Im seit einiger Zeit in Kraft stehenden Reformstaatsvertrag ist auch die besondere Bedeutung von Vielfalt und Ausgewogenheit für das Programm der Öffentlich-Rechtlichen festgehalten. Das war wohl eine Reaktion auf die immer wieder aufkommende Kritik, ARD und ZDF seien eben nicht vielfältig und schon gar nicht ausgewogen - besonders letzteres wird in schöner Regelmäßigkeit von rechts behauptet. Der Verwaltungsgerichtshof (VGH) Baden-Württemberg hatte zuletzt bereits Klagen von Personen zurückgewiesen, die den Rundfunkbeitrag nicht mehr zahlen wollten, weil sie die angeblich nicht ausgewogene Berichterstattung der Sender kritisierten (DWDL.de berichtete). 

Nur: Was heißt eigentlich genau Vielfalt und Ausgewogenheit im redaktionellen Alltag? Der Interpretationsspielraum ist schließlich riesig. Und wie kann man beides sicherstellen und im besten Fall auch noch messbar machen? Mit dieser Fragestellung haben sich nun Forschende der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der LMU München im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) beschäftigt und ein entsprechendes Gutachten erstellt. 

Das Gutachten liefert erstmals eine wissenschaftliche Grundlagen dafür, wie Vielfalt und Ausgewogenheit in journalistischen Informationsangeboten definiert und für das redaktionelle Qualitätsmanagement systematisch beobachtet und praktisch gesichert werden können. Das vielleicht wichtigste vorab: Auch aus dem Gutachten geht nicht hervor, dass die Öffentlich-Rechtlichen systematische Probleme bei Vielfalt und Ausgewogenheit hätten. Die Forschenden stellen aber auch fest, dass das Forschungsfeld zu den Themen bislang ziemlich dünn ist und einheitliche Standards zur Messung von Vielfalt und Ausgewogenheit fehlen. ARD und ZDF würden zudem unterschiedliche Richtlinien bei den Themen haben. 

Genaue Definition der Begriffe

Gleichzeitig schafft das Gutachten einen Rahmen für die erwähnten Begriffe: Vielfalt beschreibt demnach die Breite von Themen, Akteuren und Meinungen in der Berichterstattung. Ausgewogenheit meint deren angemessene beziehungsweise realitätsgerechte Verteilung. "Damit liefert das Gutachten eine zentrale Grundlage für die praktische Umsetzung der neuen Anforderungen des Reformstaatsvertrags wie auch für die gezielte Fortentwicklung des redaktionellen Qualitätsmanagements", heißt es vom BR. 

Neben der wissenschaftlichen Einordnung enthält die Studie Handlungsempfehlungen für den journalistischen Alltag. Empfohlen wird unter anderem ein kontinuierliches Monitoring von Themen-, Akteurs- und Meinungsvielfalt. Darüber hinaus schlagen die Wissenschaftler konkrete Instrumente für den Redaktionsalltag vor: Vielfalts-Checks in Konferenzen, Aus- und Fortbildungsangebote, interne Vergleichssysteme sowie andere Werkzeuge, die Redaktionen bei einer vielfaltssensiblen Berichterstattung unterstützen. Damit soll die Vielfaltssicherung von einer abstrakten Ebene konkret umsetzbar gemacht werden. 

Das Gutachten wird bis zum Herbst auch als Publikation erscheinen. Zudem plant der BR bzw. die ARD gemeinsam mit den Universitäten Mainz und München ein wissenschaftliches Symposium und eine Diskussion rund um die Medientage München im Oktober 2026. Der BR wird die Ableitungen des Gutachtens darüber hinaus für die Weiterentwicklung der in den eigenen Unternehmenszielen festgeschriebenen Vielfaltssicherung seiner journalistischen Angebote nutzen, das hat das Unternehmen bereits angekündigt. 

Das sagen Wildermuth, Hager und die Wissenschaftler

BR-Intendantin Katja Wildermuth sagt: "Sachliche Analysen statt subjektiver Behauptungen – gerade in Zeiten, in denen jeder auf seine eigenen Wahrheiten pocht, brauchen wir differenzierte und unvoreingenommene Diskussionsgrundlagen. Das Gutachten bietet dafür das Handwerkszeug, transparent und nachvollziehbar, zur Überprüfung öffentlicher Debatten ebenso wie im redaktionellen Alltag."

Und Florian Hager, ARD-Vorsitzender, ergänzt: "Das Gutachten der Unis Mainz und München im Auftrag des BR legt die wissenschaftliche Grundlage für eine sachliche und fundierte Diskussion über Vielfalt und Ausgewogenheit. Die ARD liefert damit proaktiv einen Beitrag, um die Anforderungen aus dem neuen Medienstaatsvertrag zeitnah umzusetzen. Wir freuen uns, dass führende kommunikationswissenschaftliche Fachexperten diese Grundlagenarbeit geleistet haben."

Und das Forscherteam der Universitäten Mainz und München lässt sich in einer Pressemitteilung so zitieren: "Die Debatte über Vielfalt und Ausgewogenheit wird oft pauschal und interessengeleitet geführt. Mit unserem Gutachten geben wir einen konstruktiven Impuls aus der Wissenschaft für die Medienpraxis: Denn darin zeigen wir auf, wie sich die Anforderungen an die Medien wissenschaftlich fundiert beschreiben, überprüfen und praktisch umsetzen lassen – ohne journalistische Realität und unterschiedliche Formate aus dem Blick zu verlieren."

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