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Meine Woche in Serie

"Twin Peaks" oder: die nach oben offene Erwartungs-Skala

 

Es gibt Serien, bei denen will man genau das geboten bekommen, was man erwartet. Und dann gibt es die Fortsetzung von "Twin Peaks". Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat an sich selbst beobachtet, wie gelernte Muster das Serien-Vergnügen beeinflussen können.

von Ulrike Klode
03.06.2017 - 10:15 Uhr

Ich habe keine Ahnung, ob all das, was ich in den ersten vier Folgen der "Twin Peaks"-Fortsetzung gesehen habe, Sinn ergibt oder am Ende der Staffel Sinn ergeben wird. Und ob es überhaupt Sinn ergeben soll. Es ist mir auch völlig egal, denn diese surrealen, absurden Szenen, Dialoge und Settings sind verstörend und faszinierend gleichzeitig. Und selbst bei realistisch erscheinenden Szenen ist nicht völlig ausgeschlossen, dass sie ebenfalls keinen Sinn ergeben könnten. Ich finde es nicht nur spannend, die wirre Welt zu beobachten, die sich vor meinen Augen entfaltet, sondern auch gleichzeitig mich und meine Erwartungshaltung zu beobachten. Denn - und das habe ich bei den ersten zwei Staffeln von "Twin Peaks" gelernt - nichts ist, wie es scheint. (Was ja sogar auf Eulen zutrifft.) Und ich erwarte, dass das umso mehr für die Fortsetzung 26 Jahre nach dem Start der allerersten Folgen gilt. 

Wenn also eine aus weiblichen und männlichen Körperteilen zusammengesetzte Leiche gefunden wird und jemand verhaftet wird, würde ich in jeder anderen Serie erwarten, dass in der nun folgenden Geschichte die Suche nach dem Mörder eine wichtige Rolle spielt. Nicht so beim Gucken von „Twin Peaks“: Ich gehe genauso wenig davon aus, dass der Mord und der Mörder weiterhin eine Rolle spielen, wie ich davon ausgehe, dass der Mord und der Mörder keine Rolle spielen. Mit anderen Worten: Ich erwarte nichts, sondern bin völlig offen. Und zwar weil ich davon ausgehe, dass Erfinder, Autor und Regisseur David Lynch ohnehin etwas ganz anderes im Sinn hatte, als ich erwarte. Okay, also erwarte ich streng genommen doch etwas. :-)

Das ist etwas Besonderes. In allen anderen Fällen spielen meine Erwartungen eine wichtige Rolle und beeinflussen mein Urteil. Selbst unterbewusst. Und damit meine ich jetzt nicht unbedingt den Fall, dass ich hin und wieder übersteigerte Erwartungen an die Qualität einer Serie als solche habe (darüber hatte ich in dieser Kolumne zur dritten Staffel von "Fargo" geschrieben). Sondern die Erwartungen, die unterbewusst entstehen, während ich eine Serie gucke. Im Grunde sind es Muster, die sich gebildet haben durch meine Guck-Erfahrung und die vermutlich bei jeder Zuschauerin und bei jedem Zuschauer eine Rolle spielen. Natürlich lasse ich mich gerne überraschen, aber auch nicht immer - und nicht zu stark. Also wenn die erwartete Entwicklung und die tatsächliche Entwicklung zu sehr voneinander abweichen, der Grad der Überraschung zu groß ist, finde ich das nicht gut. Wenn allerdings der Überraschungsgrad nicht zu groß ist, finde ich das gut. Meistens sogar besser, als wenn genau das eintrifft, was ich erwarte - denn das buche ich dann unter "Ach, wie doof, das ist ja vorhersehbar!" ab. 

Und es hängt sogar von der Art der Serie ab, wie groß der Überraschungsgrad sein darf. Bei Standard-Serien, die ich schon lange kenne, wie "Grey’s Anatomy", "The Big Bang Theory" oder auch "Gilmore Girls", will ich, dass meine Erwartungen erfüllt werden. Nämlich, dass ich das bekomme, auf das ich mich einlasse, also das, was ich kenne. Bei anderen Serien, vor allem neuen Produktionen von Pay-Sendern oder Streamingdiensten, dagegen bin ich viel offener, da möchte ich sogar überrascht werden. Da möchte ich, dass mit meinen Erwartungen gespielt wird. "Jessica Jones" zum Beispiel habe ich genau deswegen geliebt, weil der Hauptcharakter eben keine Superheldenfigur wie viele andere ist. Und von "Legion" war ich deswegen so fasziniert, weil nicht nur die Figur, sondern auch das Erzählen, die Bildsprache, die Entwicklung komplett von dem abwichen, was ich erwartete. 

Oder, um mal das Genre zu wechseln: "Master of None". Die erste Staffel der Comedyserie war so anders als Comedyserien, die ich bis dahin gesehen hatte - und genau das hat mir so großen Spaß gemacht. Die zweite Staffel von "Master of None", über die ich in dieser Kolumne sicher auch noch schreiben werde, hat es übrigens faszinierenderweise geschafft, Teile der Erwartungen, die ich nach dem Gucken der ersten Staffel hatte, über den Haufen zu werfen und etwas Neues, Wunderbares zu erschaffen. Hut ab, Aziz Ansari und Alan Yang. 

Aber wieder zurück zu "Twin Peaks", irgendwie. Bis Mitte Mai dachte ich, dass "Legion" das obere Ende meiner Erwartungs-Überraschungs-Skala darstellt, also die Serie, in der das Tatsächliche am weitesten vom Erwarteten abweichen darf, ohne dass ich enttäuscht bin. Doch dann kam die Fortsetzung von "Twin Peaks". Und ich merke, dass auf meiner Skala noch viel Spiel ist. Herrlich. 

Interessanterweise bin ich bei "Twin Peaks" sogar enttäuscht, wenn ich ein Muster erkenne und die Entwicklung tatsächlich dem Muster entspricht. Besonders bitter: Die Frauenmorde in den ersten vier Folgen habe ich in der Sekunde vorausgesehen, in der die Frauenfigur die Szene betreten hat. Ich hoffe sehr, dass das nur Zufall war und mit dem Muster in den kommenden 14 Episoden gebrochen wird.

Korrektur: In einer früheren Version hatte ich "in den kommenden 16 Episoden" geschrieben. Das war falsch, es sind ja insgesamt 18 Episoden. Danke an den aufmerksamen Leser für den Hinweis!  

Und zum Schluss ein paar Gucktipps: 

Phoebe Waller-Bridge beim Schauspielern zuzuschauen, ist einfach ein großes Vergnügen. Netflix hat nach der großartigen Serie "Fleabag" nun eine zweite Comedy mit der britischen Komikerin und Drehbuchautorin im Angebot: In "Crashing" geht es um vier Menschen Mitte Zwanzig, die in einem alten Krankenhaus-Gebäude wohnen, auf das sie aufpassen sollen. Die Serie lief im Januar 2016 im britischen Sender Channel 4 und ist seit 2. Juni auf Netflix verfügbar.

Mit "Blaumacher" startet am 7. Juni die zweite eigene Drama-Serie von ZDFneo. Im Mittelpunkt steht Frank Sporbert, der gerade in einer Mid-Life-Crisis steckt. Er ist verheiratet, hat pubertierende Kinder, ein Haus, eine eigene Firma. Doch er empfindet sein Leben als trostlos. Dann lernt er die Nachbarstochter Sascha Decker kennen, die ebenfalls mitten in einer Krise steckt. Ein seltsames Paar, das nun seltsame Dinge erlebt.

Die fünfte Staffel von "Orange Is The New Black" ist ab 9. Juni bei Netflix verfügbar. Aber das wissen die OITNB-Fans vermutlich schon lange. ;-)

Ergänzung am Samstagnachmittag: Ich habe vergessen, "Sherlock" in den Gucktipps zu erwähnen. Das hole ich hiermit schnell nach. Die vierte Staffel ist ab Sonntag im Ersten zu sehen - Folge 1 am 4. Juni, Folge 2 am 5. Juni und Folge 3 am 11. Juni, jeweils um 21.45 Uhr. Ich war von den drei Filmen nicht so richtig begeistert, aber wer die anderen "Sherlock"-Staffeln kennt, sollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Hier in der Kolumne habe ich zweimal über die vierte Staffel geschrieben: einen Text zum Staffelauftakt und einen Text zum Staffelfinale.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"Twin Peaks" 2017: Ist in Deutschland bei den Sky-Angeboten zu sehen. Die neuen Folgen werden wöchentlich zeitgleich zur Ausstrahlung in den USA bei den Sky-Streamingdiensten veröffentlicht, donnerstags wird die neueste Folge auf Sky Atlantic HD gezeigt.

"Master of None": Nur bei Netflix.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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