Als Zattoo 2006, kein Jahr nach der Unternehmensgründung in der Schweiz, erstmals ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft via Internet streamte - war das wohlgemerkt in einer Zeit vor Netflix und Prime Video. Allerdings auch eben auch ziemlich genau zwei Jahrzehnte dem heutigen Streaming-Zeitalter voraus und damit nicht Standard im Wohnzimmer, das damals noch keine smarten Geräte kannte, sondern ein Experiment im Browser-Fenster auf dem Computer.
Heute ist Streaming längst Alltag - und Zattoo längst mehr als eine TV-App für Endkunden. 2012, unter Führung des damals angetretenen CEOs Nick Brambring, begann das B2B-Zeitalter im Unternehmen mit einer Entscheidung, die maßgeblich ist für die vier Säulen, auf die Zattoo unter der neuen CEO Tina Rodriguez in Zukunft setzen will: Technik und Marketing sind zwei unterschiedliche Disziplinen. Im B2C muss man sich auf die große Marketing-Schlacht einlassen wollen, im B2B-Segment wiederum kann man fortsetzen, was immer Antrieb war: Die technische Entwicklung.
„Zattoo ist heute relativ einmalig aufgestellt“, sagt Tina Rodriguez, die neue Interims-CEO des Streaming-Unternehmens im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de - und meint die vier Säulen des Geschäfts. Da wäre das klassische Endkundengeschäft unter eigener Marke in Deutschland, Österreich und der Schweiz, das White-Label-B2B-Geschäft für Netzbetreiber wie in u.a. in Deutschland 1&1, dazu modulare Plattform-Technologie sowie als vierte Säule AdTech-Lösungen. „Womit natürlich alles begonnen hat, ist unser Endkundengeschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz“, so Rodriguez. Zur Performance erklärt sie, ohne konkreter zu werden: „Das läuft erfreulich stabil.“
Vielversprechendes Wachstum soll aber gerade auch aus den drei anderen Bereichen kommen. „Wenn man anschaut, wie in Deutschland der Wettbewerb in Marketing investiert und mit Preiskampagnen arbeitet, dann kann man auch von außen betrachtet zu dem Schluss kommen, dass großes Wachstum in diesem Segment herausfordernd ist. Wir sehen daher für uns das größte Wachstumspotenzial einerseits im B2B-Bereich mit unseren modularen und End-To-End-Lösungen und andererseits beim Advertisment im Connected TV“, so Rodriguez, die seit 1. April das Unternehmen als Interims CEO führt. Sie folgte auf Roger Elsener, der zum Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) wechselte.
Tatsächlich hat sich der Streamingmarkt massiv verändert. Während Zattoo einst quasi synonym für lineares Fernsehen übers Internet war, dominieren heute aggressiv vermarktete Komplettpakete großer Telekommunikationsanbieter und Plattformen den Markt. Gleichzeitig wird das für User immer müheloser konsumierbare Fernsehen technisch immer komplexer: Mediatheken, FAST-Channels, Streamingdienste und klassische lineare Sender speisen sich aus unterschiedlichen Quellen, sollen möglichst nahtlos nutzbar sein. Genau darin liegen große Chancen, so Zattoo-CEO Tina Rodriguez, die mit der Branche durch ihre Stationen bei Liberty Global, Sunrise, UPC Schweiz und Unitymedia bestens vertraut ist.
Schon seit Jahren betreibt das Unternehmen neben dem eigenen Endkundengeschäft White-Label-Plattformen für Partner. „Wir haben aktuell in zehn Ländern Europas mehr als 30 Kunden. Tendenz wachsend“, so Rodriguez. Hinzu kommt eine neue Modularisierung des Angebots. Durch die Übernahme des Unternehmens Green Streams im vergangenen Jahr kann Zattoo inzwischen neben kompletten White-Label-TV-Plattformen auch einzelne Komponenten separat vermarkten, etwa „Headend-as-a-Service“-Lösungen oder die zentrale Orchestrierung verschiedener Inhalte, Quellen und Services.
Zur ANGA COM hat Rodriguez im Gespräch mit DWDL.de auch einen neuen Deal im Gepäck: Joyn Schweiz setzt auf eine Modullösung von Zattoo, die dabei hilft die Live-TV-Signalverarbeitung für 75 lineare TV-Kanäle zu skalieren und dabei die Videoqualität zu erhalten. „Es zeigt wie Broadcaster und TV-Plattformanbieter kritische Infrastruktur-Komponenten modernisieren können, ohne ihre bestehenden Plattform-Umgebungen zu verändern“, so Rodriguez. Wie auch einige Wettbewerber positioniert man sich als Dienstleister, der die Komplexität des Streamings für andere lösen will.
Auch für kleinere und mittlere Netzbetreiber, die weder die Ressourcen noch die Skaleneffekte haben, um selbst moderne TV-Plattformen zu entwickeln. Genau dort wolle auch Zattoo ansetzen, so Rodriguez: „Unsere Kunden können sich darauf verlassen, dass wir die Plattform für sie managen.“ Aber wie viele Menschen nutzen nun Zattoo bzw. Zattoo-Services? Zahlen im Streaminggeschäft, das ist auch hier Geheimsache. Nur so viel will die Zattoo-Chefin verraten: „In den vergangenen zwölf Monaten wurden über alle Plattformen hinweg mehr als 1,26 Milliarden Stunden gestreamt.“
Ein Volumen bei dem Zattoo zwei Opportunitäten sieht: Sich einerseits als relevanter Player für Innovationen bzw. neue Angebote im Bereich AdTech zu positionieren. Andererseits wird die Content Discovery des Publikums zur immer größeren Herausforderung - und eine Antwort darauf so wertvoll wie das Bernsteinzimmer. „Je mehr Angebot da ist, umso länger dauert es, bis man sich entschieden hat, was man schauen möchte“, sorgt sich Rodriguez. Das könne zu Produktfrustration führen, daher gelte es hier Antworten zu finden.
Sicher könne hier KI helfen, aber es geht nicht nur um bessere Suchfunktionen, sondern die grundsätzliche Frage, wie Inhalte über verschiedene Quellen und Formen hinweg auffindbar bleiben. So lassen sich über Zattoo seit vergangenem Jahr zum Beispiel auch die Mediatheken von ARD und ZDF ansteuern. Die Zattoo-Managerin: „Wir versuchen, möglichst viel Content anzubieten und diesen optimal sichtbar zu machen, damit der Kunde alles in einer Oberfläche findet, mit der er sich wohlfühlt.“
Ob nun für Partner oder unter eigener Flagge: Zattoo sieht sich für den Wandel des Fernsehens richtig aufgestellt. So als erwarte man, endlich die Ernte einfahren zu können. TV-as-a-service oder anders gesagt: TV via App, das war noch vor wenigen Jahren eher exotisch im Vergleich zu Kabel, Satellit und DVB-T. Nicht schlagartig, eher schleichend, hat sich das in den vergangenen Jahren verändert. Laut dem neuen Streaming-Report von Zattoo sei Fernsehen über Internet erstmals der meistgenutzte TV-Empfangsweg.
„IPTV und OTT zusammengenommen liegen erstmals bei 54 Prozent“, sagt Tina Rodriguez und spricht gegenüber DWDL.de von einem „echten Kipppunkt“. Also: TV goes App? Einen allzu schnellen Abgesang will sie nicht singen. Und im B2B-Geschäft unterstützt Zattoo weiterhin Hardware-Lösungen von Partnern. Im eigenen Endkundengeschäft aber sieht man die Zukunft klar in plattformübergreifenden Apps. „Einer der wesentlichen USPs von OTT ist die Verfügbarkeit auf allen Geräten“, sagt Rodriguez. Die am meisten genutzte Plattform laut Rodriguez sei Android.
Das wirft die Grundsatzfrage auf, die es auf der ANGA COM zu debattieren gilt: Die Frage nach dem Gatekeeper, insbesondere auf dem Big Screen. Eine durchaus vertraute Frage, die es erneut neu zu beantworten gilt.
von



