Julia Roberts Homecoming © Amazon
DWDL-Serienkritik

Julia Roberts in "Homecoming": Hochspannung zum Snacken

 

Mit "Homecoming" hat Amazon seit Freitag ein ungewohntes Drama im Angebot. Die mit Julia Roberts besetzte Geschichte über PTSD-erkrankte Soldaten wartet nicht nur mit einer unorthodoxen Machart auf, sondern auch mit überraschend wenig Pathos.

von Kevin Hennings
03.11.2018 - 14:52 Uhr

"Mr. Robot" ist in vielerlei Hinsicht eine seltsame Serie. Konnte die Erzählung über eine anarchistische Hackergruppe in der ersten Staffel noch begeistern und Golden Globe sowie Emmys gewinnen, hat sich die Situation mit der zweiten und dritten Staffel etwas geändert. Lediglich Zuschauer, die sich konzentriert in die immer wirrer werdende Welt des Elliot Alderson (Rami Malek) einfinden wollen, freuen sich noch auf die letzte vierte Staffel. Erschaffen wurde sie einst von Sam Esmail, der im Interview preisgab, dass "Mr. Robot" über 20 Jahre in seinem Kopf reifte, ehe er das Drehbuch schrieb. Viele Gedanken hat er sich auch über "Homecoming" gemacht, seiner neuen Serie für Amazon. Auch hier beschreitet er einen Pfad, der von einem konventionellen Serienschemata abweicht. Und Julia Roberts, die die Hauptrolle übernommen hat, fügt sich perfekt in sein Konzept ein.

Als Sachbearbeiterin Heidi Bergmann arbeitet sie im Homecoming Transitional Support Center in Florida, das sich um Soldaten kümmert, die nach ihren Einsätzen wieder ins normale Leben zurückfinden sollen. So sehr sie jedoch hinter ihrer wichtigen Aufgabe steht, so schnell bemerkt sie, dass ihr Vorgesetzter (Bobby Cannavale) Pläne verfolgt, die den vordergründigen Zielen der Einrichtung widersprechen. Selbst die dort stationierten Soldaten geraten ins Zweifeln und hinterfragen sogar, ob sie sich wirklich in Florida befinden.

Ähnlich wie bei der kürzlich erschienenen Netflix-Serie "The Haunting of Hill House" arbeitet auch "Homecoming" mit dem Stilmittel des Zeitsprungs. Heidis Tage als Sachbearbeiterin befinden sich in der Vergangenheit, und immer wenn eine spannende Situation auftritt, geht es mit einem Ruck in die Gegenwart, wo sie wieder bei ihrer Mutter lebt und als Kellnerin arbeitet. Wie bei "Hill House" gilt auch hier: Cliffhanger gibt's nicht erst zu Ende einer Folge.

Verwirrung kommt beim Zuschauer aber nicht nur deswegen auf, weil zwei verschiedene Zeitlinien sortiert werden müssen. Hinzu kommt Esmails Hang zur Verkünstelung, die die Cineasten von den "Otto-Normal-Zuschauern" trennen wird. In einem eigenartigen Rhythmus wechselt sein Drehstil häufiger als es einem lieb sein kann. So wirkt die eine Szene so, als wäre sie mit einer alten Super 8 Kamera gefilmt worden, während die nächste vom neuen iPhone stammen könnte. Vom Breitbild geht es in 4:3, von einer langsamen Erzählung geht es zur emotionalen Hetzjagd. Und das alles, obwohl die Story im Grunde an einen klassischen Verschwörungsthriller erinnert.

Julia Roberts, die ihre Karriere einst in den 90ern mit "Pretty Woman" und "Notting Hill" zum Laufen brachte, fungiert hier als perfektes Bindestück. Mit ihrer Erfahrung als gestandene Schauspielerin bringt sie eine gewohnte Klasse auf die Leinwand und versäumt es dabei nicht, offen für neumodische Stile zu sein, die Showrunner Esmail nur zu gern nutzt. So ist er auch Teil der Pioniertruppe, die sich an halbstündigen Dramen versucht. Viele der Serien, die mit diesem Konzept arbeiten, haben jedoch gewisse komödiantische Züge inne, die sie schlussfolgernd auch für begehrte Emmy-Nominierungen im Comedy-Bereich prädestinieren – über die Jahre hinweg hat es sich nämlich etabliert, dass Comedy-Formate (zumindest brutto) dreißig Minuten lang sind, während Dramen, die nochmal intensiver um einen Emmy buhlen, eine Laufzeit von einer Stunde haben. "Barry" und "Atlanta" wären zwei Beispiele aus diesem Jahr. "Homecoming" ist jedoch ein reinrassiges Drama, an manchen Stellen sogar ein arg düsterer Thriller und somit eine gänzlich neue Art Serie.

Die größte Sorge, dass sich die Atmosphäre mit der verkürzten Laufzeit nicht vernünftig aufbauen kann, bleibt jedoch unbegründet. In der Tat umgeht "Homecoming" das Problem, zu atmosphärisch zu sein. Denn zu viel Atmosphäre bedeutet nicht selten auch Leerlauf, der schnell in Langeweile münden kann. Dieses Problem ist hier gar nicht erst zu finden, befördert Esmail den Zuschauer doch im perfekten Tempo durch die Geschichte, die auf dem gleichnamigen fiktionalen Podcast von Gimlet Media basiert.

Der Podcast ist dafür bekannt und beliebt, dass er sich intensiv mit jungen US-Soldaten auseinandersetzt und ohne Beschönigung die schlimmsten posttraumatischen Belastungsstörungen beleuchtet und auch ergründet. Erfreulicherweise wird dies in "Homecoming" genauso getan und somit jedem amerikanischen Pathos, der in solchen thematischen Produktionen gerne mal Einzug hält, vorgebeugt. Da es auch heute noch genug US-Militär im Ausland gibt, bleibt das Thema obendrein aktuell.

Mit dieser Brisanz und einem roten Faden, der in zwei verschiedenen Zeitlinien erstmal entdeckt werden möchte, muss man "Homecoming" jedoch ein bisschen Zeit geben, sich richtig warm zu laufen. Julia Roberts bereitet den Einstieg mit ihrer zutiefst menschlichen Rolle aber mehr als angenehm und beweist mit ihrer starken Frauenrolle einmal mehr, dass Helden jedes Geschlecht tragen können. Und so ist auch Esmail zu loben, der mit seinen innovativen Ideen dafür sorgt, dass "Homecoming" zu einem neuen Serienerlebnis wurde. Bleibt nur zu hoffen, dass die Serie in der bereits bestätigten zweiten Staffel nicht so verkopft wird wie "Mr. Robot".

Die zehnteilige erste Staffel von "Homecoming" steht seit Freitag bei Amazon im englischen Originalton zum Streaming bereit. Die deutsche Synchronisation ist erst für den 22. Februar 2019 angekündigt.

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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