Wer an diesem Sonntag auf Twitter unterwegs ist, stößt auf den Hashtag #Nackensteak und auf Debatten um das Coronavirus. Diskutiert wird aber auch über “Big Brother” und eine ohne Zweifel aufmerksamkeitsstarke Kampagne, die Sat.1 seit diesem Wochenende fährt. "Neu im Programm: Menschen bewerten", steht da auf einem Motiv geschrieben. Und auf einem anderen: "Entscheide Du, wer einen Stern verdient." Da stolpert man drüber, keine Frage. Auch weil der sogenannte “Signature-Sound” zur neuen Staffel ausgerechnet auf den Namen “Follow The Leader” hört, sollte es nicht lange dauern, bis dem Sender von einigen Twitter-Nutzern Geschichtsvergessenheit vorgeworfen wurde. 

 Menschen mit Sternen zu bewerten: Das sei eindeutig – erst recht jetzt kurz vor den bevorstehenden Feierlichkeiten zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung. Damit macht man keine Werbung, so das Urteil vieler Nutzer. Doch Sat.1 macht damit Werbung und es tatsächlich innerhalb weniger Stunden geschafft, die dringend benötigte Aufmerksamkeit auf seinen mit Abstand wichtigsten Programm-Neustart seit Langem zu lenken. Kritiker wittern hinter der gewagten Kampagne ein perfides Kalkül. Ganz auszuschließen ist das freilich nicht nicht, wenn man sich die jüngste Quotenentwicklung des Senders betrachtet.


Mit ziemlicher Sicherheit wird Sat.1 ein gewisses Maß an Aufregung erwartet haben, wie das beim “Negative Campaigning” eben für gewöhnlich der Fall ist. Fraglich ist nur: Hatte man beim Sender bei einem der Kampagnenmotive die Assoziation mit der Nazi-Zeit schlichtweg nicht auf dem Schirm oder ist all das - alle Reaktionen darauf - schlicht gewollt? Ein Indiz liefert der Trailer zur Kampagne, die im Netz bislang vorrangig an einem Motiv zur Sterne-Bewertung heiß diskutiert wird. Im Trailer wird die Analogie zu den im Alltag inzwischen allgegenwärtigen Sterne-Bewertungen bei Amazon oder Google hergestellt. Oft gesehen wurde der Trailer aber noch nicht. 

In seiner Pressemitteilung ließ Sat.1 einen Psychologen zu Wort kommen, um über die sozialen Netzwerke als "neuartiges Instrument des sozialen Austauschs" zu philosophieren. Social Media bestimme "unsere Wahrnehmung und Einschätzung und es bedarf eines stabilen inneren Wertesystems, um damit gut umzugehen", sagt der Mann. Mit Likes oder eben keinen Likes bei Instagram, beim Swipen auf Tinder und schon immer mit den Anrufen bei Reality-Shows wie "Big Brother" bewerten Menschen Menschen. Das ist mitunter schwierig, aber nicht neu. 


Daher bricht es sich runter auf die Symbolik, die bei einigen Twitter-Nutzern auf scharfe Kritik und Ungläubigkeit trifft. Dem Sender gleich Geschichtsvergessenheit oder gar Judenhass vorzuwerfen, schaukelt die Empörung Twitter-typisch nach oben. Viel wichtiger ist doch die Frage: Hat man das im Sender nun kommen sehen oder wurde man erschreckend naiv davon überrascht? Beim Sender weicht man auf Nachfrage von DWDL.de zu der Aufregung um die Kampagne aus.

"'Big Brother' war und ist schon immer ein Sozialexperiment. In der Jubiläumsstaffel 2020 haben die Zuschauer erstmals die Möglichkeit, nicht nur übers Telefon-Voting, sondern mit direkter Bewertung den Bewohnern Feedback zu geben - so wie es viele Menschen tagtäglich offline und online zum Beispiel auf Social Media-Kanälen tun", erklärt Sendersprecherin Diana Schardt. Kein Wort zur Kritik, zu der im Übrigen auch der Titelsong beiträgt, bei dessen Titel "Follow the Leader" man schnell zu dem Schluss kommen könnte, dass Sat.1 wohl vollkommen verrückt geworden ist. 

Tatsächlich aber machen die Musiker der Münchner Band Cosby darin deutlich, dass sie eben keine Marionetten der Gesellschaft sein wollen. "Nicht einfach gedankenverloren jedem Trend folgen. Keine willenlosen Puppen sein, die handeln ohne nachzudenken, einfach nur weil es ihnen so vorgelebt wird. Veganismus, Tierversuche, Fast Fashion, Umweltverschmutzung und Social Media sind nur einige der Themen, auf die sich die Band im dazugehörigen Musikvideo bezieht”, schrieb das Online-Magazin "Diffus" schon vor Monaten über den kritischen Song, dessen Titel sich Twitter-tauglich zur Empörung eignet.

Sicher, die gesamte Marketingskampagne von Sat.1 ist provokant – und passt zu der Ankündigung von Geschäftsführer Kaspar Pflüger, der Sender möge 2020 "deutlich lauter" werden. Gerade bei einem Format wie "Big Brother" wäre alles andere eine Überraschung. Trotzdem muss sich Sat.1 der veröffentlichten Kritik stellen, weil diese Kampagne möglicherweise nicht zu Ende gedacht wurde. Bleibt abzuwarten, ob die Sendung zur Aufregung schlüssiger sein wird als die Bewerbung. Am Ende werden die Zuschauer den Sender bewerten. Vielleicht mit fünf Sternen, vielleicht aber auch nur mit einem.

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