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Meine Woche in Serie

"American Gods" oder: Wenn die Lieblingsserie schlecht wird

 

Von der ersten Staffel von "American Gods" war unsere Kolumnistin Ulrike Klode sehr begeistert. Doch von der zweiten Staffel ist sie sehr enttäuscht. Und fragt sich: Wie konnte das passieren? Und wieso kann sie nicht einfach abschalten?

von Ulrike Klode
20.04.2019 - 09:57 Uhr

Ach, ist das ein Jammer! Nach der großartigen, überragenden, fantastischen ersten Staffel von "American Gods" ist die Serie nun in der zweiten Staffel tief gefallen. Und das nicht, weil man versucht, die erste Staffel zu übertrumpfen und Dinge ganz anders macht - was ja bei hochgelobten Serien oft eine Gefahr ist. Nein, sondern weil man hier die Dinge genauso machen will wie in der ersten Staffel, es aber nicht mehr so gut hinbekommt. Die zweite Staffel wirkt, als hätte jemand die erste Staffel geschaut und gesagt "Ach, das kann ich auch alles und zwar mit links!" und als hätte diese Person dann mit links alles stümperhaft versaut. Dass ich mein Urteil hier so brutal formuliere, hat natürlich auch damit zu tun, dass ich richtig enttäuscht bin, weil ich von Staffel 1 sehr begeistert war (und in dieser Kolumne darüber geschrieben habe). Klar könnte ich das auch freundlicher aufschreiben. Aber das würde nichts an der Tatsache ändern, dass in Staffel 2 die Serie "American Gods" nur noch ein Schatten ihrer selbst ist.

Natürlich war die Latte hoch, sehr hoch sogar. Und ja, dass die Showrunner Bryan Fuller und Michael Green zu Beginn der Arbeiten für Staffel 2 gefeuert wurden und dass es Streit und Verzögerungen in der Produktion gab, waren keine optimalen Voraussetzungen für die zweite Staffel. Aber da hier die wunderbare Buchvorlage von Neil Gaiman noch ausreichend Stoff bietet - anders als zum Beispiel bei der zweiten Staffel von "The Handmaid's Tale", wo das Buch nach Staffel 1 auserzählt ist -, hätte man bei "American Gods" tatsächlich einfach weitermachen können wie in Staffel 1. Eine exzellente Geschichte, aus der man weiter schöpfen kann, ist vorhanden; die Figuren sind entwickelt; der Cast ist eingeführt; die visuelle Art des Erzählens ausgearbeitet. Und es hätte auch nicht genauso gut sein müssen wie Staffel 1 - ein paar Ausrutscher und kleinere Mängel hätte ich durchaus verziehen.  

Doch schon bei der ersten Folge der zweiten Staffel saß ich auf dem Sofa und wollte am liebsten abschalten - aber ich konnte einfach nicht wegschauen. Ich war ein bisschen fassungslos, wie leicht es zu sein scheint, etwas Gutes ins Schlechte umzukehren, indem man einfach von allem ein bisschen zu viel macht und damit vom Sinn und Zweck entfernt: Zuviel verspielte Kulisse, die unterschiedlich beleuchtet ist, so dass meine Augen nicht mehr wissen, worauf sie achten sollen. Zu lange Kamerafahrten aus allen möglichen Perspektiven um Figuren, die unmotiviert herumstehen, als würden sie darauf warten, dass die Kamerafahrten beendet werden. Zu viele und zu lang andauernde Roadtrips, auf denen nichts passiert und bei denen nicht klar ist, wohin sie führen sollen. Zu viele Dialoge, in denen nur erklärt wird - und das auch noch holperig. Gleichzeitig: zu wenig Orientierung innerhalb der Geschichte. Ja, es ist ein Jammer. 

Und das Schlimmste: Ich kann nicht aufhören. Obwohl ich das Desaster nicht mehr sehen will, obwohl es mich in manchen Szenen wirklich schmerzt, diese Serie anzuschauen. Es ist, als würde ich mich innerlich dagegen wehren, anzuerkennen, dass das wunderbare "American Gods" - das ich als Buch begeistert gelesen habe und das ich 2017 zu meiner Lieblingsserie auserkoren hatte - schlecht geworden ist. Nach jeder Folge denke ich: "Vielleicht wird es besser, eine Folge schaue ich noch an." Viermal hatte ich diesen Gedanken schon. 

Dann, in Folge 5, flackerte etwas Hoffnung auf. Mittendrin plötzlich einige wenige Szenen, die kraftvoll waren, hypnotisch wirkten - genauso, wie ich das in der ersten Staffel erlebt hatte. Doch direkt danach ging es weiter mit: vielen flachen Szenen, die mir seltsam fern blieben, die leer wirkten, die mir egal waren. Und mir wurde klar: Nein, diese einzelnen Szenen sind nicht der große Umschwung, auf den ich seit Folge 1 warte. Doch selbst nach dieser Erkenntnis werde ich weiterschauen. Drei  Folgen stehen noch aus, dann ist die zweite Staffel beendet. Diese drei werde ich jetzt auch noch durchstehen - vielleicht habe ich Glück und werde mit einigen wenigen tollen Szenen belohnt. Aber danach entscheide ich wirklich, ob ich mit "American Gods" aufhören werde. 

Das Problem ist allerdings: Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass es für die dritte Staffel einen neuen Showrunner geben soll. Leider ist es nicht Bryan Fuller, der zurückkommt. Aber allein die Tatsache, dass die Verantwortlichen offensichtlich erkannt haben, dass man nicht so weitermachen kann wie in Staffel 2, lässt ja Hoffnung auf Besserung zu. Ich befürchte also, dass ich mich auch für die dritte Staffel wieder auf mein Sofa setzen werde. Und wenn die erste Folge nicht gut ist, denken werde: "Vielleicht wird es besser, eine Folge schaue ich mir noch an."

Offenbar muss ich grundsätzlich meine Loyalität zu Serien überdenken, von denen ich mal begeistert war. Schließlich hätte ich die fünf Stunden, die ich in diese enttäuschende zweite Staffel bisher gesteckt habe, gut in eine neue Serie stecken können. Ach, es ist ein Jammer.

Die erste Staffel von "American Gods" gibt's zum Beispiel bei Amazon Video (Prime), iTunes oder Maxdome. Die Folgen der zweiten Staffel gibt's in Deutschland nur bei Amazon Video (Prime), sie werden wochenweise veröffentlicht - der Ausstrahlung beim US-Sender Starz entsprechend. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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