Deutscher Fernsehpreis © DFP
Stifterkreis, Veranstaltungsform, Übertragung

Der Deutsche Fernsehpreis steht vor Veränderungen

 

Immer wieder haben sich die Stifter des Deutschen Fernsehpreises trotz Differenzen auf einen Konsens verständigt, so dass vergangene Woche die 20. Verleihung gefeiert wurde. Für die Zukunft braucht es jedoch mehr als den Minimalkonsens. Gedanken zum Fernsehpreis.

von Thomas Lückerath
08.02.2019 - 14:28 Uhr

Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2019 hätte vergangene Woche nicht absurder beginnen können. Aufgrund medienpolitischer Gespräche fehlten in den Düsseldorfer Rheinterrassen alle öffentlich-rechtlichen Intendanten, auch der diesjährige Gastgeber und WDR-Intendant Tom Buhrow. Via Videobotschaft grüßte er in den Saal und forderte - in eigener Abwesenheit - zum 20. Geburtstag der Preisverleihung von der Branche nun doch mal mehr Respekt und Anerkennung dieses Deutschen Fernsehpreises. Manchmal schlägt die Realität jede Satire. Die Verleihung hatte noch nicht einmal begonnen, da war der fatalste Dolchstoß des Abends schon ausgeführt.



Ob man als geladener Gast vor Ort mit netter Tischgemeinschaft nun einen unterhaltsamen Abend gehabt hat, spielt keine Rolle, weil nach wie vor gilt: Eine Preisverleihung wie der Deutsche Fernsehpreis muss in drei Dimensionen funktionieren. Als Veranstaltung für die geladenen Gäste, als Programm für die Zuschauer und als geschätzter Wert für die Branche. Immerhin kehrte der Deutsche Fernsehpreis in diesem Jahr auf Sparflamme wieder zu denen zurück, die ihn letztlich legitimieren: Den Zuschauerinnen und Zuschauern. Was sie vergangene Woche zu sehen bekamen, wurde - glücklicherweise, möchte man sagen - sehr effektiv als Livestream auf WDR.de und zeitversetzte Ausstrahlung auf One versteckt.

Unglückliche Verleihung mit wenig Wertschätzung der Produktionen

Die Verleihung war einmal mehr so wirr produziert, dass auch die Moderationen von Barbara Schöneberger und Steffen Hallaschka dies nicht ausgleichen konnten. Es war wie schon in den Vorjahren nicht ersichtlich nach welcher Logik manche Kategorien im Schnelldurchgang ohne eigenen Trailer, andere hingegen sogar mit Laudatio gewürdigt wurden. In der Theorie mag das abwechslungsreich gedacht sein, in der Praxis ist es seit Jahren ein Ärgernis für nominierte Fernsehmacher im Saal, die darauf hoffen müssen, ihre Kategorie nicht beim nächsten Blinzeln zu verpassen. Es entstehen Ungleichgewichte. Die Unterhaltung wurde einmal mehr im Schnelldurchgang abserviert.

Und bei der Fiktion schaffte man es gekonnt, jede Begeisterung für die nominierten Stoffe im Keim zu ersticken: Bevor zu guter Letzt der Ehrenpreis der Stifter nach einer wunderbaren Laudatio von Ina Müller an Jürgen von der Lippe ging, der mit seinem launigen Auftritt ein versöhnliches Ende des Abends bescherte, gipfelte die Verleihung der Jury-Preise in der Königskategorie der Besten Drama-Serie, die mit „4 Blocks“, „Bad Banks“ und „Das Boot“ womöglich so stark besetzt war wie noch nie und damit den Serien-Boom in Deutschland spiegelte. Doch die Lust aufs deutsche Fernsehen oder der Reiz, sich eine der nominierten Produktionen anzuschauen, konnte gar nicht aufkommen.

Ohne Trailer, nur kurz anmoderiert von Laudatorin Maria Furtwängler, ging die Königskategorie unwürdig flott über die Bühne. Man sah nichts von „Bad Banks“, man erfuhr - wie auch in allen anderen Kategorien - nichts über die Begründung der Jury. Der Jubel der „Bad Banks“-Crew war zwar mitreißend, aber es würde - ganz in Tom Buhrows Sinne einer besseren Wertschätzung des Preises - helfen, wenn man erahnen könnte, wie großartig das Werk ist. Mögen die ZDF-Serie „Bad Banks“ noch vergleichsweise viele gesehen haben, wäre es besonders in den Kategorien der Information sinnvoll, mehr als nur den Titel eines nominierten Programms zu kennen. Unsinnige Gesamttrailer für ein ganzes Segment, die eine halbe Stunde zuvor liefen, helfen wenig.

Wie geht es weiter mit dem Deutschen Fernsehpreis?

Diese Kritik ist nicht neu. Es ist immer wieder die gleiche. Jahr für Jahr. Sie wurde in den beiden Jahren, in denen ich selbst Mitglied der Jury war, sogar von eben dieser artikuliert, aber es ändert sich nichts. 2014 wurde seitens der Stifter mal ein Pitch veranstaltet, bei dem mehrere Produktionsfirmen ihre Vorstellung für eine Modernisierung der Preisverliehung vorgetragen haben. Das Ergebnis des ganzen Aufwands? „Wir machen das mit den Fähnchen“ Erneut erhielt Kimmig Entertainment den Zuschlag. Vier rätselhafte Preisverleihungen liegen hinter uns. Jeder der vier Stifter war einmal dran, der Turnus ist rum. Nun will die weitere Zukunft des Deutschen Fernsehpreises gestaltet werden.

Und alles ist wie immer: Kritik von außen trifft auf Unmut im Stifterkreis, wo oft die Privatsender angesichts der Preisflut im Fiktionalen für die Öffentlich-Rechtlichen nörgeln. Es scheint ein Teufelskreis zu sein, dabei ließe er sich leicht durchbrechen, wenn die Stifter das gemeinsame Projekt nicht als Last sondern Lust begreifen würden. Ein starker Deutscher Fernsehpreis ist bestes Gattungsmarketing fürs Medium Fernsehen, gerade in Zeiten, in denen das Medium dank des Booms der Serien kulturell so wertvoll wahrgenommen wird wie lange nicht. Und man lässt es an anderer Stelle ja gerne wieder krachen: Agenturen und Werbekunden bekommen jedes Jahr im Juni bei den Screenforce Days wieder ein Spektakel geboten. Das hätten die Besten der Besten dieser Branche auch verdient.

Um jeden Preis muss der Deutsche Fernsehpreis erhalten bleiben. Konstruktive Kritik darf nicht zur Resignation führen. Dass hier öffentlich-rechtliche und private Sender zusammenarbeiten, eine Jury gewissenhaft arbeitet und weder Kategorien und Preisträger nach Gelegenheit erfunden bzw. gefunden werden, hebt den Deutschen Fernsehpreis in seinen zwanzig Jahren wohltuend ab von der peinlichen Irrelevanz von Goldener Kamera oder Bambi, die sich in den letzten Jahren selbst vorgeführt haben oder vorgeführt wurden - etwa durch Gosling-Gate. In den zuvor angesprochenen drei Dimensionen einer Preisverleihung hält sich der Deutsche Fernsehpreis in einer Dimension - bei der Frage der Wertschätzung in der Branche - wacker.

Ja, auch da gab es mal laute Kritik, die aber adressiert wurde. Bleiben nun als Herausforderung zwei weitere Dimensionen: Die der Veranstaltung für die Gäste des Abends und die des Programms für die Zuschauer. „Ich möchte mich als Jury-Präsident dafür einsetzen, dass die Legitimation des Deutschen Fernsehpreises breiter gefasst wird“, erklärte Wolf Bauer vor der diesjähirgen Verleihung im Gespräch mit DWDL.de. Sein Wunsch: „Mehr Teilhaber, mehr Stifter - um das Wettbewerbsfeld der heutigen Zeit zu repräsentieren. Und ich denke schon, dass der Deutsche Fernsehpreis dann auch wieder zum großen öffentlichen Event werden sollte.“

Öffnung statt Ignoranz: Es braucht eine breitere Basis

Der Deutsche Fernsehpreis hat schon Programm im Netz ausgezeichnet, sowohl bei Funk wie auch die Rocket Beans. Doch eine Anerkennung der kreativen Leistung deutscher Fernsehmacherinnen und -macher für die internationalen Streamingdienste Amazon und Netflix fehlt noch. So wie sich bei der Geburt des Deutschen Fernsehpreises vor 20 Jahren die damals noch weitaus gegensätzlicheren Privatsender (denken Sie nur an das RTL der 90er) und Öffentlich-Rechtlichen auf einen Konsens und Qualitätsbegriff einigen konnten, wäre es jetzt an der Zeit, einen vergrößerten Wettbewerb abzubilden. Das stärkt den Kreativstandort Deutschland.

Wie stehen die Chancen auf einen Ausbau des Stifterkreises, um die fragmentierte Fernsehwelt des Jahres 2019 zu reflektieren, die von den vier originären Stiftern zu einem immer kleineren Teil repräsentiert werden? Nach dem öffentlich formulierten Wunsch des Jury-Vorsitzenden Wolf Bauer hat sich DWDL.de umgehört. „Unser Haus ist guten Ideen gegenüber immer aufgeschlossen“, erklärt Sky Deutschland. „Wir stehen Gesprächen grundsätzlich immer offen gegenüber“, bekundet Amazon Prime Video und auch bei Turner Deutschland zeigt man sich auf Anfrage offen für Gespräche. Jetzt müssen die bisherigen Stifter nur mehr Lust zeigen und auf das mit den Fähnchen verzichten.

Mit einer breiter gefassten Legitimation und mehr Schultern, die den Preis stemmen, kann man an den beiden kniffligen Dimensionen des Deutschen Fernsehpreises arbeiten: Dem Abend für die Branche und einem attraktiven Programm für die Zuschauer. Gemeinsam muss mehr möglich sein als das, was zuletzt realisiert wurde. Die großartigen Programme, die dieses Jahr auszeichnet wurden, zeigen wie viel in der Branche steckt. Davon darf auch etwas beim Deutschen Fernsehpreis aufblitzen.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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