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Die Jahresmarktanteile 2017

ProSieben 2017 größter Verlierer, Vox einziger Gewinner

 

Zulegen konnte 2017 im Vergleich zum Vorjahr nur Vox, zudem darf man sich in Mainz freuen, den Marktanteil beim Gesamtpublikum auch ohne EM und Olympia gehalten zu haben. Sonst gab's Verluste auf breiter Front, am heftigsten für ProSieben

von Uwe Mantel
01.01.2018 - 10:58 Uhr

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Immer mehr kleine Sender im Free-TV und eine wachsende Zahl an Zuschauern, die bereit sind für ihren TV-Konsum zu zahlen - diese beiden Faktoren machen den großen Free-TV-Sendern zunehmend zu schaffen. Im Jahr 2017 hat sich der schon seit Jahren anhaltende Abwärtstrend sogar noch weiter beschleunigt. Die acht großen Vollprogramme erreichten zusammen genommen nur noch einen Jahresmarktanteil von 56,4 Prozent, 3,3 Prozentpunkte weniger als im vergangenen Jahr. Bei den 14- bis 49-Jährigen sind es zusammengenommen noch 60,1 Prozent, 3,7 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr.

Beides sind neue Tiefststände. Zum Teil geht das darauf zurück, dass ARD und ZDF in den Jahren ohne große Sportereignisse etwas Federn lassen (wobei das im Falle des ZDF nur auf das Abschneiden beim jungen Publikum zutraf), doch mit Ausnahme von Vox büßten auch alle großen Privatsender an Zuspruch ein - und das, obwohl sie es im Sommer ohne EM/WM und Olympia leichter hatten als im Vorjahr.

ProSieben ist der größte Verlierer des Jahres

Jahres-MA 2017 ProSieben

"2017 war für ProSieben ein eher schwieriges Jahr" - wenn die Pressemitteilung eines Senders so beginnt, dann verdient das zumindest einen Punkt für Ehrlichkeit. Doch beim Blick auf die Zahlen ist auch kaum zu leugnen, dass es den Sender in diesem Jahr besonders heftig erwischt hat. Konnte man das Abtauchen unter die 10-Prozent-Marke im September 2016 noch als vorübergehenden Betriebsunfall abhaken, so sind einstellige Marktanteile inzwischen längst die Normalität. Nur in zwei Monaten (März und November) gelang überhaupt mal eine zehn vor dem Komma. Dementsprechend fällt also auch der Jahresschnitt mit nur 9,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen erstmals seit Anfang der 90er einstellig aus. Der Blick auf den Marktanteilsverlauf der letzten Jahre zeigt es: Während sich der Sender noch bis 2013 vergleichsweise stabil halten konnte, geht es seither bergab - und das alarmierende daran: Mit zunehmender Geschwindigkeit. 9,5 Prozent waren es 2017 noch im Schnitt, ein Rückgang um satte 0,9 Prozentpunkte.

Im August war ProSieben sogar erstmals seit vielen Jahren wieder hinter Sat.1 zurück gefallen und zeigte sich mit 8,3 Prozent Marktanteil in erschreckend schlechter Form. Dann folgte zwar eine Erholung im Herbst - doch der Dezember brachte nochmal sehr ernüchternde Nachrichten in Form von 8,7 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen - erneut übrigens nur hauchdünn vor Sat.1. Ein Grund liegt auf der Hand: Kein anderer Sender hatte sich in den letzten Jahren so sehr US-Ware verschrieben wie ProSieben und kein anderer Sender leidet daher so darunter, dass im Free-TV kaum noch eine US-Serie ein ausreichend großes Publikum findet, "The Big Bang Theory" mal ausgenommen. Nun rächt sich, dass die gesamte ProSiebenSat.1-Gruppe den Bereich fiktionaler Eigenproduktionen über viele Jahre sträflich vernachlässigt hat.

Dass es ProSieben nicht noch schlimmer getroffen hat, liegt vor allem auch an gekonnter Pflege von Erfolgsformaten. "Germany's Next Topmodel" und "The Voice" waren schon in den letzten Jahren die Leuchttürme im Programm und sie strahlten in diesem Jahr noch heller, weil sie gegen den allgemeinen Trend den Marktanteil sogar steigern konnten. Freuen konnte man sich, dass das im letzten Jahr so schmerzlich vermisste "Duell um die Welt" wieder zurückkehrte. Wo die Reise mit Jokos eigener Show "Beginner gegen Gewinner" hingeht, ist nach der nur noch mittelmäßig gelaufenen zweiten Ausgabe hingegen ebenso offen wie bei "Schlag den Henssler".

Dass ProSieben neuerdings besonders leidet, lässt sich zum Teil aber auch durch die besonders junge Zielgruppe erklären: ProSieben ist der mit Abstand jüngste der großen Sender, bei den 14- bis 29-Jährigen mit einem Marktanteil von 16,4 Prozent klarer Marktführer. Zum Vergleich: Das Erste und das ZDF erreichen zusammengenommen halb so viele Zuschauer aus dieser Altersgruppe mit dem linearen Fernsehen. Das Problem ist aber: Aus demographischen Gründen schrumpft die Zahl der Menschen in dieser Altersgruppe, sodass Erfolge hier immer weniger Auswirkungen auf die Werte in der Zielgruppe 14-49 geschweige denn beim Gesamtpublikum haben. Dazu kommt noch, dass der TV-Konsum insgsamt zwar stabil hoch bleibt - was aber daran liegt, dass Ältere immer länger fernsehen, während die Jüngeren das klassische Fernsehen weniger nutzen.

Vox stemmt sich gegen den Abwärtstrend

Jahres-MA 2017 Vox

Von den wegbrechenden Import-Erfolgen aus den USA war in den letzten Jahren natürlich nicht nur ProSieben betroffen - auch das Wachstum von Vox beruhte einst auf eingekaufter US-Ware. Doch in Köln hat man offenbar früher als in Unterföhring erkannt, dass man sich wieder mehr selbst anstrengen muss, um die Zuschauer an sich zu binden. Mit Erfolgen wie "Die Höhle der Löwen", "Club der roten Bänder", "Grill den Henssler", "Kitchen Impossible", "Sing meinen Song", "6 Mütter" oder auch "Hot oder Schrott" in der Primetime aber auch der starken Aufstellung im Nachmittagsprogramm mit Formaten wie "Shopping Queen" oder "4 Hochzeiten und eine Traumreise" gelang Vox mit 7,2 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen das erfolgreichste Jahr seit 2013. Beim Gesamtpublikum sank der Marktanteil zwar minimal auf 5,1 Prozent, der Vorsprung auf das im Vorjahr erstmals überholte ProSieben wuchs aber trotzdem deutlich, weil die Konkurrenz aus Unterföhring um 0,6 Prozentpunkte auf nur noch 4,5 Prozent absackte.

Doch 2017 war auch das Jahr, in dem man nach einem überaus erfolgreichen Lauf erkennen musste, dass die Bäume auch bei Vox nicht unbegrenzt in die Höhe wachsen. Die finale Staffel von "Club der roten Bänder" war noch immer ein großer Erfolg, erreichte aber fast ein Viertel weniger junge Zuschauer. Der Versuch, das Talk-Genre für sich zu erobern, schlug fehl. Der Weggang von Steffen Henssler schmerzt, weil bei "Grill den Profi" kein aus Quotensicht gleichwertiger Ersatz in Sicht ist. Da Henssler zuletzt fast 20 Sonntage im Jahr bespielte, ist das ein Problem.

Zudem dürfte es auch schwer werden, in Sachen eigenproduzierter Fiction nochmal in ähnliche Quotenhöhen wie mit dem "Club der roten Bänder" vorzudringen. Eine weitere Baustelle tut sich am Vorabend auf, wo langsam frische Ideen gefragt sind. All das führte dazu, dass Vox im Herbst schon unter den Vorjahreswerten lag. Da 2018 nun auch wieder Olympia und Fußball-WM anstehen, wird man weiteres Marktanteils-Wachstum im kommenden Jahr wohl eher nicht sehen.

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