The Eddy © Netflix/Lou Faulon
DWDL.de-Serienkritik

"The Eddy": Der Jazz sagt mehr als tausend Worte

 

Sperrig, rastlos, roh: Mit ihrer Netflix-Serie "The Eddy" legen Komponist Glen Ballard, Autor Jack Thorne und die Regisseure um Damien Chazelle ein musikalisches Meisterwerk vor. Wer sich trotz hektischer Handkamera darauf einlässt, wird mit purer Emotionalität belohnt.

von Torsten Zarges
08.05.2020 - 16:41 Uhr

Auch wenn über diesem Text das Wort Serienkritik steht, muss die Frage erlaubt sein, ob es sich nicht doch um die Besprechung eines musikalischen Werks handelt. "The Eddy" lebt und atmet Musik – vor allem Jazz, von Top-Profis live eingespielt – in jeder Faser und wäre ohne sie nicht die Hälfte wert. Wer das außer Acht lässt und nur Bewertungsmaßstäbe für klassisches Storytelling anlegt, wird zu einem anderen – mutmaßlich schlechteren – Ergebnis gelangen.

Es ist sicher kein Zufall, dass die ursprüngliche Idee von einem Komponisten und Musikproduzenten stammt. Der sechsfache Grammy-Preisträger Glen Ballard schrieb "Man in the Mirror" für Michael Jackson, "Jagged Little Pill" für Alanis Morissette, entdeckte Katy Perry und produzierte Ringo Starrs Soloalben. Im Laufe der mehrjährigen Serienentwicklung fand er ohne Frage erstklassige Mitstreiter aus der TV- und Filmwelt. Doch die Songs, die Ballard – meist zusammen mit Randy Kerber, der "X-Men", "Ice Age" oder "The Dark Knight" orchestrierte – komponiert hat, bilden Seele und Korsett von "The Eddy".

Der Achtteiler erzählt von Elliot Udo (André Holland), einem einst gefeierten New Yorker Jazzpianisten, der mittlerweile in Paris lebt und dort mit seinem Freund Farid (Tahar Rahim) den Jazzclub "The Eddy" betreibt. Elliot ist für die künstlerische Leitung zuständig, sein Qualitätsanspruch enorm. Farid kümmert sich ums Geschäft und hält die finanziellen Schwierigkeiten so gut wie möglich von Elliot fern. Schon in der ersten Folge werfen brutale Geldeintreiber und Bandenkriminalität die kleine Welt des Clubs vollends aus der Bahn. Nicht gerade der beste Moment, in dem Elliots Teenager-Tochter Julie (Amandla Stenberg) aus New York anreist, weil sie lieber bei ihm als bei der Mutter leben will. Zumal sie noch für zusätzliche Aufregung sorgt, als sie sich mit Drogendealern einlässt.

Zu behaupten, auf die Feinheiten der Handlung komme es gar nicht an, wäre unzutreffend. Nur wird ein wesentlicher Teil eben über Musik und Stimmung transportiert statt über ziselierte Dramaturgie. Erst standen die Songs, dann kamen die Dialoge. Headautor Jack Thorne hat im DWDL.de-Interview erzählt, er habe sich vor dem Schreiben immer erst ein paar davon angehört: "Ich hörte sie und hatte ihren Geist dann sozusagen in meinen Fingern." Man merkt es dem Resultat an. Sowohl die emotionale Entwicklung der Hauptfiguren als auch ihre Beziehungen untereinander manifestieren sich im Musikalischen.

Zum Beispiel zwischen Julie und Elliot. Das verletzte Mädchen und der vor familiärer Verantwortung geflohene Vater haben viel mehr zwischen sich stehen als nur die Unbill der Pubertät. Mit Bezug auf den frühen Tod ihres Bruders wirft Julie Elliot vor, er habe eines seiner Kinder verloren und danach verlernt, mit dem lebenden umzugehen. Doch im Moment größter Sorge und Verlustangst greift sie zur Klarinette, von der sie vorher nichts wissen wollte, und ihre zögerlichen Töne drücken mehr Wehmut und Liebe aus, als es gesprochene Worte je könnten.

Oder zwischen Elliot und seiner On-Off-Freundin Maja (Joanna Kulig), die zugleich die Leadsängerin der "Eddy"-Band ist. Sie verstehen es, sich gegenseitig zu demütigen, auch und gerade in Anwesenheit von Dritten. Doch finden sie stets eine harmonische Linie beim gemeinsamen Jammen und Improvisieren. Dabei entsteht in der ersten Folge der zentrale Song "The Eddy", den Maja sogar noch in den Armen eines anderes Mannes summt. Wie Ballard dieses Stück Sehnsuchts-Swing mit Zeilen wie "We've all learned to hide / what's burning inside" über die 70-minütige Auftaktepisode hinweg von ein paar Klaviertakten zum großen, Trost spendenen Bühnenfinale entwickelt, ist meisterhaft poetisch.

Überhaupt finden fast alle Figuren der Serie Trost oder zumindest temporäre Hoffnung in der Musik. Das ist gut so, denn ihre Lebensumstände und Nöte sind ansonsten in unbeschönigenden Grautönen geschildert. Jazz und Swing werden hier wörtlich genommen als Kunst, vom Schweren zu erzählen und es dennoch leicht klingen zu lassen. Auch auf der visuellen Ebene setzt "The Eddy" dem die volle Wucht entgegen. Dafür zeichnen insgesamt vier Regisseure verantwortlich, die jeweils zwei Folgen inszeniert haben: Damien Chazelle ("La La Land"), Alan Poul ("The Newsroom"), Houda Benyamina ("Divines") und Laïla Marrakchi ("Büro der Legenden") im Zusammenspiel mit der Kamera von Julien Poupard ("Les Misérables") und Eric Gautier ("Into the Wild").

Der großflächige Einsatz von suchender, hektischer Handkamera mag zwar mitunter schwindlig machen, unterstützt jedoch die rohe Emotionalität der Erzählung. Sie schreckt vor Reißschwenks nicht zurück und saugt sich förmlich an wechselnden Gesichtern fest. Zu bewundern gleich in der durchkomponierten Auftaktszene, in der sie scheinbar erratisch durch den Club rast und nahezu jeden Musiker, Gast und Mitarbeiter kurz in den Vordergrund zerrt.

The Eddy© Netflix/Lou Faulon
Weil die ambitionierte Gesamtkomposition im Zusammenwirken aller Disziplinen funktioniert, ist es unfair, "The Eddy" allein auf Oscar-Preisträger Chazelle zu reduzieren. Fans von "La La Land" sollten zudem vorgewarnt sein, dass die Serie weitaus weniger gefällig daherkommt. Das gilt für Musik und Dramaturgie ebenso wie für das authentische französisch-englische Sprachdurcheinander. Einer vertrauten Hollywood-Logik folgt am ehesten noch die Besetzung der beiden Hauptrollen: André Holland ("Moonlight") und Amandla Stenberg ("The Hate U Give") gelingt es mit natürlicher Präsenz, durchlässige Charaktere zu zeichnen, an denen man als Zuschauer trotz ihrer Rastlosigkeit und Widersprüche nur zu gern andockt.

"The Eddy", ab sofort bei Netflix


Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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