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Meine Woche in Serie

Was "Carnival Row" & "Jessica Jones" gemeinsam haben

 

Serien können sehr viel mehr sein als Zeitvertreib. Selbst dann, wenn die Unterhaltung, der Spaß oder der Nervenkitzel im Vordergrund zu stehen scheinen. Unsere Kolumnistin Ulrike Klode schreibt über einen Aspekt, der sie an bestimmten Serien besonders fasziniert.

von Ulrike Klode
31.08.2019 - 08:46 Uhr

Wenn mich jemand fragt, warum ich so gerne Serien schaue, antworte ich meistens etwas wie: Ich liebe es, mich in andere Welten zu versenken und Figuren kennenzulernen, mit ihnen zu fühlen, mit ihnen zu fiebern. Und ja, ich will wissen, wie es weitergeht, wenn ich erst mal eine Beziehung aufgebaut habe - und sei sie noch so dünn. Was ich meistens aber vergesse zu erwähnen: Dass ich es liebe, wenn sich Serien plötzlich als etwas anderes entpuppen, als das, was sie zu sein schienen, als ich sie zum ersten Mal eingeschaltet habe. Und wenn das dann auch noch ein gesellschaftlich relevantes Thema ist, bin ich hin und weg. 

"Carnival Row" ist ein gutes Beispiel dafür. Als ich die neue Amazon-Serie einschaltete, wusste ich nur, dass es eine Fantasy-Serie mit Krimi- und Thriller-Elementen ist, in der Orlando Bloom und Cara Delevingne die Hauptrollen spielen. Hört sich ganz gut an, dachte ich vor dem Einschalten. Und war nach einer guten Viertelstunde richtig begeistert, weil die Serie sich einem Thema widmet, mit dem ich absolut nicht gerechnet hatte: Flucht und Vertreibung. Das, was die europäische Serie "Eden" vergeblich versucht hat, wurde mir hier ganz unerwartet und packend präsentiert: mit verschiedenen Figuren und Handlungsbögen zu zeigen, was es bedeutet, fliehen zu müssen. Was es bedeutet, vertrieben zu werden. Was es bedeutet, Flüchtlinge aufzunehmen. Was es bedeutet, wenn Flüchtlinge wie Lebewesen zweiter Klasse behandelt werden.

Der Vorteil einer Serie liegt auf der Hand: Sie kann vieles auf einmal sein, weil sie die Zeit und den Raum hat. Sie kann Unterhaltung, Spannung, große Gefühle bieten und gleichzeitig Denkanstöße geben. Das können Denkanstöße sein, die das eigene Leben betreffen. Zum Beispiel, wenn sich eine Figur, mit der ich mich identifiziere, in einer Situation auf eine bestimmte Art verhält, könnte mich das zum Denken darüber anregen, wie ich reagieren würde. Oder Denkanstöße, die unsere Gesellschaft betreffen: Im Fall von "Carnival Row" zum Beispiel vor Augen geführt zu bekommen, in welches Leben Flüchtlinge gezwungen werden, wenn man ihnen die gesellschaftliche Teilhabe verweigert. Und vermutlich übersehe ich bei "Carnival Row" bestimmte Aspekte, die anderen Zuschauerinnen und Zuschauern wichtig sind - weil ich die Serie eben mit meinen Augen sehe.    

Mir sind noch ein paar andere Serien eingefallen, von denen ich aus demselben Grund wie "Carnival Row" begeistert bin: "Crazy Ex-Girlfriend", "Jessica Jones", "The Good Place" und "The Good Fight". "Crazy Ex-Girlfriend" kommt als leicht überdrehte Comedy mit Musicaleinlagen daher - entpuppt sich aber schnell als differenzierte Betrachtung einer psychisch kranken Hauptfigur. In der ersten Staffel von "Jessica Jones" geht es zwar um eine Superheldin, die Menschen rettet - aber als wir die Superheldin näher kennenlernen, stellen wir fest, dass sie unter einem Trauma leidet und damit nicht umzugehen weiß, was über mehrere Folgen behutsam und detailliert gezeigt wird. "The Good Place" wirkt auf den ersten Blick wie eine knallbunte Comedy über das Leben nach dem Tod - ist aber gleichzeitig die Umsetzung unterschiedlicher philosophischer und ethischer Denkmodelle in die Praxis. (Einen längeren Kolumnentext zu "The Good Place" gibt's hier.) Und "The Good Fight" ist für mich nicht einfach nur eine Anwaltsserie, sondern eine faszinierende Studie über eine privilegierte Frau, die versucht, nicht wahnsinnig zu werden, obwohl um sie herum durch Trumps Wahlsieg alles auf den Kopf gestellt wurde und hart erkämpfte Rechte in Frage gestellt werden. (Einen längeren Kolumnen-Text zu "The Good Fight" von mir gibt's hier.)

Die Überraschung allein reicht natürlich nicht aus - es müssen überzeugende Handlungsbögen mit gut ausgearbeiteten Figuren folgen, um die gesellschaftlich relevanten Themen mit Mehrwert rüberzubringen. Bei den Serien, die ich oben aufgezählt habe, ist das in meinem Augen gelungen. Ich habe sie verschlungen - oder verschlinge sie noch - und war gleichzeitig offen für die Denkanstöße. Wie gut das bei "Carnival Row" gelingt, kann ich bisher nicht abschließend beurteilen. Bisher habe ich drei Folgen gesehen und bin guter Hoffnung - wenn auch nicht mehr so begeistert wie nach der ersten.

Alle acht Folgen der ersten Staffel von "Carnival Row" sind bei Amazon Prime verfügbar, bisher nur im englischen Original mit englischen Untertiteln. Die deutsche Synchronfassung soll ab 22. November verfügbar sein. 

Wer einen ausführlicheren Text zur Serie lesen will: Ich kann die DWDL-Kritik von Kevin Hennings empfehlen. 

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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