Wir sind eins © ARD
Posse um einen Posten

Plus oder minus: Öffentlich-rechtliche Mathematik

 

4 - 3 = 7. So rechnet man in der ARD - zumindest wenn es um die Besetzung der Moderatoren von "Plusminus" geht. Selbst ein nicht ganz preiswertes Moderatoren-Casting konnte das Problem nicht lösen, weil sich vor allem zwei Anstalten querstellten.

von Alexander Krei
17.01.2014 - 12:01 Uhr

"Wir sind eins." Es ist ohne Zweifel ein griffiger Slogan, den sich die ARD zugelegt hat, doch nicht immer gibt sich der Senderverbund als Einheit. Das Wirtschaftsmagazin "Plusminus" ist ein Beispiel für die Kleinstaaterei, von der die ARD mitunter heimgesucht wird. Erst in der vergangenen Woche berichteten wir an dieser Stelle über die Sendung, die seit Beginn des neuen Jahres von gleich sieben Moderatoren präsentiert wird, obwohl ursprünglich Ende 2011 lautstark verkündet wurde, in Zukunft nur noch auf ein Gesicht setzen zu wollen. "Damit die Wiedererkennbarkeit beim Publikum garantiert ist", gab die ARD damals zu Protokoll gab.

Es lohnt, sich dieser Geschichte noch einmal intensiver zu widmen.

Als die Intendanten ihren Plan vor über zwei Jahren verkündeten, lag es an den einzelnen Anstalten, eine Lösung zu finden. Dass die Sendung zum damaligen Zeitpunkt bereits von vier Moderatoren präsentiert wurde, ist darauf zurückzuführen, dass in jeder Woche eine andere ARD-Anstalt für das Magazin verantwortlich zeichnet. Während BR, SWR und SR schon damals auf eigene Gesichter setzten, ging Jörg Boecker zu diesem Zeitpunkt für MDR, NDR, WDR und hr auf Sendung. Doch ausgerechnet der NDR, für den Boecker auch als Moderator einer regionalen Nachrichtensendung arbeitet, hatte mit Pinar Atalay ein neue Moderatorin für das Magazin im Ersten ins Auge gefasst. Doch eine Einigung zwischen den ARD-Anstalten, wer denn künftig das Gesicht von "Plusminus" sein soll, schien schwierig.

Die Lösung sollte ein Casting bringen, das vor nunmehr knapp zwei Jahren in Köln veranstaltet wurde - und vermutlich nicht ganz preiswert gewesen sein dürfte. Das Ziel des Castings war klar definiert: Der oder die Beste sollte "Plusminus" moderieren. So weit die Theorie. Mit der Umsetzung in der Praxis haperte es dann aber doch gehörig, wie sich später noch zeigen sollte. Dem besagten Casting stellte sich übrigens auch Jörg Boecker, der die Sendung bereits seit 2003 präsentiert und von den Zuschauern stets gute Noten erhielt, wie auch aus den Fluren des NDR zu hören ist. Dass er im Casting dennoch seine Qualitäten als Moderator unter Beweis stellen musste, ist vermutlich dem ganz eigenen Humor geschuldet, den man in der ARD pflegt. Boecker belegte schließlich den zweiten Platz im Casting.

Als Siegerin ging nach DWDL.de-Informationen Pinar Atalay hervor, die in der Vergangenheit vor allem als Moderatorin der "Phoenix-Runde" eine gute Figur machte und nun auf den "Plusminus"-Job hoffen konnte. Doch dazu kam es nicht - auch, weil der Saarländische Rundfunk plötzlich gar kein Interesse mehr daran hatte, seine eigene Moderatorin vom Schirm zu nehmen. "'Plusminus' hat für den SR eine große Bedeutung", erklärte ein SR-Sprecher gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de, "und wir sind froh, dass in Karin Lambert-Butenschön ein bundesweit bekanntes Gesicht des Saarländischen Rundfunks weiter die Sendung mit präsentieren kann." Dass sich der SR nicht der Entscheidung anschloss, lag nach DWDL.de-Informationen auch daran, dass das Mini-Dritte zu diesem Zeitpunkt gerade erst den "Ratgeber: Reise" verlor und in Folge dessen fürchtete, mit "Plusminus" die letzte bundesweite Plattform für ein Gesicht aus dem Saarland einbüßen zu müssen.

Doch auch der Bayerische Rundfunk zeigte sich wenig erfreut von dem Ergebnis des Castings, aus dessen Siegerin die junge Frau mit türkischen Wurzeln hervorging. Zwar heißt es von Seiten des Senders, ein Casting liefere "immer wertvolle Hinweise auf die Publikumswirkung von Moderatoren". Das "Plusminus"-Casting im Speziellen habe gezeigt, "dass die ARD auf einen Pool sehr guter und jüngerer Moderatoren zurückgreifen kann". Und genau das tut sie nun auch nach Kräften. Auf den eigenen Mann - Marcus Bornheim - wollte der BR jedenfalls nicht verzichten. Auf DWDL.de-Nachfrage, warum man sich nicht auf die Casting-Gewinnerin Atalay einigen konnte, verwies der BR auf Bornheims Wirtschaftskompetenz, die er in die Sendung einbringe. Aus diesem Grund habe man vorgeschlagen, er solle dauerhaft zu einer verkleinerten Moderatoren-Riege gehören.

Wie genau Bornheim rund alle zwei Monate bei einer Moderations-Zeit von etwa zweieinhalb Minuten pro Sendung seine Wirtschaftskompetenz unter Beweis stellen soll, ließ der Sender aber offen. Ohnehin ist das mit der verkleinerten Moderatoren-Riege so eine Sache. Waren Ende 2011, also nach Bekanntwerden der Intendanten-Pläne, noch vier Moderatoren für das wöchentliche Wirtschaftsmagazin im Einsatz, so wurden es seither sukzessive mehr. Bereits seit dem vergangenen Jahr schickte der Hessische Rundfunk als Konsequenz aus dem Streit seinen eigenen Mann bei "Plusminus" auf Sendung - anstelle von Jörg Boecker. Und weil zwischen WDR und NDR ebenfalls eine Einigung ausblieb, gehen auch die beiden ARD-Schwergewichte inzwischen eigene Wege mit eigenen Moderatoren.

Der WDR versucht es inzwischen mit Ellen Ehni, die im WDR schon für Höheres gehandelt wird, und der NDR hat Pinar Atalay am Ende dann doch noch untergebracht. Nur eben längst nicht so häufig wie man sich das ursprünglich mal wünschte. Immerhin: Als Ausgleich wird Atalay künftig als Vertreterin bei den "Tagesthemen" im Einsatz sein. Sie wird das Posten-Geschacher hinter den Kulissen von "Plusminus" also am ehesten verschmerzen können. Weitere Gewinner gibt es in dieser peinlichen Posten-Posse nicht. Öffentlich-rechtliche Mathematik folgt manchmal eben ihren ganz eigenen Gesetzen.

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