitterpartei und Deutschland ganz zufrieden. War das ein besseres oder schlechteres Biotop fürs Kabarett als die Dauerkrise von heute?
Uthoff: Schönen Dank schon mal; erschütternder kann man die Niederlage der Anstalt als Ansporn gesellschaftlicher Verbesserung nicht zusammenfassen. Jede Satire antwortet auf ihre Zeit und muss dafür entsprechende Formeln finden. Ob es schwerer oder leichter war, weiß ich gar nicht, aber Satire ist immer möglich und nötig.
Wagner: Ich wehre mich dagegen, dass uns Donald Trump mit seiner Realsatire Arbeit wegnimmt. Satire hat aber immer eine Form, durchläuft einen Prozess der Reflexion. Und wir versuchen zudem, nicht nur tagespolitische Aussagen wiederzukäuen, sondern längerfristige Entwicklungen aufzuzeigen.
Die Themen der 2. Folge waren Rente, Ukraine, Alltagsstress. Wenn man Alltag durch Hitze ersetzt, würde sie inhaltlich auch zur 100. Folge taugen.
Uthoff: Die Probleme liegen in einem System begründet, dessen Profitzwänge naturgemäß nicht darauf ausgerichtet sind, Gerechtigkeit zu schaffen. Und das prangert linkes Kabarett ebenso naturgemäß an, was die Arbeit für uns nicht leichter macht. Zum zehnten Mal die Rentendebatte neu abzubilden, ist zermürbend.
Kühl: Und manchmal genauso frustrierend wie die Tatsache, dass sich zwischen dem ersten und zehnten Mal so wenig geändert hat. Es geht uns des Öfteren so, dass wir überzeugt sind, etwas erzählen zu müssen und beim Betrachten alter Sendungen merken, wie oft wir das bereits getan haben.
Wagner: Ja, ich weiß nicht, wie oft wir die vom Bundesverfassungsgericht schon lange angemahnte Erbschaftsteuerreform thematisiert haben, ohne dass sich was getan hat. Aber, manchmal tut sich politisch ja wirklich was. Ich weiß noch, als wir – viel zu spät – unsere erste reine Klimasendung gemacht haben, war die Debatte darüber in der Gesellschaft echt überschaubar. Dann hat Fridays for Future Druck gemacht und daran mitgewirkt dass Klima-Forderungen in konkrete Gesetze eingeflossen sind und anschließend kommunales Verwaltungshandeln verändert haben.
Kühl: Als ich 2019 das erste Mal in der Anstalt war, ging es auch um den Klimawandel, und die neuesten Erkenntnisse, darüber waren eigentlich alle entsetzt. Trotz all des fantastischen Engagements ist das Tempo, in dem Politik und Gesellschaft auf diese Bedrohung reagieren, nicht hoch genug. Im Gegenteil. Man stumpft zusehends ab und zuckt mit den Schultern, wenn sich Wetter-Moderator*innen noch über Rekordtemperaturen freuen.
Ihre Vorgänger hatten noch wirres Haar, Lederhände, Herrenhandtaschen. Warum sind komödiantische Alter Egos in der Anstalt seltener geworden?
Uthoff: Weil Urban Priol, Georg Schramm und Frank-Markus Barwasser ihre Alter Egos mit in die Anstalt gebracht haben, während Claus und ich nie welche hatten. Ich kenne kaum jüngere Kollegen, die noch mit einer Bühnenfigur arbeiten. Selbst in der Comedy nimmt die Zahl künstlicher Figuren ab.
Wagner: Es gibt natürlich noch Leute wie Olaf Schubert oder Atze Schröder. Ich glaube, sowas geschieht in Wellenbewegungen. Manchmal schöpft die Satire ihr Komik aus Theatralik, manchmal aus der Sachlichkeit.
Kühl: Wobei auch wir regelmäßig in Rollen schlüpfen, nur eben keine festen. Wer Texte lernt und damit auf die Bühne steigt, abstrahiert aber fast immer von sich als Person.
Wie kommt es eigentlich, dass so viele dieser Personen wie Sie drei aus Bayern sind?
Uthoff: Machen wir uns nichts vor – außerhalb Bayerns gibt’s gar kein politisches Kabarett.
Kühl: Deshalb habe ich meinen Geburtsort Worms auch heimlich in München geändert.
Uthoff: Was?! Es könnte sein, Herr Freitag, dass Frau Kühl in der nächsten Sendung nicht die Anstalt betritt. Aber ernsthaft: Wenn wir aufzählen, wer nicht aus Bayern kommt, fangen wir mit Christian Ehring an, kommen zu Tobias Mann oder Christoph Sieber und hören noch nicht bei Volker Pispers auf…
Alle männlich, weiß, mittelalt und damit das, was das deutsche Kabarett seit Ewigkeiten prägt. Ist „Die Anstalt“ diverser, weil sie gezielt danach suchen oder weil die Branche diverser wird?
Uthoff: Beides. Wenn sich 30 Prozent Migrationshintergrund in Deutschland nicht mal im linken Kabarett spiegeln würden, wäre das geradezu grotesk. Und wir sind natürlich auch immer auf der Suche nach Kabarettistinnen und finden dabei überall lustige, haltungsstarke Kolleginnen wie Ana Lucia oder Teresa Reichl…
Kühl: Die wiederum andere anziehen. Ich sehe uns in der Pflicht, Vorbilder zu zeigen.
Uthoff: Zumal viele Veranstalter bei einer Kabarettistin noch immer sagen, wir hatten doch schon letztes Jahr eine.
[Claus von Wagner bittet um die letzte Frage]
Okay, als wir uns vor der ersten Folge gesprochen hatten, meinte Herr Uthoff, Kabarett zu machen, bis er den Friedensnobelpreis bekommt. Kriegen Sie den vor oder nach Donald Trump?
Uthoff: Den will ich gar nicht mehr. Beim Streben nach der höchsten satirischen Auszeichnung, zieht es mich zum Nonplusultra, den Fifa Friedenspreis. Danach ist definitiv Schluss.
Kühl: Aber Herr von Wagner und ich bleiben.
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