Fernsehparadies? Gibt es noch! Weißer Sandstrand, azurblaues Meer, eine offene Bambushütte unter Palmen, dahinter die laaange Treppe zum Klo: "There's no business like Reality business. Willkommen im Hollywood des Edel-Trash!", trötete RTLzwei am Mittwoch zur Vorab-Premiere von "Kampf der Reality-Allstars" bei RTL+, bevor in wenigen Tagen auch linear zusehende Fans in den vermeintlichen Hochgenuss kommen.

Das Versprechen ist ganz das alte: "Freuen Sie sich auf Reality Deluxe. Dafür haben wir die Kohle bündelweise rausgehauen! Das sieht man schon an diesem hochwertigen roten Teppich." Der erneut in Thailand ausgerollt wurde.

Wenigstens auf einen ist Verlass.

Letzter Außenposten des TV-Fernwehs

Dabei fühlt sich Grünwald bei München wie der letzte Außenposten einer Branche an, die zunehmend davor zurückscheut, das Fernseh-Fernweh zu verteidigen, das ihrem Entertainment so lange als eingebacken galt. Schuld daran ist natürlich: der Spardruck.

Die Konkurrenz inszeniert zwar nicht minder pompös. Aber mit neuem Kostenbewusstsein. Zum Auftakt der aktuellen Staffel von "Deutschland sucht den Superstar" hüpfte Dieter Bohlen jüngst aus einem Hubschrauber, landete aber bloß auf der Deutzer Sendezentrale von RTL, wo er auf Knopfdruck eine virtuell ins Bild montierte DSDS-Bannerfahne vom Sendetürmchen herunterließ, das anschließend ausführlich drohnenumkreist wurde, um massig Schnittbilder zu liefern. Denn: In diesem Jahr rief die amtierende Jury Bewerber:innen für ihre Show erstmals in einem gewöhnlichen Fernsehstudio zum Casting (siehe DWDL.de-TV-Kritik).

Von dort aus kommen die nicht direkt Ausgesiebten in einen zum "Golden Room" umdekorierten RTL-Konferenzraum, um sich später erneut auf ihre Recall-Fähigkeit prüfen zu lassen. Und die Crazys? Werden jetzt einfach per Kurzinszenierung vor großem DSDS-Schriftzug auf dem RTL-Parkplatz abgefrühstückt. Wenn fertig selektiert ist, geht's mit dem Rest auf die Seych… – äh: in den Europa-Park Rust.

Mit dem Flair sonnenwarmer Kulissen

"Vieles hat sich verändert in diesen 22 Jahren DSDS", bilanzierte Bohlen zur Premiere im gewohnten Trash-Sweater. "Entweder, man geht mit der Zeit – oder man geht mit der Zeit."

Das bekannteste Casting-Format Deutschlands hat sich (vorläufig) für ersteres entschieden, und die Zeichen der Zeit stehen auf: sparen. Was besonders hart ist, wenn man sich vergegenwärtigt, wie es bisher gelaufen ist – zum Beispiel in der Jubiläumsstaffel anno 2013, als der DSDS-Gottvater seinen Auserwählten noch übers Jurypult eröffnete: "Wir sehen uns dann bei 32 Grad und Sonne" – bevor die komplette Produktion kurzerhand nach Curaçao verlegt wurde. "Wenn tolle Stimmen auf eine traumhafte karibische Insel treffen, dann ist das der Recall von DSDS", moderierten Nazan Eckes und Raul Richter an der Spitze eines die Küste entlangrasenden Zweimasters in die Kamera, während die mitreisenden Kandidat:innen vor ihnen sangen: "We don't even have to try / It's always a good time." Bevor dann standesgemäß die ersten Standpauken im Strandoutfit folgten.

Jahrelang gehörte es ganz selbstverständlich dazu, dass der Gesangswettbewerb seinem Publikum die Winterwochen nicht nur mit besonderen Stimmen und großen Dramen aufhellte – sondern eben auch: mit dem Flair sonnenwarmer Kulissen. Selbst als Corona die Fernreisemöglichkeiten drastisch einschränkte, gab es keinen Zweifel: Produziert wird dort, wo's nach Sommerurlaub aussieht, dann eben zwischen griechischen Windmühlen. Basta.

L.A. und N.Y. statt immer nur Holland

Und was waren das noch für Zeiten, als die Anwärter:innen auf den Titel von "Germany's Next Topmodel" einst damit zu begeistern waren, per Linienflug in Weltmetropolen zu reisen, um dort die Grundlagen des angestrebten Berufs zu erlernen (und die Zuschauer:innen mitschwelgen zu lassen): "Es war schon immer mein Traum, nach L.A. zu gehen", schwärmten Heidis "Mädels" in Staffel vier. "Ich freu mich am meisten auf das warme Wetter." Und: "Das ist das erste Mal, das ich fliege – sonst waren wir immer in Holland."

Es gab Blümchen beim Check-in, Orangensaft an Bord, die Zeitumstellung hat alle geschlaucht, und Topmodel-Juror Rolfe Scheider war völlig aus dem Häuschen: "Einige Mädchen haben noch nie ein Flugzeug genommen und fliegen jetzt nonstop 12 Stunden – das ist natürlich der absolute Wahnsinn."

In der Staffel zuvor hatte bereits eine gewisse Gina-Lisa geschworen, bei ihrer Ankunft in der Stadt, die niemals schläft, zuallererst ein "I Love NY"-T-Shirt zu erwerben, eine gewisse Gisele staunte aus dem Taxi: "Oh Mann, wie hoch die Gebäude sind", und eine gewisse Sarah K. stöhnte, dass jetzt alle mal die Klappe halten sollten, damit sie sich aufs bevorstehende Seal-Konzert konzentrieren könne.

TV-Studios zu Ausstellungsflächen

Der Glamour ist natürlich immer noch integraler Bestandteil der Formaterzählungen. Auch wenn er siebzehn, achtzehn Staffeln später womöglich schwerer zu belegen geworden ist, weil die einstigen Besonderheiten auch fürs Publikum längst Selbstverständlichkeiten sind. Mit denen auch noch besser gehaushaltet werden muss, um die kleiner werdenden Budgets nicht zu sprengen.

Die Deutungshoheit wollen sich die Sender natürlich trotzdem nicht nehmen lassen und versuchen es mit Tricks: Das GNTM-Finale ist in diesem Jahr erstmals ins Los Angeles Theatre verlegt worden – ProSieben verspricht "viel Hollywood", "viel Glamour", "viele Stars". Aber: zum ersten Mal ist die Show nicht live. Das Finale wurde bereits im Februar aufgezeichnet und läuft Ende Mai bei ProSieben – ohne Publikums-Voting. Und kostengünstiger, weil keine Stars mehr für eine teure Liveshow nach Deutschland eingeflogen werden müssen.

Denn daran sparen die Sender ja auch. Die Kölner Magic Media Company (MMC) hat gerade bestätigt, eines ihrer größten Studios auf dem Coloneum-Gelände für einen neuen Partner dauerhaft zur Ausstellungsfläche umzubauen – weil es sich nicht mehr rechnet, die Fläche so lange leerstehen zu lassen.

Umgekehrt können es sich die Sender nicht mehr leisten, Kulissen wochenlang aufbauen zu lassen, nur um dort einmal pro Woche ein Feuerwerk des Entertainments abzufackeln.

Was ist Glamour den Sendern noch wert?

Das betraf bislang vor allem große Samstagabendshows. Die Konsequenzen der aktuellen Marktentwicklung haben aber längst auch andere Genres erreicht.

Und machen selbst vor denen nicht Halt, die sich eigentlich bewusst gegen die Kleinmacherei stellen wollten: Wenn Stefan Raab im Sommer zur ersten "Jetski Star Weltmeisterschaft” bei RTL ruft, stehen an der Regattabahn Duisburg rund 2.000 Sitzplätze zur Verfügung – die Zeiten, in denen Raabs "Stock Car Crash Challenge" rund 50.000 Zuschauer:innen in die Veltins-Arena zu locken vermochte, sind vorbei. Und zwar nicht mehr nur aus Spaß, wie damals, als RTL "Das Sommerhaus der Stars" pandemiebdeingt aus Portugal in ein abgewracktes Gruselbauernhaus ins nordrhein‑westfälische Bocholt holte, aus dem die Produktion seitdem nicht mehr wegzudenken ist. Sondern: ganz im Ernst.

Es ist eine stille Inventur, die das Fernsehen gerade erstellt: Welche Bestandteile des alten Versprechens von Glamour und Größe sind den Sendern noch Geld wert – und welche nicht?

Rückbesinnung auf den Formatkern

Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus: DSDS opfert den Ort – statt Ischgl, Thailand und Karibik gibt es Rust und Deutz und "Willkommen zuhause bei RTL". Drei Live-Shows bleiben, immerhin. ProSieben macht bei GNTM das Gegenteil: Die Hollywood-Kulisse wird verteidigt – aber zum Preis von Live, mit einem Finale aus der Konserve. Beide Wege sind angesichts der veränderten Voraussetzungen nachvollziehbar. Gleichzeitig sagt niemand offen, was geopfert wird – offiziell klingt immer alles nach Aufbruch und neuem Konzept. Die Inventur ist da, aber niemand will sie so nennen.

Dabei kostet sie auch etwas: das Fernweh-Versprechen, das lange das Grundrauschen vieler Formate war; oder den Live-Moment eines nicht wiederholbaren Ereignisses. Die Kernfrage dabei ist: Hat es für das Medium spürbare Auswirkungen? Fehlt dem Publikum dadurch etwas? Oder war vieles vom alten Glamour, von der vermeintlichen Größe nicht ohnehin reine Behauptung.

All die Inseln, die Amphitheater und malerischen Altstädte waren für DSDS ja stets nur Motiv, nie Schauplatz – anders als bei Formaten, deren ganze Idee am fremden Ort hängt, war das hier immer schon Dekor. Und wer ehrlich ist, muss zugeben: Die Recalls unter Palmen sind längst ins Beliebige gerutscht. Dass Kandidat:innen jetzt einfach durch eine Freizeitparkkulisse geschleust werden, um sie auf die Live-Auftritte vorzubereiten, könnte man genauso gut als Rückbesinnung auf den ursprünglichen Kern des Formats verstehen.

Das wäre dann kein Verlust, sondern nur das Eingeständnis einer Überdimensionierung, die nie wirklich im Dienst des Formats stand.

Die Magie der Überdimensionierung

Gleichzeitig ist es natürlich exakt diese Überdimensionierung, die lineares Unterhaltungsfernsehen lange ausmachte und von allem anderen unterschied. Zuschauer:innen mussten glauben dürfen, dass hier etwas passiert, das viel größer ist als der eigene Alltag. Der Kamerakran über dem Sandstrand signalisierte: Das bekommst du nur bei uns! Ohne all das hat das Medium womöglich langfristig einen strukturellen Nachteil: gegenüber Streamern, die weiter Hochglanz produzieren; und gegenüber YouTube und TikTok, die mit Unmittelbarkeit punkten.

Es ist (mal wieder) ein echter Drahtseilakt, den das Fernsehen auf seiner Metamorphose zum Streaming-Kosmos mit mehreren Ausspielwegen hinbekommen muss.

Denn die Effizienzlogik der Sender, so rational sie klingt, frisst am Ende womöglich genau die Magie, die das Medium bislang getragen hat. Und Magie lässt sich nicht so einfach zurückholen, falls der Werbemarkt sich wieder erholt. Oder die Abozahlen weiter anziehen.

Am Reisebus-Äquator ist Schluss

Das gilt vor allem für Formate, bei denen das Reisen in die Ferne zu den Grundprinzipien gehört: Wenn sich Tim Mälzer mit seinen Kontrahent:innen bei "Kitchen Impossible" künftig nicht mehr auf La Réunion, in Montenegro und Marokko duellieren dürfte, sondern ausschließlich in Quedlinburg, Dinkelsbühl und Bad Salzuflen, ginge ein großer Teil der Formatidee flöten, die ja auch daraus besteht, die Köch:innen ins Unbekannte zu entsenden. (Nicht umsonst hatte Mälzer zu Beginn des Jahres schon mal öffentlich davor gewarnt, lieber aufhören zu wollen, als "am Produkt" zu sparen.)

Die eigentliche Herausforderung der Branche besteht wohl darin, für sich selbst zu definieren, wie Glamour und Größe in diesem neuen Zeitalter transportiert werden können – ohne die Kohle bündelweise rauszuhauen; aber auch ohne beides nur noch zu behaupten, während auf den Screens der Zuschauer:innen ganz offensichtlich das Gegenteil zu sehen ist. Ob und wie das gelingt, wird gerade live in den Programmen verhandelt.

Immerhin wurde ja schon vor Jahren bestimmt, wo die Grenze liegt, die im Sinne der Glaubwürdigkeit beim Publikum nicht überschritten werden darf: am Ossendorfer Reisebus-Äquator.

Die gute Nachricht ist: Davon sind DSDS & Co. derzeit noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Und damit: zurück nach Köln.

"Deutschland sucht den Superstar" läuft dienstags und samstags bei RTL und vorab bei RTL+. RTLzwei zeigt "Kampf der Reality-Allstars" am Mittwoch um 20.15 Uhr und bereits jetzt auf RTL+. "Germany's Next Topmodel" läuft bis zum Finale donnerstags bei ProSieben und auf Joyn. Neue Folgen von "Kitchen Impossible" gibt es sonntags um 20.15 Uhr bei Vox und bei RTL+.