Free ESC © ProSieben/Willi Weber
DWDL.de-TV-Kritik zur ProSieben-Show

"Free ESC" bei ProSieben: Vertretung ja, ESC-Ersatz nein

 

Mit dem "Free ESC" wollte ProSieben einen würdigen Musikabend liefern. Das hat in weiten Teilen gut funktioniert, vor allem dank Stefan Raab und den verschiedenen Künstlern. Komplett ersetzen konnte die ProSieben-Show den Eurovision Song Contest aber nicht.

von Timo Niemeier
17.05.2020 - 01:22 Uhr

Neben Fußball-EM, Olympia und zahlreichen anderen Events ist in diesem Jahr auch der Eurovision Song Contest (ESC) dem Coronavirus zum Opfer gefallen. Der europäische Musikwettbewerb ist aufgrund des Pandemie komplett gestrichen worden und findet erst 2021 wieder statt. Da ist es schon etwas kurios, dass am Samstagabend sowohl im Ersten als auch bei ProSieben ESC-Shows liefen. Für mehr Schlagzeilen sorgte dabei ProSieben, das mit dem "Free European Song Contest" ("Free ESC") eine Art Ersatz-ESC auf die Beine stellen wollte - erfunden und produziert von Stefan Raab.

Für den "Free ESC" hat ProSieben 16 Künstler nach Köln gehört, die auch alle tatsächlich live auf der Bühne performten. Jeder Musiker trat dabei für ein Land an. Der "Free ESC" war also so etwas wie der "Bundesvision Song Contest" - nur in etwas größer. Es war auch die Show, die dem klassischen ESC am nächsten kam. Und tatsächlich versprühte der "Free ESC" hier und da tatsächlich ESC-Feeling, konnte den Eurovision Song Contest aber nicht vollständig ersetzen. 

Dass es dennoch eine unterhaltsame und oft auch lustige Musikshow geworden ist, lag neben den verschiedenen Künstlern vor allem an Stefan Raab. ProSieben hatte bei der Bewerbung der Show quasi nie unerwähnt gelassen, dass Raab die Show erfunden hatte und auch produziert. Und eigentlich saß auch der NDR bei der Idee zur Show mit im Boot. Zusammen konnte man die EBU aber nicht überzeugen, dort entschied man sich für eine eigene Ersatzshow - und aus Solidarität zog die ARD hier mit und übertrug "Europe Shine a Light" ab 22 Uhr nach dem Finale des "deutschen ESC". 

Raab als Nicole, Helge Schneider für Deutschland

Ähnlich wie bei "The Masked Singer" kokettierte ProSieben auch beim "Free ESC" zuletzt sehr offensiv mit einer möglichen Teilnahme von Stefan Raab. Der trat dann letztlich zwar nicht für Deutschland an, hatte aber zu Beginn einen kurzen Gastauftritt in Form eines alten "TV Total"-Einspielers - er sang "Ein bisschen Frieden" von Nicole. Für Deutschland stellte sich letztlich Helge Schneider auf die Bühne des "Free ESC".

Der Spirit von Raab wehte die ganze Zeit durch die Sendung, seine Handschrift war deutlich erkennbar. Das lag auch an den Heavytones, die die Künstler auf der Bühne begleiteten und zu Beginn der Show die Eurovisions-Hymne spielten. Außerdem kommentierte die aus "TV Total" bekannte Stimme in den Einspielern die Künstler an und die Beiträge selbst waren, anders als beim klassischen ESC, auf witzig getrimmt. Wer "TV Total" noch gesehen hat, wird zahlreiche Internet-Clips auch in den Einspielern wiedergefunden haben. ProSieben und Raab versuchten hier einen Spagat: Während man sich in den Einspielern nicht ganz so ernst nahm, waren die Moderationen von Conchita Wurst und Steven Gätjen oftmals betont staatstragend, was sich aber schnell als keine gute Idee herausstellte. Zu gekünstelt kamen die beiden im Zusammenspiel rüber, zu oft musste gerade Conchita von ihren Kärtchen ablesen. 

"The winner takes it all, der Raab is standing small, wir sind das Original."
Barbara Schöneberger beim "deutschen Finale" im Ersten

Ein ganz anderes Bild zeigte sich dagegen im Ersten beim "deutschen ESC-Finale", moderiert von Barbara Schöneberger. Während die Einspieler zu den verschiedenen Künstlern dort recht traditionell daherkamen, war es vor Schöneberger, die der Show in der leeren Elbphilharmonie den nötigen Witz verlieh. So setzte sie gleich zu Beginn der Show zu einem kleinen Medley an und sang einige umkomponierte (ESC-)Lieder, dabei ließ sie auch die Konkurrenz nicht unerwähnt: "The winner takes it all, der Raab is standing small, wir sind das Original." Man mag sich gar nicht vorstellen, was für eine gute Show es geworden wäre, hätte man die Stärken des "Free ESC" (verschiedene Künstler, Raab-Witz, Voting) und des "deutschen ESC" (Barbara Schöneberger) zusammengeführt. 

Während im Ersten neben Barbara Schöneberger vor allem das Lichterspiel in der Elbphilharmonie überzeugte, war beim "Free ESC" insgesamt mehr Pfiff drin. Live-Gesang von echten Künstlern auf der Bühne ist eben doch etwas unterhaltsamer als Auftritte vom Band. ProSieben bemühte sich auch merklich, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Nach einer Stunde waren bereits die Hälfte der 16 Acts durchs Programm gepeitscht, eine weitere Stunde später hatte man alle Auftritte gesehen. Das anschließende Voting und die ewigen Schnelldurchläufe zogen sich dann etwas hin. 

ESC-Feeling bei der Punktevergabe, aber...

Die Verkündung der Ergebnisse ließ dann durchaus ESC-Feeling aufkommen. So schaltete man zunächst durch 13 verschiedene Länder und ließ dort die jeweiligen Punkte von Promis bzw. Verwandten der Künstler vorlesen. Kleiner Haken: Hier entschieden nur die einzelnen Personen. Hätte man in jedem Land eine kleine Gruppe von ESC-Fans gesucht und die Show schauen lassen, wäre das Ergebnis womöglich etwas repräsentativer gewesen. So hatten es überwiegend Verwandte der Künstler, Melanie C, Lukas Podolski und Michael Bully Herbig als Mr. Spuck (er verkündete die Punkte für den Mond) in der Hand. Sie alle vergaben ein bis zwölf Punkte - ebenso wie Deutschland, Österreich und die Schweiz, von wo aus die Zuschauer anrufen konnten. 

Free ESC"Mr. Spuck" verkündete die Punkte des Monds.

Dass es letztlich nur ein alter "TV Total"-Einspieler mit Raab wurde - geschenkt. Darüber kann man sich kaum ärgern, war der Rest der Show dafür doch zu gut. Und es schwang auch viel zu viel Raab-Feeling mit, um ihn wirklich zu vermissen. Eigentlich war Raab die ganze Zeit anwesend, ohne sichtbar zu sein. Bei ProSieben sollte man sich nun aber ganz genau überlegen, wie oft man noch mit den Erwartungen der Zuschauer auf ein mögliches Raab-Comeback, das sich nicht auf wenige Sekunden beschränkt, spielen sollte. Das war bei "Masked Singer" noch ganz witzig, wirkte aber schon in den letzten Tagen vor allem wie billiges Kalkül. 

Insgesamt war der "Free ESC" eine durchaus würdige Vertretung des Eurovision Song Contest, ein vollständiger Ersatz war die Show aber nicht (Das gilt übrigens auch für den Ersatz-ESC der ARD). Es ist aber auch schwer, an das bunte und vielfältige Original heranzukommen. Insofern kann man den Verantwortlichen nur raten, den "Free ESC" im kommenden Jahr nicht in direkter Konkurrenz zum ESC auf Sendung zu schicken. Hier wird das Original immer die Nase vorn haben. Mit ein bisschen Abstand zum ESC hat aber auch der "Free ESC" Platz im deutschen Fernsehen. Gewonnen hat die erste Ausgabe des neuen Musikwettstreits am Ende übrigens Nico Santos - er trat für Spanien an. 

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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