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Meine Woche in Serie

Sieben Gründe, warum ich "The Good Wife" vermisse

 

Die Anwaltsserie "The Good Wife" ist vor ein paar Tagen in den USA zu Ende gegangen. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode findet das sehr schade, weil ihr die Serie um Alicia Florrick sehr gut gefallen hat. Ein bisschen erleichtert ist sie allerdings auch.

von Ulrike Klode
14.05.2016 - 12:45 Uhr

Als "The Good Wife" 2010 zum ersten Mal im deutschen Fernsehen zu sehen war, habe ich diese Anwaltsserie komplett unterschätzt und nach ein paar Folgen aufgehört, sie zu gucken. Erst Ende 2014, Anfang 2015 bin ich wieder darauf aufmerksam geworden, habe noch einmal angefangen - und war nach fünf Folgen gefangen von der Geschichte dieser besonderen Frau. Ich habe schnell aufgeholt und Staffel sieben quasi zeitgleich mit der Ausstrahlung in den USA gesehen, wo vor ein paar Tagen das Serienfinale lief. Es war also eine kurze Sache zwischen Alicia und mir - dafür eine sehr intensive. Ich werde die Figur und die Serie nicht so schnell vergessen. Und zwar aus folgenden Gründen.

Spoilerwarnung - im folgenden Absatz geht es um ein wichtiges Ereignis in "The Good Wife", Staffel 5.

Das alleinige Zentrum: Alicia.
(Fast) Alle wichtigen Figuren stehen und fallen in ihren Beziehungen zur Hauptfigur. Eine sehr interessante, aber auch schwierige Konstellation. Sie kann nur funktionieren, wenn die Hauptfigur so stark ist, dass sie die Serie tragen kann. Im Laufe der Zeit hat sich gezeigt: Der Charakter Alicia Florrick war komplex genug. Sie spielte mehrere Rollen, hatte innere Konflikte, verzweifelte an Erwartungen (eigenen und fremden), machte nachvollziehbare Entwicklungen durch, verschob ihren Moral-Gradmesser, passte ihr Gerechtigkeitsempfinden an. Nur eine Rolle, die der Kandidatin für ein politisches Amt in Staffel 6, passte nicht zur Figur. Folgt man ihren Entwicklungen in Staffel 7, könnte allerdings sogar diese Rolle nun funktionieren.
Warum diese besondere Figurenkonstellation schwierig sein kann, wurde sehr deutlich, als die zweitwichtigste Figur, Will Gardner, getötet wurde. Das hatte zwar einerseits eine wirklich großartige Episode zur Folge, in der die unterschiedlichen Charakteren versuchen, mit Wills Tod umzugehen (Staffel 5, Episode 16). Andererseits wirkten danach alle Anwalts-Handlungsstränge seltsam farblos. Und auch die Figur Diane Lockhart, die eine sehr enge Bindung zu Will hatte, wurde dadurch blasser. Erst in Staffel 7 fand sie wieder zu alter Form. 

Folgender "Vox.com"-Text hat sich ausführlicher mit der Bedeutung von Wills Tod und mit den Beziehungen der Figuren untereinander auseinandergesetzt: "'The Good Wife's biggest twist was also the moment of it's biggest downfall"

Spannende Frauenfiguren.
Alicia, Diane, Kalinda, Lucca - das sind nur vier der vielen spannenden Frauencharaktere, die in der Serie zu sehen waren. Egal ob Hauptrolle, kleine oder große Nebenrolle, überall waren weibliche Figuren zu finden, die mich angesprochen, mich interessiert und sich entwickelt haben. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich von Diane Lockhart gerne noch mehr sehen. In der Figur stecken viele Facetten und sie hat in den letzten Folgen ganz neue Seiten gezeigt. Wie wäre es vielleicht mit einem kleinen Spin-Öffchen, in dem es nur um Diane geht? Und wie es der Zufall will: Am Donnerstag, einen Tag nach dem Schreiben dieses Textes, meldet "Variety", dass es tatsächlich Verhandlungen über ein Spin-Off mit Diane Lockhart geben soll. 

Maddie Palmer hat sich für den "Guardian" die unterschiedlichen Frauenrollen genauer angeschaut: "'The Good Wife': A feminist successor to 'Sex and the City" 

Die technischen Herausforderungen unserer Zeit. 
Die großen Themen unserer digitalen Zeit wurden hier verhandelt: Wie weit darf der Staat bei Abhöraktionen gehen? Müssen wir uns vor Drohnen schützen und wenn ja, wie? Welche Verantwortung haben Programmierer? Es gab Fälle, in denen es um Online-Stalking, die Digitalwährung Bitcoins, die Gefahr von selbstfahrenden Autos, den Umgang mit Whistle-Blowern oder geistiges Eigentum im Programmcode geht. Der Clou: Weil dem Richter oder den Geschworenen im Gerichtssaal der Sachverhalt leicht verständlich erklärt werden muss, kann auch ich, die unwissende Zuschauerin, das Problem verstehen. Doch die Tech-Themen werden nicht nur im Gerichtssaal verhandelt, sondern auch in Alicias Privatleben - wenn es um die digitalen Wahlkampfstrategien ihres Mannes, virale Videos oder umfassende Abhöraktionen der NSA geht. Und der Grundsatz der Serie, dass es kein Gut oder Böse, kein Schwarz oder Weiß und keine einfachen Lösungen gibt, zieht sich auch hier durch: Die Themen werden in ihren unterschiedlichen Facetten erörtert, Gefahrenabschätzung und Nutzen aufgezeigt. 
Mir fällt keine andere Serie ein, die das derzeit so gut macht. Und was mich immer wieder überrascht hat: Hier wurden komplexe Geschichten über mehrere Folgen hinweg erzählt, hohe Ansprüche an das CBS-Publikum gestellt, wie es sonst nur bei Pay-TV- oder Streaming-Serien der Fall ist. 

Emily Nussbaum hat sich in "The New Yorker" dem Tech-Aspekt in "The Good Wife" schon 2012 gewidmet: "Net Gain" 

Was für ein Cast! 
Julianna Margulies wird für mich von jetzt an immer Alicia Florrick bleiben, fürchte ich. Sie hat die Rolle großartig verkörpert. Es wird also schwierig werden für sie, mich in einer anderen Serie zu überzeugen. Ähnlich begeistert bin ich von Christine Baranski, die Diane Lockhart spielte - ihre wunderbare Performance ist für mich ein wichtiger Grund, warum ich mir ein Spin-Off gut vorstellen kann. Da ich sie aber schon von anderen überzeugenden Auftritten kannte, freue ich mich einfach auf die nächste Rolle, die sie annehmen wird. Herausheben will ich noch Archie Panjabi (Kalinda Sharma), über die ich ja hier in der Kolumne bereits geschrieben habe. Und: Alan Cumming (Eli Gold, unten mehr zu der Figur). Aber eigentlich wird das dem nicht gerecht, was in allen sieben Staffeln zu sehen war: Die für das Casting Verantwortlichen hatten einfach insgesamt ein sehr gutes Händchen. Tolle Gaststars wie Michael J. Fox oder Carrie Preston und bis in die kleinsten Nebenrollen waren gute Schauspieler zu sehen, die Figuren verkörperten, die zu ihnen passten.

Job, Job, Job .... und abends sind da auch noch pubertierende Kinder.
Es gibt Kritiker, die der Meinung sind, "The Good Wife" war immer dann schwach, wenn Alicia in ihrer Mutterrolle gezeigt wurde. Finde ich überhaupt nicht. Ja, Alicia und ihre Kinder, das wirkte manchmal irgendwie seltsam. Aber: In meinen Augen passt das zur Figur. Während sie im Job fast immer wusste, wo es lang geht oder was sie wollte und sich stark engagierte, war sie bei ihren Teenager-Kindern nun eben manchmal unsicher oder gar uninteressiert. Sie war viele, viele Jahre nur Mutter, während ihr Mann Karriere machte. Und jetzt wirkte es eben so, als wäre sie viel lieber nur Anwältin. Ein Umgang mit der Mutterrolle, wie man ihn im Fernsehen so gut wie nie zu sehen bekommt.

Spoilerwarnung - im folgenden Absatz geht es um je ein wichtiges Ereignis in "The Good Wife", Staffel 2 und in Staffel 6.

Eli Gold.
Eli Gold ist ein Strippenzieher, wie er selten zu finden ist. Selbst die Underwoods könnten von ihm noch etwas lernen. Wir sollten uns also nicht wundern, wenn Alan Cumming in der nächsten Staffel "House of Cards" auftaucht, vielleicht legt er sich einen anderen Namen zu - aber wir "The Good Wife"-Fans, wir wissen, dass er tief im Innern Eli Gold ist.
In den ersten beiden Staffeln mochte ich Eli nicht. Er war kalt, berechnend und irgendwie langweilig, eigentlich nur eine Einflüsterstimme für Peter. Irgendwann habe ich mich über ihn amüsiert und dann sogar anfangen, Gefühle für ihn zu entwickeln, ungefähr zur selben Zeit, als Alicia anfing, eine Beziehung zu ihm aufzubauen (clever gemacht, ihr Drehbuchschreiber!). Natürlich war ich sehr empört, als er DIE Anrufbeantworter-Nachricht von Will an Alicia gelöscht hat. Umso mehr habe ich mit ihm gelitten, als er Alicia Jahre später alles gestanden hat (und wieder: clever!).

Mehr über diese faszinierende Figur gibt's hier von der "Guardian"-Kolumnistin Bim Adewunmi: "Why I love ... 'The Good Wife's Eli Gold"  

Weil sie rechtzeitig zu Ende war.
Richtig gelesen. Nur weil die Macher Michelle und Robert King entschieden haben, jetzt aufzuhören, werde ich die Serie vermissen. Sie haben gemerkt, dass sie an einem Punkt angekommen sind, an dem sie der Geschichte nichts mehr hinzuzufügen haben - und ihren Abschied verkündet. Glücklicherweise wurden sie nicht ersetzt, sondern kurz darauf wurde das Ende der Serie bekannt gegeben. Natürlich hätte man die Geschichte um Alicia noch weitererzählen können - hier eine Wirrung, da eine Irrung dran dichten. Weitere Fälle, weitere Verlockungen, weitere moralische Stolperfallen einbauen können. Aber das hätte sich bald abgenutzt. Und ich würde in einem Jahr vielleicht an einem Text sitzen, in dem ich wie ein Rohrspatz darüber schimpfe, welch dumme Entscheidung es war, diese Serie zu verlängern, anstatt zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören.
Dank den Kings hatten wir nun das Vergnügen, sechs sehr gute (1 bis 5, 7) und eine ganz gute Staffel (6) zu sehen. Wir sind in Alicias Leben eingestiegen, als es sich radikal verändert hat. Und wir haben sie auf einem Weg durch moralischen Morast begleitet, haben mit ihr gelitten, haben uns mit ihr gefreut und wir haben uns manchmal gewundert, was aus ihr geworden ist. Der Weg ist jetzt vorbei. Genau zur richtigen Zeit. Denn Alicia ist jetzt eine andere als die, die vor sieben Jahren die Hand ihres untreuen Ehemanns gehalten hat, als der vor Journalisten zu seinem Fehlverhalten Stellung genommen hat. Sie ist gereift, hat andere Moral-Maßstäbe entwickelt, und sie geht ihren Weg weiter, ohne uns. Aber wir müssen uns auf keinen Fall Sorgen um sie machen.

Die Bewertung des Finales von Willa Paskin für "Slate" trifft den Nagel auf den Kopf, finde ich: "'The Good Wife's powerful finale was exactly the ending this great series needed"


(via Giphy)

Ob es an "The Good Wife" denn überhaupt irgendetwas auszusetzen gab, fragen Sie jetzt? Klar, einiges. Aber das werde ich ja nicht vermissen. ;-)

Und noch drei Gucktipps zum Schluss:

Mafiasumpf in Italien: Die zweite Staffel der sehenswerten italienischen Serie "Gomorrha" ist am 10.Mai auf Sky Atlantic HD gestartet. Bei ZDFneo läuft außerdem mittwochs die erste Staffel, die ist auch bei den Streaminganbietern Amazon Video, Maxdome und Sky Go/Sky Online verfügbar. 

Nordic Noir trifft Mystery: Die schwedische Serie "Jordskott" ist eine besondere Mischung. Seit 12. Mai läuft die zehnteilige Serie immer donnerstags um 20.15 Uhr auf Arte. Die ersten drei Folgen wurden zwar bereits gesendet, werden aber wiederholt beziehungsweise sind in der Mediathek zu finden. Wer eine ausführliche Kritik lesen will: Mein DWDL.de-Kollege Torsten Zarges hat im vergangenen Jahr eine Kritik über die Serie geschrieben. 

Und noch etwas Düsteres: "Mord auf Shetland". Faszinierende Landschaft, blutige Kriminalfälle, ein mürrischer Ermittler. Das Erste zeigt die ersten vier Folgen der zweiten Staffel der BBC-Serie am 15. Mai und am 16. Mai (jeweils eine Doppelfolge). Für Folgen 5 und 6 ist noch kein Sendetermin bekannt.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"The Good Wife": Auf Sixx hat die sechste Staffel vor kurzem anfangen, ganze Folgen gibt auch auf der Sixx-Website zu sehen. Bei folgenden Streaminganbietern sind die ersten fünf Staffeln komplett verfügbar und die bereits auf Sixx gezeigten Folgen der Staffel 6: Amazon Video, iTunes, Maxdome. Die siebte Staffel gibt's zum Beispiel bei iTunes US.

"House of Cards": Die vierte Staffel ist aus Rechtegründen in Deutschland noch nicht bei Netflix zu finden. Ab 4. Juni wird sie auf dem Pay-Sender Sky Atlantic HD wiederholt. Die vierte Staffel gibt's zum Beispiel bei Amazon Video, iTunes, Maxdome, Sky Go/Sky Online. Alle anderen Staffeln finden sich bei Amazon Video, iTunes, Maxdome, Netflix, Sky Go/Sky Online, Sony, Videoload, Wuaki, Xbox Video.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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