Am Montagnachmittag hatten wir mehr Zeit: Anders als beim DWDL-Interview zur Neuordnung der Spartensender von ARD & ZDF vor einigen Wochen waren es in Berlin auf Stage 4 der re:publica 60 Minuten für das gewählte Thema „ARD & ZDF zwischen Auftrag, Akzeptanz und Algorithmen“. Es wurde kein Gespräch über Quoten & Sendeplätze, Marken oder Personalien. Es ging ums große Ganze, die Frage nach digitaler Öffentlichkeit. Wer sie prägt und wie sie nach demokratischen Prinzipien gesichert werden kann. „Wie sieht das Betriebssystem dafür aus?“ stellte der HR-Intendant und ARD-Vorsitzende Florian Hager als Frage in den Raum. Schnell wurde deutlich: Beide öffentlich-rechtlichen Häuser sehen sich längst nicht mehr primär als klassische Fernsehsender. Vielmehr begreifen sie sich als Teil einer digitalen Infrastruktur für Öffentlichkeit und demokratischen Diskurs.
Dazu gehört aber auch eine unbequeme Bestandsaufnahme. Überraschend offen und ehrlich formulierte Hager den Machtverlust klassischer Medienhäuser: „Wir müssen anerkennen, dass wir die Hoheit der Definition, wie Mediennutzung funktioniert, verloren haben. Netflix hat definiert, wie Streaming funktioniert – nicht wir. Wir haben definiert wie Radio funktioniert, wir haben definiert wie Fernsehen funktioniert. Wir haben definiert, wann du einschalten musst, um die ‚Tagesschau‘ zu sehen.“ Aber, so Hager, im Streaming habe man inzwischen aufgeholt. Und doch: Jahrzehntelang bestimmten ARD und ZDF, wann Nachrichten beginnen, wie ein Abendprogramm aufgebaut ist oder Inhalte verteilt werden. Heute starten Mediennutzung und öffentliche Debatten häufig auf Plattformen ausländischer Konzerne.
Besonders intensiv diskutierten Hager und Himmler die Rolle globaler Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube bei der Herstellung unserer digitalen Öffentlichkeit. Hager und Himmler sehen diese Plattformen durchaus kritisch – gleichzeitig halten sie eine Präsenz dort für unverzichtbar. Eine Haltung, wie sie schon so oft auf Bühnen beschworen wurde. Aber wie passt das zusammen? „Wenn junge Leute zwischen 12 und Mitte 20 nur bei TikTok unterwegs sind und dort keine öffentlich-rechtlichen Inhalte stattfinden würden, dann würden die mit uns nicht in Berührung kommen“, so Norbert Himmler. Er nannte es eine „demokratietheoretische“ Herausforderung. Es ist ein Dilemma: Einerseits kritisieren Beide die Mechanismen sozialer Plattformen, andererseits sind sie auf diese Plattformen angewiesen, um noch junge Zielgruppen zu erreichen.
Hager formulierte es ähnlich: „Unser Auftrag ist nicht zu sagen: Ihr gehört nicht dazu.“ Deshalb müsse man auch dort präsent sein, wo Meinungsbildung stattfinde, selbst wenn diese Räume problematisch seien. Man arbeitet gemeinsam aber auch schon länger an einem „Public Open Space“ - einer öffentlich-rechtlichen Plattformlogik als Gegengewicht zu kommerziellen Tech-Angeboten. ARD & ZDF wollen damit keineswegs ein eigenes Social Network etablieren, viel mehr geht es um Tools, etwa zur Abstimmung und Diskussion auf den eigenen Websites, mit denen der Diskurs im Netz vom Schwarz/Weiß-Denken wegkommen soll. Etwa drei Millionen Menschen hätten sich bei ARD & ZDF dafür registriert.
Damit grenzen sich beide Häuser ausdrücklich von der Funktionsweise kommerzieller Plattformen ab. Es gehe nicht darum, einfach mehr von dem anzubieten, was der User schon mag. ZDF-Intendant Norbert Himmler betont mehrfach, die Algorithmen von ARD und ZDF seien transparent und nicht auf maximale Zuspitzung optimiert. „Algorithmen können helfen“, erklärte er. „Man muss sie nur transparent anwenden.“ Während Plattformen Aufmerksamkeit fast immer über Polarisierung erzeugten, verstehen sich ARD und ZDF als Gegenmodell. ARD-Mann Hager sprach von der Aufgabe, „Räume zu schaffen, in denen Menschen wieder miteinander ins Gespräch kommen“ und nannte als Beispiel das aktuelle Diskurs-Projekt „Was Deutschland verbindet“.
"Wir sind problembewusst, aber wirklich unverdrossen"
Norbert Himmler, Intendant des ZDF
Die Zuspitzung der Debatten im Netz bekommen auch ARD & ZDF selbst zu spüren. Florian Hager mahnt, dass dort häufig einzelne Zuspitzungen das gesamte Bild öffentlich-rechtlicher Angebote prägen würden. „Wir müssen nicht in jeder einzelnen Sendung ausgewogen sein, sondern im Gesamtsystem“, sagte er. Genau diese Gesamtsicht gehe auf Plattformen aber häufig verloren. Wenn Qualitätsjournalismus in digitalen Plattformen nicht mehr sichtbar sei, entstehe ein Problem für demokratische Öffentlichkeit insgesamt. Himmler holte dabei auch private Medienhäuser ins Boot - mit ihnen stehe man gemeinsam vor dieser Herausforderung, wenn es um Big Tech gehe.
ARD & ZDF sehen sich darüber hinaus unter politischem Druck von rechts außen. Die AfD sympathisiert mindestens in Sachsen-Anhalt mit dem Gedanken, nach einem Wahlerfolg den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. Dies komme einer Kampagne zum Rechtsbruch gleich, erklärt der ARD-Vorsitzende und HR-Intendant Florian Hager. Er verweist darauf, dass die Menschen vor Ort angesichts der Einschaltquoten öffentlich-rechtlicher Angebote offenbar den Wert von ARD & ZDF erkennen. „Also wir sind problembewusst, aber wirklich unverdrossen. Wir werden auch für Sachsen-Anhalt und alle Bewohnerinnen und Bewohner auch nach den Landtagswahlen weiter Programm machen“, so Norbert Himmler. „Wir werden Informationssendungen aus Sachsen Anhalt machen; Dokumentation und Fernsehfilme dort produzieren und nicht umsonst kommt ‚Wetten, dass..?‘ im Dezember aus Halle an der Saale“.
Mit einer klaren Positionierung zum Umgang mit der Extremisten aus der AfD holte sich Florian Hager den lautesten Applaus des Nachmittags ab. Angesprochen auf die jüngsten Gedanken des „Zeit“-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo zum medialen Umgang mit der AfD und der Frage, ob Medienhäuser ihre Abgrenzungsstrategie überdenken müssten, definiert der ARD-Vorsitzende und HR-Intendant seine Haltung dazu sehr deutlich: „„Die Öffentlich-Rechtlichen tun nicht einfach, was sie wollen. Wir haben einen klaren Auftrag. Und in diesem Auftrag steht klar drin, dass wir demokratiefördernd zu agieren haben; dass wir Demokratie erklären sollen; dass wir zur Meinungsbildung beitragen müssen und zum Zusammenhalten der Gesellschaft.“
"Wir müssen Gegnern des demokratischen Systems nicht die gleiche Bühne bauen“
Florian Hager, HR-Intendant und ARD-Vorsitzender
„Also können wir gar nicht zur Revolution oder ähnlichem aufrufen“, so Hager weiter. Und dann die Positionsbestimmung, die für den Applaus sorgt: „Wenn sich jemand außerhalb des demokratischen Systems sieht, dann sind wir Systemmedien - wir sind Medien des demokratischen Systems, das ist unser Auftrag und dazu stehen wir auch. Also bin ich der Meinung, dass wir Gegnern des demokratischen Systems nicht die gleiche Bühne bauen müssen.“ Gleichzeitig betonten beide Intendanten, dass es selbstverständlich Aufgabe von ARD und ZDF sei, gesellschaftliche Probleme ernst zu nehmen und unterschiedliche Lebensrealitäten abzubilden. Auf Nachfrage aus dem Publikum verneint Hager eine "Brandmauer" zur AfD. Es gehe ihm aber darum, zuerst die Themen behandeln, die die Menschen bewegen, nicht die Partei.
„Wir beschäftigen uns jeden Tag damit, ob wir ausreichend ländliche Räume abbilden oder bestimmte soziale Gruppen ausreichend vorkommen“, so ZDF-Intendant Himmler. Auf die Debatte über den teuren öffentlich-rechtlichen Rundfunk will er sich nicht einlassen. Ja, das ZDF wie auch die ARD würden natürlich sparen. Aber er argumentierte: „Das gesamte ZDF-Angebot kostet die Menschen am Tag 15 Cent.“ Dafür bekomme man ein komplettes publizistisches Angebot aus Information, Kultur, Unterhaltung und Dokumentation. „Jetzt gehen sie mal mit 15 Cent an den Kiosk und versuchen ein wie auch immer geartetes publizistisches Angebot dafür zu bekommen.“
Am Ende kreiste die Diskussion erneut um die Grundfrage: Wie schafft man Vertrauen in einer fragmentierten digitalen Öffentlichkeit? Aus dem Publikum kam die Frage einer Zuschauerin, wie sie ihrer Tochter eigentlich den Unterschied zwischen Medien und sozialen Medien erklären solle. Diese Unterscheidung werde zunehmend schwieriger. Für ZDF-Intendant Himmler ist deshalb Medienkompetenz eine der zentralen Zukunftsaufgaben. „Wir müssen den Menschen wieder helfen, Qualitätsjournalismus zu erkennen“, sagte er. Öffentlich-rechtliche Medien müssten stärker erklären, wie Journalismus funktioniere und warum bestimmte Informationen relevant seien.
Irgendwie war das auch der Kern der Diskussion: ARD & ZDF sehen sich längst nicht mehr als Sender bzw. Rundfunk - sondern als Institutionen, die Orientierung schaffen wollen – in einer digitalen Öffentlichkeit, die zunehmend unübersichtlich geworden ist. Und so verteidigen beide Häuser ihre Rolle inzwischen nicht mehr primär mit Reichweiten, sondern mit dem Erhalt der Demokratie und der dafür nötigen Räume. Dass sie dies betonen wollen, ist begrüßenswert. Dass sie dies betonen müssen, besorgniserregend.
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