Diese Telegeschichte beginnt am 08. April 1990 zur besten Sendezeit auf dem US-amerikanischen Network ABC. An diesem Sonntagabend entführt der Pilotfilm zur Serie „Twin Peaks“ die Zuschauenden erstmals in die mysteriöse Welt des fiktiven Städtchens nahe der kanadischen Grenze. Seit Tagen überschlagen sich die Kritiker:innen mit Lobeshymnen für die ungewöhnliche Produktion, die sich kaum um die bisherigen Konventionen des Fernsehens kümmert. Die Journalist:innen bejubeln ihre doppelbödige und verästelte Handlung, ihre komplexen und bizarren Figuren mit all ihren menschlichen Abgründen sowie ihre verstörend schönen Bilder zu hypnotisierender Musik. Für sie ist es der langersehnte Einzug des Autorenkinos ins flache TV-Einerlei.

Hinter dem Projekt steckt der unkonventionelle, aber renommierte Regisseur David Lynch, der nach seinen viel beachteten Kinofilmen "Eraserhead", „Der Elefantenmensch“, "Dune - Der Wüstenplanet", „Blue Velvet“ und „Wild At Heart“ erstmals eine seiner albtraumhaften Visionen für den kleinen Fernsehschirm verwirklicht. Gemeinsam mit dem Autor Mark Frost entwickelt er eine groteske Mischung aus Krimi und Soap-Opera.

Vordergründig geht es darin um die beliebte Schülerin Laura Palmer, die in der Kleinstadt Twin Peaks ermordet aufgefunden wird. Special Agent Dale B. Cooper kommt daraufhin in das Städtchen, um den Fall aufzuklären und entdeckt im Zuge seiner Ermittlungen viele weitere Geheimnisse der Einwohner:innen. Hierbei stellt die Mordermittlung nur die Folie dar, auf der Frost und Lynch ihr Publikum mit surrealen Traumszenen, mysteriösen Visionen, bildgewaltigen Exzessen und grauenerregendem menschlichen Verderben herausfordern. Von Anfang an geht die Welt von „Twin Peaks“ weit über das simple Geheimnis hinaus, wer Laura Palmer getötet hat. Trotzdem ist dies die zentrale Frage in dieser Telegeschichte.

Angesichts der wohlwollenden Vorberichterstattung ist das Interesse an dem TV-Event riesig. Durchschnittlich 34,6 Millionen Menschen verfolgen den zweistündigen Pilotfilm und machen ihn zum erfolgreichsten TV-Movie der Season. Unmittelbar nach dem Start entstehen überall Fanclubs, die sich zu Fernsehpartys treffen, um die neuesten Enthüllungen gemeinsam zu erleben. Weil Agent Cooper bei seiner Ankunft in Twin Peaks einen „damn good cherry pie“ serviert bekommt, steigt der Absatz von Kirschkuchen in den USA rasant an. Neben Kochbüchern, in denen natürlich das Kirschkuchenrezept enthalten ist, überfluten unzählige weitere Merchandise-Artikel das Land. Die bekanntesten sollen T-Shirts mit der Aufschrift „I killed Laura Palmer“ werden. Aber auch das Abschlussball-Porträt der Schülerin sowie das Foto ihrer Wasserleiche werden zu ikonischen Bildern, die die kommende Dekade begleiten. Allein „Das geheime Tagebuch der Laura Palmer“, das die Serie ergänzt und dort endet, wo die Serie anfängt, wird 600.000 Mal verkauft.

Das außergewöhnliche Werk erhält drei Golden Globes sowie 14-Emmy-Nominierungen und macht ABC zum erfolgreichsten Network der Saison. Verständlich, dass dieses angesichts des immensen Zuspruchs auf eine schnelle Fortsetzung der lediglich acht Episoden umfassenden ersten Staffel drängt.

Twin Peaks © IMAGO / United Archives In 55 Länder verkauft: Die US-Serie "Twin Peaks".

Lynch und Frost liefern daraufhin eine zweite Season ab, die aus 22 Ausgaben besteht und noch mehr Verwicklungen, noch mehr Geheimnisse und noch mehr Übernatürliches enthält. Bei ihrer Ausstrahlung ab dem 30. September 1990 kann sie den einstigen Hype nicht mehr aufrechterhalten. Die Neugier beginnt bereits im Verlauf der ersten Staffel zu schwinden, sodass sich die anfängliche Rekordsehbeteiligung bald halbiert. Zu verstört lässt das zunehmend absurde Treiben einen Großteil der Zusehenden zurück.

Erschwerend wird die Fortsetzung nur noch auf dem zuschauerarmen Samstagabend versteckt. Dort erreichen die Werte mit unter acht Millionen Menschen den Tiefpunkt und sorgen für eine baldige Einstellung der Produktion. Einige Monate später wird das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Fortgang der Reihe mit folgenden Worten zusammenfassen und darin zugleich eine Erklärung für den schwindenden Zuspruch anbieten: „Erzählt wurde die Geschichte in nahezu peinigender Langsamkeit, in irritierenden Detailaufnahmen, zu einer seltsamen Musik […] und jede Folge war komplizierter als die vorherige und einer Lösung der Frage, wer Laura Palmer tötete, immer ferner […].“

Trotz dieses negativen Trends ist die Nachfrage nach der Serie international enorm, sodass sie in 55 Länder verkauft wird. Bald wird auch Deutschland dazugehören.

„Twin Peaks“ kommt nach Deutschland

Die Rechte für die deutsche Ausstrahlung von „Twin Peaks“ erwarb überraschend RTLplus. Damit gelang dem kleinen Privatsender eine wahre Sensation, denn er hatte sich im Bieterwettstreit gegen die übermächtige ARD durchgesetzt. Gewarnt durch den Verlauf der Quoten in den USA hatten sich die Verantwortlichen von vornherein bloß die ersten 20 Episoden und somit nur die Geschichten bis zur Hälfte der zweiten Staffel gesichert. Sie hielten diesen Umfang für ausreichend, weil der Mörder von Laura Palmer ohnehin in der 17. Folge entlarvt wird und sich die verwirrende Handlung zum Ende der zweiten Staffel hin gänzlich zu einem „unentwirrbaren Knäuel verfilzt“ (Zitat aus der „taz“). Gleichwohl machte man sich große Hoffnung, einen vergleichbaren Hype wie in den USA auslösen zu können. Da man die bereits vorliegende zweite Staffel direkt im Anschluss an die erste zeigen und dadurch einen Bruch durch eine längere Pause vermeiden konnte, standen die Vorzeichen tatsächlich günstiger.

Unter dem deutschen Titel „Das Geheimnis von Twin Peaks“ lief der 90-minütige Pilotfilm am Dienstag, den 10. September 1991 um 20.15 Uhr. Die einstündigen Episoden waren in den darauffolgenden Wochen jeweils freitags um 21.15 Uhr zu sehen. Die deutsche Presse bejubelte das ungewöhnliche Format ebenfalls. Etwa schrieb Harald Keller, dass „Twin Peaks“ wegen „seiner zwischen Skurrilität und Abnormität angesiedelten Charaktere, bizarren Humors und des außerordentlichen Geschicks der Autoren, Mord, Totschlag und sexuelle Exzesse beinahe jugendfrei auf den Bildschirm zu bringen“, fasziniert.

Auch hierzulande war die Neugier groß. Durchschnittlich 3,98 Millionen Menschen verfolgten den Pilotfilm und erreichten einen Marktanteil von rund elf Prozent. Das war ein guter Wert, insbesondere vor dem Hintergrund, dass RTLplus noch nicht flächendeckend zu empfangen war. Schon während der Laufzeit des Pilotfilms, gingen über die eigens dafür eingerichtete Telefon-Hotline über 700 Anrufe bei RTL ein, weitere Tausende folgten in den Tagen danach. Sie wollten vor allem einen Flyer bestellen, der eine Übersicht der wichtigsten Figuren enthielt. Ähnlich wie in den USA fragte sich jetzt Deutschland, wer Laura Palmer ermordet hat. Und RTLplus stand bereit, dieses Geheimnis Woche für Woche zu lüften. Hier hatten sie die Rechnung jedoch ohne ihren Erzrivalen Sat.1 gemacht.

Spielverderber

Nach Ausstrahlung der zweiten regulären Folge passierte aus Sicht von RTLplus die Katastrophe. In seinem Videotext verriet Konkurrent Sat.1 den Mörder geradeheraus. Und zwar mit voller Absicht.

Achtung, es folgt der Originaltext. Wer sich das Geheimnis bewahren möchte, überspringt diesen Absatz und betritt anschließend wieder sicheres Terrain. Versprochen! Auf der Videotext-Tafel 179 war folgende Botschaft zu lesen: „Liebes RTLplus, sei nicht traurig. Sat.1 hilft allen Deinen Zuschauern beim Gewinnspiel zu Twin Peaks, auf die Gewinnerstraße zu kommen. Laura Palmer wurde von ihrem Vater Leland Palmer umgebracht. Der Vater war sauer über seine kokainsüchtige Tochter, die der Wanderpreis (jeder hatte sie mal) der Gemeinde war. Außerdem wollte sie verraten, dass er vom bösen Geist besessen ist. So war's in den USA - aber vielleicht synchronisiert RTL ja einen anderen Mörder rein...?“

Mit diesen Zeilen war nicht nur das Geheimnis um den Mörder von Laura Palmer offenbart, es wurden darüber hinaus das Motiv und wesentliche Teile der Handlung verraten. Wie oft die Enthüllung im Videotext tatsächlich gelesen wurde, lässt sich natürlich nicht feststellen. Wahrscheinlich war es gar nicht häufig. Als fatal erwies sich vielmehr, dass zahlreiche große Zeitungen über den Vorfall berichteten und darin zum Teil die Auflösung wiederholten. Es war daher schwer, sich dieser Information zu entziehen. Zumal man damals im Umgang mit Spoilern nicht geübt war.

Berichten zufolge soll der temperamentvolle Senderchef von RTLplus, Helmut Thoma, wegen des Angriffs auf sein Prestige-Projekt vor Wut geschäumt haben. Er polterte laut zurück und wertete diesen Schritt öffentlich als „Verzweiflung beim Kampf um Einschaltquoten“ vor der wichtigen „Buchungsphase im Herbst“. Zudem warf er Sat.1 den Bruch eines vermeintlich brancheninternen Ehrenkodex vor: „Selbst in Ländern wie Frankreich und Italien, in denen starke TV-Konkurrenz herrscht, hat das Fair-Play geklappt. Wenn wir sehen, dass jetzt aus der Serie die Luft raus ist, müssen wir sie auf einen anderen Sendeplatz legen und werden uns entsprechende Maßnahmen gegen Sat.1 überlegen.“

Helmut Thoma © Imago / Teutopress Schäumte damals: RTL-Chef Helmut Thoma fand den "Twin Peaks"-Spoiler im Sat.1-Videotext alles andere als witzig.

Von derlei Vorwürfen zeigte sich Sat.1 unbeeindruckt und antwortete über den Sprecher Stefan Rabe trocken: „Man sollte das Ganze nicht so hoch hängen. Wir sehen es als humorige Einlage, die auch RTL nur nützen kann. Um Quoten brauchen wir uns nicht zu schlagen, denn die ‚Mike Krüger Show‘ am Donnerstag mit 3,7 Millionen Zuschauern hat bewiesen, dass wir gut im Rennen liegen.“ Im Übrigen könnten all diejenigen, die einen Onkel in den USA haben, dieselben Informationen von ihm erhalten.

Einspruch!

Klar, dass RTLplus diesen Affront nicht auf sich beruhen lassen konnte und Vergeltungsmaßnahmen ankündigte: „Wir werden uns etwas einfallen lassen, aber auf jeden Fall Stil bewahren“, drohte die Presseabteilung, ließ jedoch offen, welche Schritte man konkret im Auge hatte. Die erste Antwort lieferte RTL-Moderator Björn-Hergen Schimpf am 29. September 1991, der den Fall in seinem Reisequiz zum Anlass nahm, mehrfach gegen Sat.1 zu schießen. Das hatte wenig Stil und war sicher zu verschmerzen.

Ernstzunehmend war hingegen der Antrag auf einstweilige Verfügung, den RTLplus gegen seinen Widersacher stellte und Mitte Oktober per Gericht durchsetzte. Mit diesem wurde Sat.1 jede weitere Veröffentlichung von relevanten Handlungsteilen aus „Twin Peaks“ untersagt. Zusätzlich hatte sich RTLplus wegen „unfairer Marktbehinderung“ Schadenersatzansprüche vorbehalten.

Gegen diese Entscheidung legte Sat.1 Widerspruch ein und verteidigte das eigene Vorgehen damit, dass die Fernsehbeilage „rtv“ und die Zeitschrift „Bunte“ den Mörder lange vorher verraten haben. Deren Redaktionen wären demnach für eine Abmahnung „die richtige Adresse gewesen“. Hierbei ließ man es sich nicht nehmen, genüsslich darauf hinzuweisen, dass beide Presseerzeugnisse von Verlagen herausgegeben wurden, die ebenso Anteile an RTLplus besaßen. Im Übrigen, so Sat.1 weiter, wäre die entsprechende Passage schon vor Tagen aus dem Videotext entfernt worden.

In einer nachfolgenden mündlichen Verhandlung bestätigte das Hamburger Landgericht die einstweilige Verfügung gegen Sat.1 und erkannte an, dass der entsprechende Videotext-Beitrag für den Mitbewerber RTLplus wirklich schädlich gewesen ist. Zusätzlich stufte sie das Vorgehen von Sat.1 als „verunglimpfende Herabsetzung von RTLplus im Wettbewerb und daher als sittenwidriges Verhalten“ ein.

Die Entscheidung bedeutete für RTLplus zwar einen moralischen Sieg, sie brachte aber kaum Vorteile. Die Information war ja nun in der Welt. Doch interessanterweise führte der Spoiler nicht dazu, dass das wöchentliche Interesse spürbar sank. Eher im Gegenteil, denn anders als in den USA pendelten sich die Reichweiten stabil um 2,5 Millionen Zuschauende ein, sie stiegen zum Finale der ersten Staffel sogar leicht an. Folglich hatte RTLplus keinen begründeten Anlass mehr, um die angedrohten Schadensersatzansprüche geltend zu machen. Die große Ironie des Rechtsstreits lag letztlich darin, dass die juristische Klärung erst eine Woche vor der Ausstrahlung derjenigen Episode getroffen wurde, die den Mörder dann offiziell preisgab.

Die nicht mehr allzu spannende Auflösung, wer Laura Palmer ermordet hatte, passierte schließlich im Rahmen der neunten Episode der zweiten Staffel, die RTLplus am 20. Dezember 1991 zeigte. Sie war zugleich die letzte Folge, die der Kanal noch in der Primetime platzierte. In der Überzeugung, dass nach der Enthüllung die Neugier deutlich abnehmen würde, versendete der Kanal seine vier ausstehenden Ausgaben am Vorabend der Weihnachtsfeiertage sowie zwischen den Jahren. Dabei fiel die Sendezeit um 17.55 Uhr jeweils in die Slots der Regionalfenster, wodurch sie in vielen Orten gar nicht zu empfangen waren. So war in Franken stattdessen eine Aufführung des Fürther Laientheaters zu bewundern. Vielleicht eine surreale Grenzerfahrung auf ihre eigene Art.

Parallel zu all den Turbulenzen um das sittenwidrige Ausplaudern des Mörders hatte sich der kleine Privatsender Tele 5 die Rechte an den neun Folgen von „Twin Peaks“ gesichert, die RTLplus seinem Publikum nicht zumuten wollte. Diese liefen dann dort ab 18. Januar 1992 und schlossen damit fast nahtlos an die RTL-Termine an. So richtig interessierte das aber niemanden mehr.

Der absurde Streit um „Twin Peaks“ war lediglich ein Kapitel in einer langen Rivalität zwischen RTLplus und Sat.1. Der bitterliche (und zuweilen amüsante) Konkurrenzkampf führte zu einer Reihe weiterer Vorfälle und zu gleich mehreren Wettläufen darum, wer eine neue Idee als erster auf den Bildschirm bringen konnte. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte… die in der kommenden Woche erzählt wird.