Alexander Wrabetz © imago images / SKATA / ORF
Privatsender reagieren mit Unverständnis

Der ORF schickt Teile seiner Belegschaft in Kurzarbeit

 

In Österreich kommt es wegen der Corona-Krise zu einer bemerkenswerten Situation: Der zu großen Teilen gebührenfinanzierte ORF kündigt für Teile seiner Belegschaft Kurzarbeit an. Der Verband der Privatsender kritisiert das scharf. Aber auch ProSiebenSat.1Puls4 ergreift Maßnahmen.

von Timo Niemeier , Wien
02.04.2020 - 15:25 Uhr

Die Corona-Krise schlägt sich bereits voll auf dem österreichischen Arbeitsmarkt nieder: Im März stieg die Zahl der arbeitslos gemeldeten Menschen um mehr als 50 Prozent auf mehr als 500.000. Mehr Menschen waren seit dem Zweiten Weltkrieg nicht arbeitslos. Das alles passiert trotz der Möglichkeit für Unternehmen, Kurzarbeit für die Beschäftigten zu beantragen. Etliche Unternehmen haben auch bereits angekündigt, ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken zu wollen - auch der ORF will von dieser Möglichkeit nun Gebrauch machen. 

Rückwirkend zum 1. April werde Kurzarbeit auf Basis des von den Sozialpartnern verhandelten Modells eingeführt, bestätigte der ORF gegenüber dem "Standard". In welchen Bereichen die Kurzarbeit eingeführt wird, ist derzeit aber noch nicht klar und werde derzeit erarbeitet, so ein Unternehmenssprecher gegenüber DWDL.de. Nicht betroffen sein soll laut diversen Medienberichten aber die Information, die derzeit besonders viel zu tun hat. Der ORF hat vergangene Woche mehr als 200 Mitarbeiter in Isolation geschickt, um den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Diese Personen übernachten seither auch im Sender (DWDL.de berichtete). Für die Kurzarbeit infrage kommen wohl eher Bereiche, in denen derzeit nichts oder nur sehr wenig zu tun ist, etwa wegen ausgefallener Sport- und Kulturevents. Geplant sind nach aktuellen Planungen zwei Stufen, so geht es einmal um eine Reduktion der Arbeitszeit auf 50 Prozent und einmal auf 10 Prozent der Normalarbeitszeit.

Die Tageszeitung "Standard" berichtet unter anderem aus einer Mail von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz an die Belegschaft. Darin heißt es, die Werbeeinnahmen würden seit Mitte März weit unter Plan liegen. Das werde sich wohl auch fortsetzen und auf Jahressicht für ein dickes Minus sorgen. Der ORF-Chef erwartet offenbar auch sinkende Gebühren-Einnahmen. Arbeitslose können sich in Österreich von den Gebühren befreien lassen, anders als in Deutschland gibt es keine Haushaltsabgabe, sondern eine geräteabhängige Gebühr. 

"Wir hoffen sehr, dass der [...] ORF sein Budget nicht etwa durch die Kurzarbeitsregelung auf Kosten der Steuerzahler sanieren will."
VÖP-Präsident Ernst Swoboda

Wrabetz erwartet daher einen Einnahmenrückgang von mindestens 50 Millionen Euro. Der ORF kommt normalerweise auf einen Umsatz in Höhe von rund einer Milliarde Euro pro Jahr, mehr als 600 Millionen davon entfallen auf Gebühreneinnahmen. Und genau das stößt nun der privaten Konkurrenz sauer auf. Der Privatsenderverband VÖP hat eine Stellungnahme veröffentlicht und mit Unverständnis auf die Ankündigung des ORF reagiert, auf Kurzarbeit zu setzen. "Der ORF, der 65 Prozent seines Budgets aus Pflichtgebühren finanziert, scheint aufgrund eines erwarteten Gesamtumsatzverlusts von lediglich 5 Prozent nun das Corona-Kurzarbeitsmodell einführen und sich so noch weitere Mittel vom Staat holen zu wollen. Das ist wohl kaum im Sinne der Allgemeinheit", sagt VÖP-Präsident Ernst Swoboda. Dass der ORF als zu großen Teilen gebührenfinanziertes Unternehmen aber überhaupt das Kurzarbeits-Modell nutzen darf, bestreiten auch die Privatsender nicht. 

Der VÖP verweist auf die Absage der Fußball-EM und der Olympischen Spiele, dadurch seien sogar Kostenersparnisse zu erwarten. "Wir hoffen sehr, dass der ohnehin überwiegend öffentlich finanzierte ORF sein Budget nicht etwa durch die Kurzarbeitsregelung auf Kosten der Steuerzahler sanieren will", so Swoboda. "Die Privatsender in Österreich sind aktuell mit Umsatzrückgängen von bis zu 80 Prozent konfrontiert und haben anders als der ORF so gut wie keine staatliche Unterstützung. So wie fast alle Klein- und Mittelbetriebe kämpfen sie derzeit um ihre wirtschaftliche Existenz. Genau für solche Unternehmen in Not sind diese Fördertöpfe bestimmt, nicht für Unternehmen, die nur marginale Einbrüche verzeichnen. Sollte der ORF versuchen, sich gleich zweifach auf Kosten der Steuerzahler und sogar auf Kosten seiner eigenen Mitarbeiter – die ja für einen Teil der Personalkosteneinsparungen aufgrund von Kurzarbeit aufkommen müssen – zu sanieren, wäre dies zutiefst unsolidarisch."

Auch ProSiebenSat.1 reagiert

Der ORF ist aber nicht das einzige Medienunternehmen in Österreich, das in der Krise nun reagiert. Wie eine Unternehmenssprecherin gegenüber DWDL.de bestätigt hat, wird es auch bei ProSiebenSat.1Puls4 für Teile der Belegschaft Kurzarbeit geben. Darauf habe man sich mit dem Betriebsrat verständigt. "Aufgrund der Coronavirus-Pandemie herrscht eine schwierige wirtschaftliche Lage vor", so die Sprecherin. Die journalistischen Bereiche seien von der Regelung "weitgehend ausgenommen". Man zähle zur "kritischen Infrastruktur des Landes" und werde "unserer Informationsplicht weiterhin bestmöglich nachkommen". ServusTV bestätigt auf Anfrage, dass es beim Sender keine Kurzarbeit gebe. Ebenfalls auf Kurzarbeit setzen in Österreich unter anderem die Mediengruppe Österreich (oe24) und der "Standard". 

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