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Gone © MG RTL D/NBCU
DWDL.de-Serienkritik

"Gone" bei Vox: Wenn Mr. Big Dienst nach Vorschrift macht

 

Weil kaum noch klassische US-Crime-Serien nachkommen, haben die Deutschen und die Franzosen bei den Amerikanern "Gone" bestellt. Zwar sind die erzählten FBI-Einsätze in Entführungsfällen mitunter spannend, doch der Serie fehlt es an Verwurzelung und Hit-Qualität.

von Torsten Zarges
24.01.2018 - 00:07 Uhr

Das berüchtigte Hollywood-Unwort vom "Stupid German Money" kam erstmals um die Jahrtausendwende auf. Im Zuge von Neuem Markt und Dotcom-Blase schaufelten wohlhabende Deutsche ihr Geld via Filmfonds steuersparend in die US-Traumfabrik, um einmal im Leben Produzent zu spielen. Nur ein Bruchteil der angekündigten Projekte wurde realisiert, ehe das Modell zusammenbrach. Auf Blockbuster warteten die Investoren vergeblich.

Zurzeit fällt das alte Schlagwort wieder häufiger, wenn man in Los Angeles Branchengespräche unter vier Augen führt. Was sich deutsche TV-Sender bloß davon versprechen, altmodische US-Crime-Serien in Auftrag zu geben, wollen entgeisterte Studiomanager wissen. Klar, das Geld nehmen sie gern. Aber wieso die Deutschen munter überweisen, die Amerikaner machen lassen und das Ergebnis dann auch noch synchronisieren müssen, versteht keiner so recht.

Lauter Gründe gegen dieses Vorgehen lieferte zuletzt etwa "Ransom". Die Koproduktion von CBS, TF1 und der Mediengruppe RTL Deutschland hatte außer Krimi-Mittelmaß nichts zu bieten und floppte im vergangenen Frühjahr bei Vox. Dennoch scheint der Drang europäischer TV-Entscheider, vermeintlich sicheren Crime Procedurals nach altem "CSI"-Schema hinterherzujagen, noch immer größer als das Zutrauen in hiesige Entwicklungen. Was sie früher im Dutzend per Output-Deal kaufen konnten, stellt Hollywood heute für den US-Markt kaum noch her. Also schmeißt man zusammen und bezahlt die Amerikaner dafür, mehr von dem zu produzieren, was sie doch stets so verlässlich geliefert haben.

Im Fall von "Gone", das heute bei Vox anläuft, sind die deutsche RTL-Gruppe und der französische Privatsender TF1 noch einen konsequenten Schritt weiter gegangen: Es ist gar kein US-Sender mehr mit an Bord. Dennoch hat NBCUniversal International Studios die zwölf Folgen der Crime-Serie "in den USA geschrieben, besetzt und produziert", wie Vox stolz vermeldet. Im Vergleich zu "Ransom" ist "Gone" zwar ein bisschen spannender und origineller geraten, nennenswerte Hit-Qualitäten sind jedoch nicht zu entdecken.

Jede Episode erzählt einen mehr oder weniger dramatischen Entführungsfall, den eine Spezialeinheit des FBI aufklären muss. Im Mittelpunkt steht dabei die von Levan Rambin ("True Detective", "The Path") gespielte Kit Lanigan, genannt "Kick", die als Kind selbst Opfer einer mehrjährigen Entführung war, heute aktive Kampfsportlerin ist und noch manchmal an ihrem Trauma zu knapsen hat. FBI-Agent Frank Novak (Chris Noth alias "Governor Florrick" aus "The Good Wife" alias "Mr. Big" aus "Sex and the City"), der sie damals befreit hat, heuert sie nun als Mitglied der Task Force an, weil er auf ihre persönlichen Erfahrungen setzt. Ebenfalls zum Team gehören Ex-Militärgeheimdienstler John (Danny Pino, "Law & Order: SVU") und Computergenie James (Andy Mientus, "The Flash").

Showrunner Matt Lopez, der zuvor Disney-Filme wie "Duell der Magier" oder "Die Jagd zum magischen Berg" geschrieben hat, lässt sich bei seiner ersten TV-Serie erkennbar von einem Best of Procedurals inspirieren. Die Farbgestaltung erinnert ein bisschen an "CSI: Miami", die Räume an "Navy CIS" und die Dynamik im Ermittlerteam an mehrere der einschlägigen Erfolgs-Ensembles. Eine durchaus erfrischende Eigenständigkeit kommt über die Figur Kit Lanigan ins Spiel, die ihre inneren Widersprüche über die Staffel behalten darf und mit ihrem impulsiven Drive so etwas wie den Puls der Serie vorgibt.

Die erste Folge ist insofern untypisch, als sie sich fünf Minuten Zeit für eine Rückblende auf Kits Entführung und Befreiung vor 15 Jahren nimmt. Kurze, blitzartige Erinnerungen daran begleiten die Hauptfigur auch später in Extremsituationen. Dafür gerät der 'Case of the Week' zum Auftakt arg holzschnittartig. Bei der kleinen Mia, die von ihren Eltern vermisst wird, ist fast alles so ähnlich wie damals bei Kit, und trotz großer Konfusion – ist es nun eine Entführung oder nicht oder sogar eine doppelte? – löst sich der Fall schließlich wie von allein. Deutlich gelungener ist der Plot der zweiten Folge, in der mehrere junge Frauen verschwinden, nachdem sie bei einer Mitfahr-App à la Uber gebucht haben. Hier überzeugt das Buch nicht nur mit einer psychologisch stimmigen Fallkonstruktion, sondern reflektiert gar einen Hauch Sozialkritik an real existierenden Auswüchsen übertriebener Silicon-Valley-Mentalität.

Schade, dass das immer wieder aufblitzende Potenzial von "Gone" nicht annähernd genutzt wird. Besonders ärgerlich: Chris Noth macht aus seiner Rolle nicht viel mehr als Dienst nach Vorschrift. Offenbar reicht es ihm, hier für den Promi-Faktor zu sorgen, und den Autoren ist auch nichts eingefallen, was ihn darüber hinaus fordern könnte. Und dann ist da noch das blaue Großraum-Flugzeug mit Hightech-Computer-Ausstattung, in dem Kit & Co. ständig von Einsatz zu Einsatz düsen. Was als Alternative zum klassischen Ermittlerbüro vermutlich cool wirken soll, steht stattdessen sinnbildlich für die fehlende Verwurzelung einer gewollt internationalen Serie.

Vox zeigt "Gone" mittwochs um 20:15 Uhr. Zum Auftakt laufen heute und am 31. Januar jeweils Doppelfolgen, danach dann einzelne Episoden.


Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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