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Meine Woche in Serie

Warum es gut ist, dass "Borgen" fortgesetzt wird

 

Unsere Kolumnistin Ulrike Klode hat mit Freude die Neuigkeit aufgenommen, dass die dänische Politikserie "Borgen" nach mehr als sieben Jahren Pause eine vierte Staffel bekommen soll. Wenn eine Serie eine Wiederbelebung nötig hat, dann diese, schreibt sie in ihrer Kolumne.

von Ulrike Klode
02.05.2020 - 08:29 Uhr

Birgitte Nyborg kommt zurück. Und das ist eine sehr gute Nachricht. Ja, ich weiß, ich habe mich hier schon immer mal wieder über das Wiederbeleben-Fieber aufgeregt, das seit ein paar Jahren durch die Serienbranche zieht. Ich verstehe das wirtschaftliche Interesse dahinter: Serien, die bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad haben, einfach wiederzubeleben, lockt mindestens in der ersten Folge Leute vor den Bildschirm, die die Serie früher geschaut haben. Das ist einfacher, als mit völlig neuen Figuren und völlig neuen Geschichten Leute zum Einschalten einer ersten Folge zu bewegen. Und wenn die Wiederbelebung nicht ganz schlecht gemacht ist, bleiben sicher auch einige Leute hängen. Aber muss man deswegen wirklich jede Serie, die vor 30 bis 5 Jahren mal von Menschen geschaut wurde, aufleben lassen?

Doch es gibt durchaus Serien, bei denen ich eine Wiederbelebung berechtigt finde. Die dänische Serie "Borgen" mit ebendieser Birgitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) als Hauptfigur fällt mir da als Erste ein. Als "Borgen" vor mehr als sieben Jahren nach drei Staffeln endete, gab es in Deutschland noch kein Netflix-Angebot. Was ich damit sagen will? Der Umbruch der Serienwelt hatte gerade erst angefangen. Und doch endete mit "Borgen" eine Serie, die ihrer Zeit Jahre voraus war. Eine Frau im Mittelpunkt, die Dänemark regiert. Die Antagonistenfigur: ebenfalls eine Frau, nämlich eine junge Journalistin. Handlungsstränge, die zwar von der Politik in dem kleinen europäischen Land handeln, die aber so erzählt sind, dass sie Menschen außerhalb Dänemarks fesseln können - auch ohne dass mehrfach das Leben oder die Karriere einer Hauptfigur auf dem Spiel steht. Die Figuren sind so geschrieben, dass sie facettenreich sind, viele Identifikationspunkte fürs Publikum bieten und lebensnah wirken. Und über allem schwebt die Betrachtung des Politischen und der Frage, was einen moralischen Menschen ausmacht.

30 Folgen lang begleitet "Borgen" Birgitte Nyborg in ihrem Leben, und sie macht eine enorme Entwicklung durch. Zu Beginn von Staffel 1 ist sie noch die unerfahrene Politikerin einer kleinen dänischen Partei, die überraschend zur Ministerpräsidentin einer ungewöhnlichen Koalition wird, die Familie hat und mit dem Rad zur Arbeit fährt. Zu Beginn von Staffel 3 ist sie eine erfahrene Politikerin, international als Expertin gefragt und erfolgreich, die es noch einmal wissen will. Sie ist geschieden und lässt sich vom Chauffeur durch Kopenhagen fahren. Und das Ende - nur so viel sei verraten - lässt allerlei Raum für weitere Staffeln. Denn Birgitte Nyborgs Geschichte ist längst nicht auserzählt. Aber sie ist eine Figur, die man nach drei Staffeln gut kennt.

Gleichzeitig hat sich in mehr als sieben Jahren die politische Landschaft in der Welt, in Europa und in Dänemark verändert. Was würde Birgitte Nyborg tun? Zum Beispiel im Sommer 2015, als besonders viele Flüchtlinge ihr Leben riskierten, um nach Europa zu kommen - und Dänemark daraufhin die Asylgesetze so verschärfte, dass sie künftig die Grenzen dichtmachen können? Hätte sie es geschafft, den rechten Populisten noch einmal Paroli zu bieten? Wie hätte sie auf die Wahl Donald Trumps reagiert und wie würde sie mit ihm umgehen? Was hätte sie jetzt in der Corona-Pandemie gemacht - einen schnellen Lockdown beschlossen oder den schwedischen Weg gewählt? Und noch viel entscheidender: Wie wäre Birgitte Nyborg zu ihren Entscheidungen gekommen, welche Kompromisse wäre sie eingegangen, welche Opfer hätte sie notfalls gebracht oder riskiert? Oder in eine andere Richtung gedacht: Ist es ihr vielleicht ganz anders ergangen? Hat sie, die Hoffnungsträgerin für moralisch vertretbare Kompromisse in der Politik, vielleicht entmutigt das Handtuch geworfen, weil sie die politische Entwicklung weltweit anwidert? Egal, in welche Richtung: Ich finde es spannend, Birgitte Nyborg unter den veränderten politischen Voraussetzungen wiederzutreffen, von ihr und den anderen Figuren in der Serie "Borgen" den Spiegel über das politische Leben und Handeln unserer Zeit vorgehalten zu bekommen. 

Mit "Borgen" hat Erfinder und Hauptautor Adam Price 2010 Maßstäbe gesetzt, die auch heute noch gelten. (Mein geschätzter DWDL-Kollege Hans Hoff hat vor einigen Monaten in seiner Kolumne darüber geschrieben, dass man im Grunde jede Serie an der Qualität von "Borgen" messen müsse. Recht hat er.) Wer die Serie jetzt zum ersten Mal schaut, dem oder der wird kaum auffallen, dass sie sieben Jahre alt ist - eigentlich eine Ewigkeit in der sich so rasant entwickelnden Serienbranche. Es wird eine Herausforderung sein für Adam Price, den Ansprüchen gerecht zu werden. Die Erwartungen sind riesig, denn für viele gilt "Borgen" auch sieben Jahre nach dem Ende als nichts weniger als eine der besten Serien weltweit, mindestens die beste in Europa. Im Grunde könnte er die Politikserie nach bewährter Art weitererzählen und wäre damit immer noch ganz vorn dabei. Price hat seit "Borgen" gezeigt, dass die hohe Qualität gepaart mit Relevanz keine Zufallstreffer waren. Mit seiner Dramaserie "Die Wege des Herrn" hat er eine starke Serie vorgelegt, die den Glauben, das traditionelle Familien- und Männerbild betrachtet (hier geht's zu einer DWDL-Kritik). Und seine Young-Adult-Serie "Ragnarök" setzt sich mit nordischen Mythen und Bewahrung der Schöpfung auseinander (dazu habe ich einen Kolumnentext geschrieben). 

Nach dem Ende von "Borgen" gab es bereits Spekulationen, dass sie fortgesetzt werden könnte. Adam Price und auch die Hauptdarstellerinnen und hatten mehrfach gesagt, dass sie sich eine weitere Staffel vorstellen könnten. Als möglicher Einstiegspunkt war 2020 genannt worden - zehn Jahre nach Birgitte Nyborgs Ernennung zur Ministerpräsidentin. Doch da 2018 und 2019 ohne "Borgen"-Neuigkeiten verstrichen, war mir klar: 2020 wird's nichts mehr. Und ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass es eine vierte Staffel geben könnte. Umso überraschter war ich nun, als am Mittwoch verkündet wurde, dass sich der dänische Sender DR und Netflix mit Adam Price geeinigt haben - und 2022 die vierte Staffel weltweit veröffentlicht werden soll. Der praktische Nebeneffekt: Die anderen drei Staffeln sollen bereits irgendwann 2020 auf Netflix zu sehen sein. Denn bisher war "Borgen" nirgendwo digital verfügbar - außer hin und wieder in der Arte-Mediathek. Wer "Borgen" gucken wollte und bei Arte gerade kein Glück hatte, musste die Serie auf DVD oder BluRay kaufen. Einfach mal reinschalten, um zu schauen, ob's gefällt - das war bei "Borgen" bisher nicht möglich. Doch das geht nun bald und ich bin mir sicher: Das wird die "Borgen"-Fangemeinschaft um einiges vergrößern.

Tipp zum Weiterhören: 
In Folge 37 des DWDL-Podcasts "Seriendialoge" habe ich 2017 mit Eva Stadler, Serien-Produzentin und Uni-Professorin, über die Faszination von "Borgen" gesprochen.

Über die Autorin

Ulrike Klode ist freie Journalistin in Hamburg - und weil sie serienverrückt ist, schreibt und redet sie am liebsten über nichts anderes. Zum Beispiel in ihrer wöchentlichen Kolumne "Meine Woche in Serie" und im Podcast "Seriendialoge".

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