Herr Koch, Hagai Levi überträgt Etty Hillesums Überlebenskämpfe im nationalsozialistisch besetzten Amsterdam auf die Gegenwart, wo Faschisten längst wieder mitregieren. Macht das die Serie von der historischen Fiktion zur Realitätsbeschreibung?
Sebastian Koch: Wenn ich mir Donald Trump, Geert Wilders, oder Victor Orbán in Ungarn, ansehe, sind das Blaupausen der Dreißigerjahre. Und weil der Rechtsruck mittlerweile fast überall spürbar ist, finde ich es bemerkenswert, dass Hagai Levi die Geschichte von damals auf heute überträgt. Wobei "Etty" in einer abstrakten Gegenwart ohne feste Jahreszahl spielt. Das macht sie zum Platzhalter dafür, dass sich Geschichte eben doch traumatisch wiederholt und wir offensichtlich immer wieder dieselben Fehler machen müssen.
Und, dass Diktaturen überall zu jeder Zeit auf ähnliche Art entstehen?
Das beste Beispiel ist Donald Trump, der langsam, aber stetig Grenze für Grenze überschreitet, statt mit einem Knall die Demokratie zu sprengen. Genau dieses Verhalten führte seinerzeit ja auch zur Appeasement-Politik des Abwartens, da ähnelt 2026 durchaus 1938.
Wird "Etty" damit automatisch zum Appell, den Anfängen zu wehren?
Zunächst mal wollten wir diese fantastische, emotional kraftvolle Geschichte einer beeindruckenden Frau erzählen. Ihr appellativer Charakter, uns zur faschistischen Bedrohung auch in Deutschland irgendwie verhalten zu müssen, wird darin quasi mitgeliefert. Er ist aber nicht die Intention der Serie. Sie soll keine Warnung in sechs Teilen sein, wirft aber die Frage auf, wo das Menschsein beginnt, und wo es aufhört. Weil Etty Hillersum der Welt den Gefallen getan hat, ihr Leben in Tagebüchern festzuhalten, gibt sie uns die Möglichkeit zu ermessen, wie man wohl selber in so einer Situation gehandelt hätte damals.
Wie hätten Sie denn gehandelt in einem totalitären System, das Wegducken ebenso belohnt wie Mitmachen?
Oh, das ist schwer zu sagen. Aber wirklich aktiv dabei zu sein wie die Judenräte, in die Etty sich hätte retten können, dafür aber andere Juden verraten hätte müssen – ich hoffe sehr, so etwas nicht getan zu haben.
Das hoffen wir vermutlich alle. Aber was würde Ihrem Mindset am Ehesten entsprechen: Mitläufer, Widerstandskämpfer, Emigrant?
Natürlich sähe sich jeder selbst am liebsten als Held. Ich habe im Laufe des Lebens ein paarmal eingegriffen, wenn andere hilflose Menschen bedroht waren, bei Schlägereien zum Beispiel oder verbalen Bedrohungen. Aber sicherlich habe ich auch immer wieder weggesehen. Das ist zu abhängig von Situation und Intuition, um es zu verallgemeinern. Deshalb ist es schwer jemanden dafür zu verurteilen, wenn er passiv geblieben ist. An Revolutionen muss man schon glauben, bevor sie beginnen.
Woran glaubt denn Ihre Figur des Psychologen Julius Spier, der die Hauptfigur Etty im aufkommenden Faschismus therapiert?
An die Wahrheit. Das merkt man in der Szene, als er einem Gestapo-Mann aus der Hand liest und ihm schonungslos sagt, was dort steht, obwohl er dafür umgebracht werden könnte – das ist so ein unerschütterlicher Glaube ins eigene Handeln; beim Gedanken daran kriege ich jetzt noch Gänsehaut. Gleichzeitig geht ihm die Kraft aus, je physischer die Bedrohung in Amsterdam wird. Was aber auch damit zu tun hat, dass er als Psychologe anderen hilft, ins Handeln zu kommen. Der Mann hatte durch jahrelanges Praktizieren sein Ego unter bewundernswerter Kontrolle.
Und das mit der fast schon sprichwörtlichen Ruhe, die viele Ihrer Rollen prägt.
Wobei das Spannendste an jeder ruhigen Rolle doch das Brodeln unter der Oberfläche ist.
Mit Julius Spier füllen Sie ihr deutsches Diktaturen-Portfolio auf. Sie haben von Rudolf Höß und Albert Speer über Graf Stauffenberg oder Georg Dreymann bis zum DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel alle Facetten politischer Extreme gespielt…
Andreas Baader nicht zu vergessen.
Stellen Sie lieber Macht oder Ohnmacht dar?
Das klänge so, als würde ich meine Rollen danach aussuchen. Auf ihre Art waren meine Figuren zwar allesamt interessant, aber schon häufiger total narzisstisch besetzte Machtmenschen. Die sind schon spannend zu spielen. Wonach ich wirklich immer suche, sind aber eher Traumata – sei es bei denen, die sie auslösen, oder denen, die darunter leiden. Das Verständnis solcher Verletzungen ist der Schlüssel, um den erwähnten Kreislauf der Geschichte zu unterbrechen. Danach strebe ich auch als Schauspieler.
Allerdings zusehends seltener. Sie drehen gerade kaum mehr als ein Projekt pro Jahr.
Na ja, ich bin jetzt 64 und muss wirklich nicht mehr andauernd in der Welt rumreisen. Es gab eine Zeit Anfang der 2000er, da habe ich extrem viel hintereinanderweg gemacht. So gefragt gewesen zu sein, empfinde ich im Nachhinein auch als Kompliment, aber es muss nicht mehr sein. Und damals hatte ich auch stark das Bedürfnis, von mir als Mensch zu abstrahieren; die meisten meiner Rollen waren kostümiert, also weit weg von mir. Julius Spier ist dagegen näher an mir dran. Viele seiner Sätze und die Methoden, an die er glaubt, sind mir sehr bekannt. Und trotzdem, oder gerade deswegen war das eine große Herausforderung.
Wie groß war denn die Herausforderung, das physische Wirken dieses Psychiaters wirklich zu durchdringen, statt nur zu verkörpern?
Groß, aber toll. Seine sehr physische, fast erotische Art zu therapieren, wäre unter heutigen Maßstäben nicht mehr möglich.
Und zwar zu Recht!
Dennoch glaube ich felsenfest daran, dass sich viele unserer Neurosen im Körper manifestieren. Gesprächstherapie führen da bei allem Respekt nicht immer zum Kern. Ich habe selber mehrere hinter mir, und erst als es physisch wurde, hat sich wirklich etwas verändert. Deshalb war mir Julius Spier, dessen Methode des Handlesens und Wrestlings ungeheuer physisch, ja geradezu intim ist, so nahe. Die Grenze zwischen Übergriffigkeit und Hilfsbereitschaft mit einer Frau, die seine Tochter sein könnte, war schauspielerisch interessant und anspruchsvoll.
"Etty" ist ab sofort online verfügbar. Arte zeigt die Serie am 21. und 28. Mai auch im linearen Programm.
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