Die purpurnen Flüsse © ZDF/Aurélie Elich
DWDL-Serienkritik

"Die purpurnen Flüsse": In der Zeit stecken geblieben

 

Das ZDF belebt ab heute "Die purpurnen Flüsse" mit vier neuen Filmen wieder. Mit an Bord ist auch Autor Jean-Christoph Grangé, der mit seinem Roman die Vorlage für Film und Serie lieferte. Doch was einst modern war, hat sich bis heute nicht weiterentwickelt.

von Kevin Hennings
05.11.2018 - 19:21 Uhr

Okkulte Foltertode und mysteriöse Tatbestände. Bevor die erste Staffel von "True Detective" diese Begriffe im Zuge des Serienhypes erneut in groteskester Weise in die Köpfe der Zuschauer brannte, hatte sich vor Jahren auch das Kino daran versucht. Meisterlich gelang dies mit David Finchers "Sieben", aber auch "Die purpurnen Flüsse" mit Jean Reno konnte sich einen Namen machen. 18 Jahre ist die Premiere her, 14 Jahre die Veröffentlichung des mäßigen zweiten Teils. Heute feiert die von Jean-Christoph Grangé einst als Roman erdachte Geschichte dank einer deutsch-französischen Koproduktion eine erneute Adaption. Wieder werden bizarre Todesfälle entschlüsselt, wieder werden die gleichen Ideale verfolgt. Dabei werden aber auch die gleichen Fehler begangen.

Dass dies der Fall sein wird, war im Vorhinein unwahrscheinlicher, als es das Wort "Remake" vermuten lies. Denn obwohl Remakes bereits oft bewiesen haben, dass sie den Aufwand einer Neuverfilmung nicht wert sind, sah das Team hinter der Serie von "Die purpurnen Flüsse" vielversprechend aus. So stand hinter den Drehbüchern für die insgesamt vier Folgen niemand geringeres als Jean-Christoph Grangé selbst, der in der erfolgreichen ersten Verfilmung ebenfalls die Schreibfeder übernahm. Im - wie bereits erwähnten mäßigen - zweiten Teil, wurde er durch "Léon – Der Profi" Regisseur Luc Besson ersetzt. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte, erinnert sich heutzutage doch kaum noch jemand an "Die Engel der Apokalypse", die lediglich mit dem Filmtitel für Spannung sorgten.

Doch nicht nur Grangés Rückkehr war ein Grund zur Freude, auch der Ersatz für Jean Reno klang würdig. Die Rolle des Pierre Niémans wurde für die Miniserie mit dem Franzosen Olivier Marchal besetzt. Der Mann hat zwar bereits einige Schauspieljobs hinter sich, verdiente sein Geld einst jedoch selbst als Inspektor in der Versailler Kriminalpolizei. Mit dieser Symbiose an Erfahrung aus beiden Bereichen ist er wie prädestiniert für die Rolle des Kommissars Niémans, der mit seiner Kollegin Camille Delaunay (Erika Sainte) zunächst den nebulösen Tod eines Mönchs lösen soll.

Würden wir immer noch im Jahr 2000 leben, dann hätte auch diese Fassung von "Die purpurnen Flüsse" völlig ihre Daseinsberechtigung. Der Franchise-Start wühlte das Genre damals gehörig auf, traute sich mehr als andere. So wurde nicht nur gerätselt, wer der Mörder ist, sondern auch mit Schockelementen gespielt. Es war Krimi-Mystery, wie man es sich für die Zukunft wünschte. Aber schon damals gab es Schwächen: Dünne Charakterzeichnungen, die es dem Zuschauer schwer machten, mit einem Charakter mitzufiebern. Die frisch aufgebrühte Geschichte, die das ZDF gemeinsam mit Storia Television, dem deutschen Koproduzenten Maze Pictures und dem französischen Fernsehsender France 2 auftischt, ist leider ein Abbild von genau dem. 

"Die purpurnen Flüsse" wirkt, wenn man noch nie solch eine Serie gesehen hat, aufregend und stellenweise schauriger, als man es noch vom ZDF gewohnt ist. Es geht in finstere Wälder, die in jedes Horrorszenario passen würden, und um Sekten, die selbst Michelle Hunzikers Geständnisse in den Schatten stellen. Wer allerdings in den vergangenen 15 Jahren jedoch mal den Fernseher oder einen Streaminganbieter eingeschaltet hat und dem Genre nicht ganz abgeneigt ist, kann von all dem nicht wirklich überrascht werden.

Dafür bedient sich die Neuauflage zu vieler Klischees, die sich über die Jahre hinweg etabliert haben. Marchal, der die großen Fußstapfen des Jean Reno füllen musste, verliert sich in ihnen und flüchtet sich in die eingefahrene Rolle des alteingesessenen Polizisten, der gemütlich von Befragung zu Befragung stapft und mit jeder langatmigen Unterhaltung dafür sorgt, dass bloß kein Tempo aufkommt. Überraschend ist es dann doch, wenn Niémans scheinbar unendlich langer Geduldsfaden plötzlich reißt und er, wie sein Vorgänger, die Fäuste auspackt. Dies ist aber eher die Außnahme, steht doch eher die mit breiter Brust versprühte Ruhe im Vordergrund. Es gibt sicherlich genug Abnehmer für ruhige Krimis. Doch ein Remake eines bekannten Kinofilms, der unter anderem mit Tempo für sich warb, hätte es dann nicht sein müssen.

Doch auch wenn die ingesamt vier Ermittlungen mal mehr oder weniger vor sich hinschleichen, kann "Die purpurnen Flüsse" vor allem mit seinen Bildern überzeugen. Zwischen dem malerischen Elsass und rauen Klostern im Norden Frankreichs kann man schnell mal vergessen, dass sich bei den Protagonisten gerade kaum etwas tut. So ist es beispielsweise verblüffend, dass Niémans Partnerin Delaunay nach der ersten 90 minütigen Episode "Melodie des Todes" noch komplett blass bleibt. Es gibt keine einzige Möglichkeit, sich dem Charakter emotional zu nähern. Diese Schwächen werden durch hypnotisierende Kamerafahrten aber teilweise überdeckt - und zum Ende einer jeden Folge wird der Zuschauer dann doch noch für das geduldige Warten entlohnt. Dann wird in "The Walking Dead"-Manier dafür gesorgt, dass die Story sich um 180 Grad wendet. Außerordentliche Verschwörungstheorien inklusive.

"Die purpurnen Flüsse" - Die Serie ist ab heute wöchentlich um 22:15 Uhr im ZDF zu sehen.  Lediglich am 19. November findet eine einmalige Sendepause der vierteiligen Krimi-Reihe statt. 

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