Seit mehr als einem halben Jahr führt Marco Giordani nun schon als CEO die Geschäfte von ProSiebenSat.1. Der Manager kam im Herbst 2025 von Media for Europe (MFE), dem neuen Mehrheitsaktionär der deutschen Sendergruppe. In seinem ersten großen Interview nach dem Amtsantritt hat Giordani nun gegenüber dem "Handelsblatt" (€) aufgezeigt, wohin das Unternehmen steuert - wobei große Überraschungen oder Ankündigungen ausblieben. 

Interessant sind in jedem Fall die Aussagen des ProSiebenSat.1-CEO zur Konsolidierungswelle und speziell der Übernahme von Sky Deutschland durch RTL. Hierzu wollte man sich in Unterföhring zuletzt gar nicht mehr äußern. "Ich beglückwünsche die Kollegen zum Abschluss des Deals", sagt Giordani jetzt. ProSiebenSat.1 werde das aber wenig betreffen, weil sich RTL und Sky zunehmend auf Abomodelle fokussieren würden. 

"Wir haben zwar auch ein Abogeschäft, aber wir konzentrieren uns stärker auf den Ausbau unserer eigenen Reichweite und die zusätzliche Verbreitung unserer Inhalte auf Plattformen wie Youtube oder Tiktok. Künftig werden wir also weniger konkurrieren, als es in der Vergangenheit der Fall war", so Giordani, der auch nochmal den eingeschlagenen Weg von ProSiebenSat.1 in Erinnerung ruft: Mehr Entertainment und weniger Beteiligungen, die mit diesem Kerngeschäft nichts zu tun haben. 

Auf die Frage nach möglichen Übernahmekandidaten, die für ProSiebenSat.1 interessant sein könnten, antwortet Giordani: "Im deutschsprachigen Raum sind wir stark genug aufgestellt, wir brauchen hier kein weiteres Unternehmen. Die Synergien zwischen zwei Playern im gleichen Markt sind aus meiner Sicht nicht groß genug." Im MFE-Kontext seien jedoch andere europäische Player "interessant", Giordani nennt hier Frankreich als Beispiel, weil MFE hier noch nicht aktiv sei. Wie praktisch, dass die RTL Group ihre M6 Group schon mehrfach verkaufen wollte, das ist bislang aber nicht gelungen. M6 "könnte interessant sein", sagt Giordani, verweist aber auf die Zuständigkeit, die im Falle eines solchen Deals bei MFE liegen würde - und nicht bei ihm. 

Während Giordani erneut erklärt, bei ProSiebenSat.1 keinen Stellenabbau zu planen, will er, dass das Unternehmen effizienter wird. 130 Millionen Euro an Kosten will man 2026 alleine im Entertainment-Bereich einsparen. Ansonsten steht bei ProSiebenSat.1 alles zum Verkauf, das ist schon länger bekannt. Bei dem Online-Beauty-Händler Flaconi macht Giordani jetzt aber eine kleine Ausnahme. Diese Beteiligung laufe sehr gut und man erwarte weiteres Wachstum. "Daher haben wir keine Eile, Flaconi zu verkaufen, auch wenn es nicht zum Kerngeschäft gehört". 

Und dann hat sich der ProSiebenSat.1-Chef im "Handelsblatt"-Interview auch zum Streamingdienst Joyn geäußert. Die Joyn-Euphorie in Unterföhring ist seit dem Antritt des neuen Vorstands ohnehin schon etwas abgeflacht. Giordani sagt jetzt, dass Joyn zwar wichtig sei, aber "kein alleinstehendes Geschäftsmodell". Joyn sei "eine von vielen Distributionsplattformen, die wir für unsere Inhalte nutzen". Giordani: "Der Dienst soll wachsen, weil dort starke Inhalte laufen – aber nicht, weil wir Joyn in Konkurrenz zu Netflix und Amazon Prime aufbauen wollen. Das wäre finanziell nicht zu stemmen." 

Auf die Frage, ob Joyn profitabel werden müsse, sagt Giordani weiter: "Der Gewinn und Verlust von Joyn ist für unser Unternehmen nicht entscheidend. Wir investieren hier in Distributionskosten." Bei der RTL Group ist der Streaming-Bereich auf einem guten Weg, 2026 erstmals schwarze Zahlen zu schreiben (DWDL.de berichtete).