Kulenkampffs Schuhe © SWR/HR/Kurt Bethke
Kulenkampff, Rosenthal & Co.

Mit seichter Unterhaltung gegen die Schrecken des Krieges

 

Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander gehörten zu Lebzeiten zu den beliebtesten Unterhaltungskünstlern der Republik. Eine Doku zeigt nun, wie sie nach dem Krieg für viele Menschen zu einer Art zweiten Familie wurden. Die Schrecken des Krieges haben sie dabei nie vergessen.

von Timo Niemeier
08.08.2018 - 16:42 Uhr

"Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben."

Dieses Zitat von Adolf Hitler kommt in der neuen Dokumentation "Kulenkampffs Schuhe" von Filmemacherin Regina Schilling gleich mehrfach vor. Hitler sagte das am 4. Dezember 1938 vor Mitgliedern der Hitlerjugend. Die Kinder und Jugendlichen sollten in der Zeit des Nationalsozialismus voll auf den Führer eingeschworen werden, Jungen hatten sportlich zu sein und mussten Soldaten werden, Mädchen war das Leben als Hausfrau vorherbestimmt. Wer nicht mitziehen wollte, wurde vom Staat auf Linie gebracht. Aber auch nach dem Kriegsende ist das Zitat für viele junge Menschen erschreckend aktuell geblieben. Mit den Erfahrungen des Nationalsozialismus mussten sie auch im neuen Deutschland leben.

Das galt auch für Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander, die sich im Laufe der Zeit zu beliebten Unterhaltungskünstlern im Fernsehen entwickelten. Ihre Geschichte wird nun in Schillings Doku erzählt. Die Filmemacherin hat viel Archivmaterial zusammengetragen und das mit privaten Fotos und Film-Aufnahmen aus der eigenen Familie angereichert. Entstanden ist ein Film, der einen Blick hinter die Kulissen der seichten Unterhaltungsindustrie und die Verdrängungskultur der Nachkriegszeit wirft.

Schilling beginnt die Doku mit eigenen Erfahrungen. Die Eltern arbeiteten viel in der selbst aufgebauten Drogerie, der Vater wurde vom Kettenrauchen und der vielen Arbeit krank. "Ein Schweigen umgab meinen Vater, etwas nicht greifbares, abwesendes, verschlossenes", sagt die Filmemacherin, die das als Kind nie deuten konnte. Am Samstagabend war das aber stets vergessen. Da, so erinnert sich Schilling, habe die ganze Familie vor dem Fernseher gesessen und Unterhaltungsshows gesehen. "Einer wird gewinnen" mit Kulenkampff war ihre Lieblingssendung. Sie beschreibt den Moderator ebenso wie Rosenthal ("Dalli Dalli") und Peter Alexander ("Peter Alexander Show") als Familienmitglieder. "Für meinen Vater waren die Showmaster wie Therapeuten, die Wellnesskur am Wochenende, damit man am Montag wieder fit ist."

Die drei Entertainer sind alle in etwa so alt wie der Vater von Schilling, der 1925 geboren wurde. Regina Schilling hat das als Kind natürlich noch nicht verstanden oder gar hinterfragt. Erst als sie älter war, fragte sie sich, was ihr Vater vor dem TV-Gerät wohl gedacht habe, wenn er etwa Kulenkampff gesehen habe. "Wie viele hast du getötet?"; "Wie viele sind neben dir verreckt?" Sie konnte ihn das alles nicht mehr fragen, er starb im Alter von nur 42 Jahren. Gesprochen hat er über die Nazi-Zeit so gut wie nie, die Verdrängung war zu der damaligen Zeit weit verbreitet.

"Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben": Das galt auch für die Unterhaltungsgrößen der Nachkriegszeit, die während des Nationalsozialismus groß geworden sind. Die Doku zeigt auf eindrucksvolle Weise, welche Rolle Kulenkampff, Rosenthal und Alexander während des Zweiten Weltkriegs spielten. Kulenkampff musste 1941 an die Ostfront, dabei wurden er und seine Kameraden eingeschlossen. Er schnitt sich mit einem Taschenmesser schließlich vier eingefrorene Zehen selbst ab. Später scherzte er oft in seinen Sendungen, nach Verdrängung war ihm nicht. "Das einzige Mal, dass ich nicht bereue, in Russland gewesen zu sein", sagt er bei einem Trinkspiel, als es um Wodka geht. Oder: "Manche kennen Pferde ja nur in Dosen." Die kleine Regina Schilling hat das damals noch nicht verstanden. Jetzt tut sie es.

Kulenkampffs Schuhe
© SWR/HR/Kurt Bethke
Hans-Joachim Kulenkampff in seiner Quiz-Sendung "Einer wird gewinnen".

Ganz anders verlief das Leben von Hans Rosenthal, der jüdisch war und dessen Vater aufgrund der Rassengesetze seinen Job verlor. Ein Jahr später starb er, Rosenthals Mutter verstarb an Krebs. So musste er 1941 ins Waisenhaus. Rosenthals Bruder wurde von den Nazis deportiert und erschossen, er selbst tauchte als 17-Jähriger in Berlin unter und versteckte sich in einem Verschlag bei einer Deutschen. "Ich hatte immer ein Messer dabei und dachte: 'Wenn ich gehen muss, nehme ich einen mit'", sagte Rosenthal später mal in einem Interview. In seinem Versteck habe er viel Radio gehört und wollte deshalb nach dem Krieg zum Rundfunk - dort nahm man ihn dankend an, weil er unbelastet war. "Ich wollte Politik machen und den Menschen beibringen, dass alle gleich sind." Doch auch Rosenthal hat die Schreckensherrschaft der Nazis nie vergessen. Als er am 9. November 1978 die 75. Ausgabe von "Dalli Dalli" moderieren soll, bittet er das ZDF um eine Verschiebung. An diesem Tag jährte sich die Pogromnacht zum 40. Mal. Das ZDF lehnte ab, Rosenthal musste moderieren. Die Doku zeigt, wie er das tat: Im schwarzen Anzug und mit Opern- statt Schlagersängern. Am Ende der Sendung nannte er noch das Datum - das tat er sonst nie.

Und auch Peter Alexander, der in der Doku nicht ganz so intensiv beleuchtet wird wie die zwei anderen Entertainer, hat seine Erfahrungen im Krieg gemacht. Als Österreich an Deutschland angeschlossen wird, war er zwölf Jahre alt. Nachdem er sich im letzten Kriegsjahr zur Marine gemeldet hatte, fuhr er in die deutsche Hauptstadt. "Berlin hat mich mit einem Teppich empfangen, einem Bombenteppich", sagte er mal in einem Interview. In dem Film werden auch andere TV-Gesichter aus der damaligen Zeit erwähnt. Horst Tappert etwa, der Soldat bei der SS war. Oder Martin Jente, besser bekannt als der Butler aus "Einer wird gewinnen". Jente war gleichzeitig auch Produzent der Sendung. Nach seinem Tod wurde bekannt, dass er seit 1933 SS-Mitglied war und zudem Adjutant im Führerhauptquartier. Viele Orden der Nazis und auch Telegramme Hitlers hatte er sich bis zu seinem Tod aufbewahrt.

"Kulenkampffs Schuhe" zeigt in 90 Minuten sehr eindringlich, dass sich weite Teile der Bevölkerung nach dem Krieg in den 60er- und 70er-Jahren mit seichter Unterhaltung berieseln lassen wollten. Und auch mussten: Vor allem die leicht verdaulichen Quiz-Shows spielten den Amerikanern und ihrem Re-Education-Programm in die Hände. Fernseh-Unterhaltung als Therapie für ein vom Krieg traumatisiertes Tätervolk. Und der Film zeigt, wie sich die großen Entertainer der damaligen Zeit nicht den Mund verbieten lassen wollten und in ihren Shows ihre ganz eigene Vergangenheitsbewältigung absolvierten, gezeigt wird eine andere Seite der nur vordergründig stets gut gelaunten Herren Kulenkampff, Rosenthal und Alexander. Der Film setzt dabei nicht auf Effekthascherei und kommt unaufgeregt daher. An der ein oder anderen Stelle geht es ein wenig zu ausführlich um die Familie und die eigenen Erlebnisse von Regina Schilling. Hier hätte ein verstärkter Fokus auf die drei großen Entertainer gut getan, auch wenn sie viel mit dem Vater der Filmemacherin gemeinsam hatten. Wer sich für Fernsehen und Unterhaltung interessiert, der sollte "Kulenkampffs Schuhe" aber dennoch unbedingt sehen.

Das Erste zeigt die 90-minütige Doku "Kulenkampffs Schuhe" von Regina Schilling am Mittwoch, den 8. August, ab 22:30 Uhr.

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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