Diese Telegeschichte beginnt am 04. September 2004 im kleinen Ort Sanderbusch bei Wilhelmshaven. Dort ist der Rettungshubschrauber Christoph 26 stationiert. Er hebt immer dann ab, wenn im Umkreis von etwa 70 Kilometern eine schnelle medizinische Versorgung erforderlich ist. Sein Gebiet umfasst vor allem die niedersächsische Nordseeküste sowie die Ostfriesischen Inseln. Mehrmals täglich rückt das Team aus. In dieser Woche wird es vom Journalisten Karl-Heinz Sünkenberg begleitet, der die Einsätze dokumentiert. Er erlebt die Rettung mehrerer Motorradfahrer, Notfälle bei Menschen mit Herzversagen, ein Kind mit Fieberkrampf und sogar eine Landung im Watt, um eine Person von einem aufgelaufenen Schiff zu retten. Für Sünkenberg sind es intensive Tage. Zwischendurch spricht er mit den Mitgliedern des Rettungsteams und lernt ihren Alltag kennen. Die Aufnahmen werden später in einer Reportage für das RTL-Magazin "Punkt 12" zu sehen sein.

Auf dem Weg zu den Unglücksorten überfliegt die Crew unzählige Siele, kleine Hafenanlagen, große Weideflächen, weite Salzwiesen und das Wattenmeer. Dabei entdeckt Sünkenberg die telegene Schönheit der ostfriesischen Landschaft. Für ihn stellt sich sofort die Frage, was wäre, wenn es einen lokalen Fernsehsender gäbe, der von all diesen Orten berichtet und ihre Geschichten vor dieser Kulisse erzählt. Die Vision seines eigenen TV-Kanals ist geboren. Fernsehen, wo andere fern sehen.

In den vergangenen zwanzig Jahren drehte er mit seiner Produktionsfirma neben abschreckenden Fahrschulvideos und Lehrfilmen für die Berufsgenossenschaft vor allem Blaulicht-Beiträge für das "Sat.1-Frühstücksfernsehen" und andere Magazine. Bald könnten seine Berichte, so seine Hoffnung, im eigenen Programm laufen. Ein paar Tage später fällt ihm an einer roten Ampel schließlich der Name des neuen Senders ein: "Friesischer Rundfunk".

Ein altes Gesetz im Weg

Als der Friesische Rundfunk am 19. September 2005 seinen offiziellen Sendestart feierte, lagen turbulente Monate hinter Karl-Heinz Sünkenberg. Die Suche nach einem Standort erwies sich als ebenso kniffelig wie die Realisation der Einspeisung des Signals in die örtlichen Kabelnetze. Weil eine Liveausspielung des Signals zu teuer war, mussten täglich Festplatten mit den aktuellen Beiträgen zu den Kopfstationen gebracht werden. Dort wurden sie an eigens für diesen Zweck angeschaffte Sendecomputer angeschlossen und konnten so ihren Weg in 525.000 friesische Wohnzimmer finden. Irgendwie gelang es Sünkenberg, für jede neue Herausforderung eine Lösung auszutüfteln.

Ein richtiger Fernsehsender war der Friesische Rundfunk trotzdem nicht. Was Sünkenberg damals im Rettungshubschrauber nicht ahnte: Das niedersächsische Mediengesetz sah die Zulassung von privatrechtlichem Lokalfernsehen gar nicht vor. Einen kommerziellen Sender, der sein Programm nur in einem Teil des Bundeslandes ausstrahlen wollte, durfte es schlicht nicht geben. Diese Regelung war bereits 1978 aufgenommen worden, um die örtlichen Zeitungsverlage vor einer möglichen Konkurrenz durch das sich anbahnende Privatfernsehen zu schützen. Diese Bestimmung galt noch im Jahr 2005, als Karl-Heinz seine Idee des Heimatfernsehens zum Laufen bringen wollte. Und die vermochte nicht einmal er mit seiner Beharrlichkeit abzuändern.

Die einzige Möglichkeit, die das Gesetz einräumte, war der Betrieb eines sogenannten Mediendienstes, also eines Dienstes, der beispielsweise Produkte via Bildschirm verkaufen durfte. Das schloss die jedoch Verbreitung redaktioneller Inhalte kategorisch aus.

Mehr anders geht nicht

Durch das enge Schlupfloch eines Mediendienstes wollte Sünkenberg nun sein Programm hindurchquetschen. Dafür musste er kreativ werden. Dass das Übertragen von redaktionellem Material verboten war, bedeutete vor allem, dass keine "meinungsbildenden lippensynchronen Inhalte" gezeigt werden durften. Einzelne Informationen konnten zwar über Texttafeln oder Einblendungen vermittelt werden, das durfte aber nicht über Originaltöne oder gesprochene Texte erfolgen. Damit waren klassische Moderationen, Off-Texte oder Interviews ausgeschlossen. Dies betraf nicht nur Sprache im engeren Sinn. Wurde etwa die Kapelle auf einem Volksfest gezeigt, durfte ihre Musik nicht synchron unter dem Bild liegen. Andernfalls drohten Abmahnungen und Bußgelder durch die Landesmedienanstalt.

Ein Großteil des Programms bestand deshalb aus unkommentierten Ortsansichten, Luftaufnahmen oder anderen Bilderfolgen, die mit beliebiger Musik unterlegt waren. Als "Wellness für die Augen" beschrieb Sünkenberg die Segmente euphemistisch. Dazwischen erschienen Gewinnspiele, Wetterinformationen oder aktuelle Hinweise einzig als Texteinblendungen oder Laufbänder.

Das Prinzip reizten er und seine Mitarbeitenden bis ins Äußerste aus und kreierten unter diesen Rahmenbedingungen sogar eine eigene Spielshow. In der Reihe "5 Engel und 1 Karl-Heinz" traten jeweils fünf weibliche Angestellte von zwei lokalen Firmen gegeneinander an, um zu beweisen, welches Team eine ungewöhnliche Aufgabe besser lösen konnte. Etwa gefüllte Sektgläser oder einen Brotkorb schwimmend durch ein Hafenbecken ans andere Ufer zu transportieren.

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Sprechen durfte der FRF einzig, wenn das Bild zugleich einem Verkaufszweck diente. Deshalb verpackte man so viele Inhalte wie möglich in Teleshopping-Segmente. Mit teils kuriosen Auswirkungen. Um Bilder von Menschen aus der Region zeigen zu können, pries man auf verschiedenen Marktplätzen vor laufenden Kameras etwa eine Tasse Kaffee oder ein Fischbrötchen an. Auf diese Weise waren wenigstens im Hintergrund die heimatlichen Impressionen zu sehen. Selbst eine Vorschau auf das eigene Programm durfte bloß laufen, wenn man gleichzeitig Mitschnitte der beworbenen Sendungen zum Verkauf anbot. Doch auch hier waren die Grenzen eng gesetzt, wie Karl-Heinz Sünkenberg oft betonte: "Ich dürfte Honig verkaufen, aber ich dürfte den Bienenzüchter nicht fragen, ob er schon mal gestochen worden ist."

Als Karl-Heinz einmal besonders pfiffig sein und die Sicherheitstipps eines Polizisten ausstrahlen wollte, blendete er als Alibi den Hinweis "Sicherheit für 0,00 Euro" ein. Mit diesem Trick kam er aber nicht durch und kassierte prompt eine Beschwerde von der Medienaufsicht.

Es war eine von vielen. Gerade in der Anfangszeit flogen regelmäßig Beanstandungen ins Haus, die das Team dazu zwangen, Beiträge umzuschneiden und ihre Konzepte abzuändern. Auf diese Weise lotete man zwar aus, wie weit man den Rahmen des Mediendienstes ziehen konnte. Aufwendig, teuer und ärgerlich waren diese Proteste dennoch. Dass die Landesmedienanstalt ausnahmslos jeden kleinen Übertritt ahndete, schob Sünkenberg stets auf den Druck der regionalen Zeitungsverlage. Sie hätten im Rundfunk eine Bedrohung für ihre Lokalblätter gesehen und akribisch darauf geachtet, wo die ungeliebte Konkurrenz aus ihrer Sicht ihre Befugnisse überschritt und meldeten dies umgehend.

Endlich echtes Fernsehen

Gegen alle Vorzeichen fand dieses krude Programm sein Publikum, da es trotz aller Einschränkungen mit Liebe und Selbstironie gemacht wurde. Fünf Jahre hielt er diesen Status als Fernsehsender, der eigentlich keiner sein durfte, durch. In dieser Zeit erkämpfte er sich einen Namen sowie eine treue Fangemeinde in der Region. Einige dieser Fans tragen ihn bis heute.

Im Jahr 2010 folgte die langersehnte Änderung des Mediengesetzes, wodurch der FRF endlich eine Lizenz als vollwertiger Fernsehveranstalter erhalten konnte. Allerdings unter der Voraussetzung, dass er von mindestens drei Gesellschaftern getragen wurde. Insgesamt sieben der ehemals konkurrierenden Zeitungsverlage nutzten die Chance und stiegen beim Friesischen Rundfunk ein. Mit diesem Schritt fielen nicht nur die ständigen Beanstandungen weg, zugleich stand das Unternehmen jetzt auf einer verlässlichen finanziellen Basis. „Das ist der schönste Tag seit Gründung des Senders“, feierte Karl-Heinz damals die neuen Entwicklungen.

Mit der Zulassung als redaktioneller Fernsehsender begann die eigentliche Blütezeit des FRF. Umgehend expandierte der Kanal, vergrößerte seine Belegschaft und zog in ein größeres gläsernes Studio in Sande. Dort sollten all die neuen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um endlich echtes Fernsehen aus der Region anbieten zu können. Durch die Einspeisung in neue Kabelnetze wurde das Sendegebiet ab 2012 nahezu verdoppelt, sodass der FRF nun in über 915.900 Haushalten zu empfangen war. Bald flitzte ein gutes Dutzend Regionalreporter in kleinen roten Autos von der Stadtgrenze Hamburg bis zur Grenze nach Holland durch die 15 dazwischen liegenden Landkreise und vier kreisfreie Städte (Oldenburg, Wilhelmshaven, Emden und Delmenhorst). Die meisten ihrer Beiträge liefen im täglichen einstündigen Vorabendmagazin, das in Doppelmoderation vom Deck einer großen Schiffskulisse präsentiert wurde. Zusätzlich eröffnete im Herbst 2014 das hauseigene Bistro im Sendezentrum, das neben Schnitzelgerichten und Matjestellern einen Blick in die Redaktion bot. Und Sünkenberg stand als Senderchef, Reporter, Starmoderator und Schnitzelfan mittendrin.

Im Mai 2014 belegte eine Umfrage, dass rund 80 Prozent der niedersächsischen Bevölkerung den Friesischen Rundfunk kannten und mehr als 40 Prozent ihn regelmäßig einschalteten. Über einen ganzen Tag verteilt kamen so etwa 400.000 Zuschauende zusammen. Am Vorabend bewegten sich die Marktanteile in der Region auf Augenhöhe mit 3sat, n-tv und DMAX. Hierbei darf man nicht vergessen, dass der FRF täglich bloß wenige Stunden frisches Material produzierte und den Rest des Tages mit Wiederholungen dieser Formate bestritt.

Wir wollen Walter

In seiner Hochphase ab 2011 schaffte es der Friesische Rundfunk gleich zweimal in die bundesweiten Schlagzeilen. Das erste Mal gelang ihm das im Januar 2015, als der ehemalige Fernsehmarktschreier Walter Freiwald an der Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ teilnahm. Dort beklagte er öffentlich, dass er gern wieder als Moderator auftreten würde, aber keine ernsthaften Jobangebote mehr bekomme. Daraufhin bot Sünkenberg dem gebürtigen Wittmunder kurzerhand eine Stelle in seinem Programm an.

FRF will Walter © Ein Dahmer / CC BY-SA 4.0 FRF will Walter... Foto von Ein Dahmer, veröffentlicht unter der Lizenz CC BY-SA 4.0

Im medialen Gewitter, das sich jedes Jahr um das Dschungelcamp entlädt, zündete diese Meldung perfekt. Sämtliche Zeitungen, Online-Dienste und Fernsehredaktionen griffen sie dankbar auf. Reporter aus dem ganzen Land, von ProSieben bis RTL, kamen nach Sande, um Sünkenberg ein Interview zu entlocken. In der BILD-Zeitung schaffte er es auf die Titelseite. Als Freiwald aus dem Dschungel zurückkehrte, lehnte er das Angebot zwar ab, doch für rund drei Wochen war der Friesische Rundfunk weit über die Nordseeküste hinaus im Gespräch.

Das Katzendrama von Altengroden

Ein vergleichbares Medienecho erlebte das Team im Mai 2015, als auf der Videoseite „Live Leak“ ein alter Beitrag vom FRF hochgeladen wurde, der eigentlich schon aus dem Februar stammte. In Altengroden, einem Stadtteil von Wilhelmshaven, hatte sich Kater Piepsi auf einen hohen Baum verirrt und dort bereits vier Tage ausgeharrt, bevor in der Redaktion des FRF ein Hinweis einging. Kurzerhand entschloss sich Karl-Heinz, mit Kamera und Drohne im Gepäck zum Ort des Geschehens zu fahren. Sofort witterte er eine große Geschichte und harrte den ganzen Tag am Baum aus, sprach mit dem verzweifelten Besitzer-Pärchen, Anwohnenden und Tierfreunden. Dann tauchte plötzlich ein zweites Paar auf, das behauptete, der schwarze Kater da oben sei ihr Haustier.

Seinen Höhepunkt erreichte die Lage, als ein Industriekletterer versuchte, die Katze zu retten. Vor Karl-Heinz’ laufender Kamera stürzte das Tier rund 30 Meter tief, überlebte den Fall jedoch und rannte davon. Den Aufprall blendete der daraus entstandene zwölfminütige Beitrag aus. Stattdessen inszenierte Sünkenberg das "Katzendrama von Altengroden" in bester Blaulichtreporter-Manier als Katastrophenfilm mit wuchtigem Blockbuster-Soundtrack und zarten Klängen aus "Schindlers Liste".

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Der Re-Upload des skurrilen Beitrags bei „Live Leak“ ging in kürzester Zeit derart viral, dass abermals große Nachrichtenportale und Zeitungen ihren Blick auf den Friesischen Rundfunk richteten. Sie schütteten viel Häme und Herablassung über das Katzendrama und Sünkenbergs Umgang mit der Story aus. In ihrer Online-Ausgabe sprach etwa "Welt" nicht ganz ironiefrei von einer "Sternstunde des Lokaljournalismus", während "Meedia" vom "Regionalfernsehen vom Allerfeinsten" schwärmte. Interviews mit Sünkenberg gab es zudem bei "Zapp" und bei Radio ffn.

Allein das Video mit dem vollständigen Bericht erreichte über eine Million Abrufe. Gleichzeitig brach der für maximal 500 Personen ausgelegte Livestream wiederholt zusammen. Plötzlich wollten alle mehr vom FRF sehen. Mehr von dieser wilden Mischung aus banalen Themen und großspuriger Inszenierung. Glücklich machte Sünkenberg die erneute Aufmerksamkeit nicht, denn schmeichelhaft waren die wenigsten Berichte. "Ganz Deutschland darf über diesen Beitrag herziehen, über diesen ‚Affen-Sender‘. Dabei mache ich hier seit acht Jahren mit meinem elfköpfigen Team ein erfolgreiches Programm. Und steckengebliebene Trecker oder festsitzende Katzen, das sind eben unsere Themen, die wir in CNN-Manier abfackeln", beschwerte er sich in einem Interview mit "Welt".

FRF Katzendrama © Screenshot FRF Katzendrama, CNN-Art

Peter Zwegat lässt grüßen

So sehr der Friesische Rundfunk insbesondere in den Jahren 2014 und 2015 an Bedeutung gewann, so stark stiegen parallel die Kosten für den Betrieb. Die laufenden Ausgaben für die landesweite Verbreitung und den großen Personalstamm waren hoch. Allein für den Betrieb waren pro Jahr rund 650.000 Euro nötig. Hinzu kamen notwendige Umbauten für die Digitalausspielung und die Umstellung des Formats auf 16:9. All das musste man allein über Werbung refinanzieren. Staatliche Zuschüsse oder Fördergelder gab es nie. Zwar lag der jährliche Umsatz bei rund 500.000 Euro. Ein beachtlicher Wert, der fast vollständig von kleinen Unternehmen aus der Region stammte. Doch dauerhaft reichten die Einnahmen nicht aus, sodass die beteiligten Verlage ständig die Defizite ausgleichen mussten.

Im Herbst 2015 hatten die Anteilseigner genug vom ewigen Reinbuttern und die sieben beteiligten Firmen zogen sich geschlossen aus der GmbH zurück. Dieses Ergebnis verkündete man am 03. November in einer Sondersendung, in der Karl-Heinz an einer Flipchart fast wie einst Peter Zwegat in brutaler Ehrlichkeit offenlegte, wie es um den Friesischen Rundfunk stand. Um den Betrieb dennoch aufrechterhalten zu können, so berichtete er dort, habe das Team den Sender selbst von den Verlagen zurückgekauft und betreibe ihn nun in Eigenregie.

Karl-Heinz als Zwegat © Screenshot FRF

Die finanzielle Schieflage konnte mit dem Employee-Buy-out nicht dauerhaft behoben werden, sodass der Friesische Rundfunk von da an vor allem wegen seiner wirtschaftlichen Probleme in die Schlagzeilen geriet. Wenig später gab das Team das Studio im Bürgerhaus von Sande auf und zog stattdessen in einen alten Supermarkt im benachbarten Ort Friedeburg. Im März 2017 war die Situation derart angespannt, dass der FRF zeitweise nicht tagesaktuell senden konnte. Immer mehr Mitarbeitende verließen das sinkende Schiff, das inzwischen nicht einmal mehr als Kulisse zur Verfügung stand. Und irgendwann im Jahr 2018 saß Karl-Heinz schließlich buchstäblich allein in einem alten "Netto" voller Sendetechnik. Mit einer Frequenz, einer beliebten Marke und über 20.000 Beiträgen im Archiv, aber ohne Kohle, ohne Team und ohne Perspektive.

Karl-Heinz allein im Supermarkt

Wie einst die Katze im Baum von Altengroden bewies ebenso der Friesische Rundfunk, dass er mehrere Leben hat. Möglich wurde das vor allem durch das unerschütterliche Durchhaltevermögen von Karl-Heinz, der den Sender seitdem ganz allein weiterbetrieb. Dafür baute er Regie und Studio so um, dass er bewältigen konnte, was zuvor vier Kolleg:innen abgedeckt hatten.

Richtige Beiträge waren im Ein-Mann-Betrieb natürlich nicht mehr zu stemmen. Durch Zulieferungen von Agenturen, pfiffigen Rubriken, unzähligen Drohnenaufnahmen, endlosen Wetterkamerabildern und viel Improvisation bekam Sünkenberg dennoch jeden Tag genug Material zusammen, um seinen Traum vor dem Ende zu bewahren. Mehrfach probierte er neue Ansätze und Konzepte aus. Mal saß er mit einem Holztisch mitten in der Regie, mal moderierte er von einem Rezeptionstresen. Mal wollte er den ganzen Tag nur mit Livebildern von Wetterkameras bestreiten und sich ins laufende Programm schalten, wenn in der Region etwas Spannendes passierte.

FRF Wetterkamera © Screenshot FRF

Trotz dieser Einschränkungen gelang es Karl-Heinz in dieser Zeit sogar, die technische Reichweite zu vergrößern. Durch die Einspeisung in das Angebot von MagentaTV und ZuhauseKabel der Telekom stieg die Empfangbarkeit auf 4,3 Millionen Haushalte in Deutschland. An einem potenziellen Publikum mangelte es dem FRF also nicht.

Der kleinste Fernsehsender Deutschlands

Mittlerweile sitzt Karl-Heinz nicht mehr im alten "Netto", sondern in einem winzigen Studio im Souterrain eines Hinterhofs in Wilhelmshaven, einsam vor einer backsteinfarbenen Fototapete. Auf nicht einmal mehr 80 Quadratmetern füllt er dort tapfer sein tägliches Programm mit Anekdoten und Erlebnissen aus seinem Alltag. Er produziert ein 30-minütiges Magazin, das viermal pro Woche – von Dienstag bis Freitag – jeweils am Nachmittag neu erscheint und anschließend 24 Stunden in Dauerschleife wiederholt wird.

Mit einer Fernbedienung auf dem Tisch übernimmt er während der Aufnahmen die Bildregie selbst. Außerdem spricht er die Einspieler, produziert Werbespots für Firmen, kümmert sich um Störungen des Sendesignals, bereitet die Ausgaben redaktionell vor und leistet die gesamte Korrespondenz und Verwaltung des Unternehmens. Karl-Heinz macht alles. Und das lief sechs Jahre lang halbwegs stabil.

Doch kurz vor Weihnachten stand der FRF durch das Wegbrechen des letzten großen Werbekunden erneut vor dem Aus. In einem letzten Akt der Verzweiflung bat Karl-Heinz deshalb Anfang 2026 sein Publikum um Unterstützung. Und das hatte seine skurrile Karl-Heinz-Show offenbar gern. Im Rahmen der Aktion "Zuschauer retten ihren Sender" kamen innerhalb kürzester Zeit Spenden in der Höhe von über 30.000 Euro zusammen. Das sicherte die Existenz immerhin bis Mai. Wie lange der Sender tatsächlich durchhält, bleibt ungewiss. Für den laufenden Betrieb braucht er rund 6.000 Euro im Monat, die derzeit weder durch Spenden noch durch Werbeverträge abgedeckt sind.

Für den kommenden Dienstag, den 5. Mai, hat Sünkenberg deshalb eine Sondersendung angekündigt, in der er über seine Zukunft informieren will. Möglich, dass dann das endgültige Aus verkündet wird.

So sendet der FRF ein wenig wie Schrödingers Katze weiter vor sich hin. Man weiß nie so genau, ob er noch lebt oder schon Geschichte ist. Sünkenberg lässt sich die Trostlosigkeit der Situation nicht anmerken. Im Gegenteil, die schmucklose Fototapete verschönert er nach und nach mit Dekoration, die er günstig in Baumärkten findet oder zugesandt bekommt. Nach 20 Jahren hält er bedingungslos an jener Idee fest, die ihm einst im Rettungshubschrauber kam.

Was Karl-Heinz derzeit in seinem Friesischen Rundfunk anbietet, bewegt sich irgendwo zwischen Offenem Kanal, frühem YouTube-Vlog, Kunstinstallation und Notprogramm aus dem Bunker. An einem Tag erzählt er 15 Minuten lang von einem Brutkasten, den er am Vortag für sechs Euro im Discounter gekauft hat. Am nächsten über einen Taucheranzug im Fenster des Nachbarhauses, den er irrtümlich für einen Menschen hielt. Zur Feier des 7.500sten Sendetags schmierte er vor laufender Kamera ein paar Mettbrötchen und verspeiste sie genüsslich. Eine alte Tradition, denn bereits in einer früheren Sondersendung zur Verabschiedung seines Moderationstisches hatte er einige Wiener erhitzt und gegessen. Der Slogan des Senders könnte kaum treffender beschreiben, was Karl-Heinz dort jeden Tag im besten Sinne serviert: Fernsehen ohne Schnickschnack.

FRF Schnickschnack © Screenshot FRF

Der Friesische Rundfunk ist längst nicht der einzige Lokalsender, dessen Geschichte ein permanenter Überlebenskampf ist. Auch die Lokalprogramme in Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München kämpfen seit Jahren mit denselben Problemen. Selbst der Versuch, sich zusammenzuschließen und gemeinsam ein groß angelegtes Unterhaltungspotpourri mit prominenten Gesichtern wie Barbara Schöneberger, Wigald Boning oder Hugo Egon Balder aufzubauen, brachte nicht den erhofften Erfolg. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte, die hier erzählt wird.

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