© Sony Channel/BBC
Meine Woche in Serie

"A Very English Scandal": Schaut auf Hugh Grants Stirn!

 

Falten im Gesicht sind wichtig - vor allem für Menschen, die schauspielern. Wer das nicht glaubt, muss einfach Hugh Grant in der Serie "A Very Englisch Scandal" anschauen, findet unsere Kolumnistin Ulrike Klode.

von Ulrike Klode
21.09.2019 - 10:09 Uhr

2005 etwa muss das Jahr gewesen sein, in dem ich Hugh Grant aus den Augen verloren habe. Bis dahin konnte man sagen: Wenn Hugh Grant mitspielt, gucke ich (fast) alles. Doch nach dem zweiten "Bridget Jones"-Film Ende 2004 gingen wir getrennte Wege. Ich kann gar nicht sagen, woran es lag. Ich fand "Bridget Jones" 2 ganz gut, Hugh Grants Rolle ebenfalls. (Beides nicht zu vergleichen mit dem ersten Film, natürlich.) Aber danach interessierten mich Filme mit Hugh Grant einfach nicht mehr. Es lag nicht an ihm, sondern an den Filmen, in denen er mitspielte.

14 Jahre währte also meine Hugh-Grant-Abstinenz - das sollte man im Kopf haben, wenn ich nun Folgendes schreibe: Ich hatte diese Stirnfalten ganz vergessen! Sie allein könnten einen ganzen Film tragen, vielleicht sogar eine Serie. Und Hugh Grant setzt sie in "A Very English Scandal" meisterhaft ein. Auf den ersten Blick spielt er in diesem Dreiteiler das, womit er berühmt wurde: einen sehr englischen Engländer, der sich in Liebesdinge verstrickt. Genauer betrachtet, ist diese BBC-Serie aber Next-Level-Grant: ein Politthriller, der zwar anfangs und zwischendurch durchaus amüsant daherkommt, aber im Grunde eine brutale Geschichte erzählt. Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Russell T. Davies haben einen wahren Politikskandal aus den 60er-Jahren in Großbritannien in eine Serie umgewandelt. Der britische Spitzenpolitiker Jeremy Thorpe (Hugh Grant) ist schwul, hält das aber geheim, weil Homosexualität damals in Großbritannien unter Strafe stand. Er beginnt eine Affäre mit dem jungen, naiven Norman Scott (Ben Wishaw) - doch die hat Konsequenzen und Thorpe versucht alles, um seinen früheren Geliebten loszuwerden und seine Karriere zu retten. (Wer mehr über die Serie erfahren will: Ich kann die Kritik von DWDL-Chefredakteur Thomas Lückerath empfehlen.)

Hugh Grant war schon immer ein Meister der faltenreichen Mimik. Seine Grübchen kombiniert mit den vielen Lachfalten und dem verlegen-schüchternen Blick in "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" werden mir immer im Kopf bleiben, weil allein diese Mimik die Figur, die er darstellt, so perfekt trifft. Oder in "Der Engländer, der auf einen Hügel stieg ..." als er den Bewohnern des kleinen walisischen Orts mitteilen muss, dass ihr Berg nicht hoch genug ist, und deswegen als Hügel klassifiziert wird: Bevor er das Wort "Hill" sagt, schaut er verschämt noch unten, blickt beim Sprechen langsam wieder auf, zieht die Augenbrauen hoch und runzelt die Stirn nur leicht. Er hätte in dieser Szene das Wort nicht sagen müssen, und trotzdem hätten alle gewusst, was das Problem ist. Hugh Grant beherrscht es, sein Gesicht sprechen zu lassen. Klar, das sollten alle Schauspieler und Schauspielerinnen können. Aber so, wie Hugh Grant das macht, ist es nur wenigen vergönnt. Weil er ein Gesicht mit Ecken und Falten hat - und das eben von Anfang an eingesetzt hat. Jetzt, 25 Jahre nach "Vier Hochzeiten und ein Todesfall", sind seine Falten tiefer - natürlich. Was sein Spiel noch ausdruckstärker macht. 

Stirnfalten können in der Film- und Fernsehbranche ein heikles Thema sein - für Schauspieler, aber besonders für Schauspielerinnen. Weil diese Falten an sehr prominenter Stelle das Alter preisgeben, weil sie zeigen: Dieser Mensch ist nicht mehr ganz jung. Selbst für überragende und mega-erfolgreiche Schauspielerinnen wie Nicole Kidman scheint das ein Problem zu sein. Kidman ist immerhin 52 Jahre alt - ihre Stirn wirkt auf mich aber deutlich jünger. Dass Schauspieler und Schauspielerinnen meinen, ihr Alter und ihr Altern verbergen zu müssen, regt mich immer wieder auf. Ich weiß, dass sie das nicht notwendigerweise aus freien Stücken tun, sie beugen sich damit dem Druck, dem Jugendwahn, der seit Jahrzehnten von der Film- und Fernsehindustrie ausgeht, begleitet von Berichterstattung in unterschiedlichen Medien. (Und - zack - da wären wir wieder beim Thema Frauenbild in Film und Fernsehen.) Es ist eine Schande, dass viele versuchen, so jung auszusehen, wie möglich. Und im schlimmsten Fall beeinflusst das auch die Schauspielerleistung.

Umso schöner, dass Hugh Grant in seiner Rolle als Jeremy Thorpe seine Stirn in ihrer gesamten und gealterten Pracht mitspielen lässt. Er war schon immer ein Meister der Mimik. Aber diese Falten-Arbeit in "A Very English Scandal" sucht Ihresgleichen. Und ich hoffe sehr, dass künftig mehr Next-Level-Grant zu sehen ist und es nicht wieder 14 Jahre dauert, bis mich der nächste Film oder die nächste Serie mit Hugh Grant interessiert.

"A Very English Scandal" läuft im Pay-Sender Sony Channel. Die drei Folgen sind außerdem im Amazon Prime Video Channel Sony verfügbar.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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