© Netflix
Meine Woche in Serie

Netflix-Serie "Ragnarök": Nordische Götter mit Potenzial

 

Eine Mystery-Serie aus Skandinavien, erdacht und geschrieben ausgerechnet von "Borgen"-Schöpfer Adam Price - klar, dass unsere Kolumnistin Ulrike Klode sich die Netflix-Serie "Ragnarök" anschaut. Ihr Urteil ist durchwachsen.

von Ulrike Klode
07.03.2020 - 09:50 Uhr

In "Borgen" geht es um Politik, Anstand und Loyalität. In "Die Wege des Herrn" geht es um Religion, Glaube und Familie. In "Ragnarök" geht es um Mythologie, Umweltzerstörung und Narzissmus. Alle drei Serien wurden vom selben Drehbuchautor erdacht und geschrieben: Adam Price. "Ragnarök" ist die neue Serie aus seiner Feder. Und mit dieser Produktion hat er sich weit von dem weggewagt, was er bisher gemacht hat. Denn während "Borgen" und "Die Wege des Herrn" den Schwerpunkt auf erwachsene Menschen legen (eine aufstrebende Politikerin einerseits, einen verbissenen Pfarrer andererseits) und im Dänemark der Gegenwart spielen, ist "Ragnarök" eine Mysteryserie, und im Mittelpunkt stehen Jugendliche und übermenschliche Wesen. Gleichzeitig ist es auch Prices erste Serie für einen Streaminganbieter - in diesem Fall Netflix - , bisher hatte er vorrangig Serien für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Dänemark geschrieben.

In dem kleinen Ort Edda in Norwegen sind deutliche Zeichen von Umweltverschmutzung sichtbar - doch niemand nimmt eine Schülerin ernst, die Zusammenhänge zum größten Arbeitgeber des Ortes, der Firma Jutul, herstellt. Erst als ein neuzugezogener Schüler den Kampf gegen die Umweltzerstörung ebenfalls aufnimmt, gibt es Konsequenzen. Eigentlich ziemlich konventionell und schon oft gesehen: Eine Figur kommt in eine Umgebung und mischt diese auf. Doch Adam Price erzählt diese altbekannte Geschichte anders: Er bringt Figuren aus der Nordischen Mythologie ins Spiel, die unerkannt als Menschen in Edda leben und nach und nach für den Zuschauer und die Zuschauerin enttarnt werden.  

Als ich vor ein paar Monaten von der Ankündigung dieser Serie las, war ich entsprechend neugierig. "Borgen" ist eine überragende Serie, die Maßstäbe gesetzt hat und auch immer noch setzt, obwohl sie bereits knapp zehn Jahre alt ist - eine Ewigkeit in der sich so schnell drehenden Serienbranche. (Mein DWDL-Kolumnen-Kollege Hans Hoff hat dazu einen sehr interessanten Text geschrieben: darüber, dass man sich mit nichts weniger als "Borgen"-Qualität bei Serien zufrieden geben darf.) "Die Wege des Herrn" ist ebenfalls eine hervorragende Serie, auch wenn sie nicht an "Borgen" heranreichen kann. Würde Price diese Qualität auch mit "Ragnarök" hinbekommen?

Nach Folge 1 und 2 hätte ich gesagt: Hm, eher nicht. Vier Folgen später nach dem Staffelfinale lautet meine Antwort: Joah, vielleicht. Denn nach den ersten beiden Folgen nimmt die Geschichte endlich Fahrt auf - nachdem das, was man schon sehr früh ahnt, bestätigt wird. Die anfangs grob gehauenen Figuren werden nach und nach feiner, ausgearbeiteter. Und es gibt vermehrt Szenen, in denen klar wird: Die Kombination von Mystery, Umweltthriller und Coming-Of-Age ist durchaus reizvoll und kann funktionieren. Allerdings sind auch immer wieder Szenen zu sehen, die fehl am Platz, fast lächerlich wirken. Weder in "Borgen" noch in "Die Wege des Herrn" sind mir ähnliche Fremdkörper-Szenen aufgefallen, bei beiden passte alles zusammen, wirkte harmonisch. Bei "Ragnarök" handelt es sich dabei auffallend oft um Szenen mit jugendlichen Figuren, in denen es um alltägliche Teenager-Erlebnisse und Teenager-Gruppendynamiken geht - ganz unabhängig von Umweltverschmutzung oder Nordischen Gottheiten. 

In den sechs Folgen und vor allem im Staffelfinale ist einiges angelegt, das auf eine interessante zweite Staffel hoffen lässt. Erst die wird zeigen, ob "Ragnarök" trotz der anfänglichen Schwierigkeiten noch eine richtig gute Serie werden kann. Sollte Netflix keine zweite Staffel in Auftrag geben, ist "Ragnarök" zumindest ein interessanter Genre-Mix, aus dem man für andere Serienprojekte viel lernen kann. 

Die erste Staffel von "Ragnarök" umfasst sechs Folgen und ist bei Netflix verfügbar.

Tipps zum Weiterhören und -lesen: 
- Ein Gespräch über die Faszination von "Borgen" im DWDL-Podcast "Seriendialoge". Gast: Prof. Dr. Eva Stadler, TV-Produzentin und Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart.
- Eine Rezension der Serie "Die Wege des Herrn" von DWDL-Kollege Torsten Zarges.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

Teilen