Ausgerechnet zur 100. Ausgabe der Satiresendung "Die Anstalt" hat das ZDF eine Diskussion über einen Eingriff in die redaktionelle Unabhängigkeit der Sendung heraufbeschworen. Hintergrund ist eine sehr kurzfristige Ausladung von Danger Dan und Igor Levit, die in der Sendung eigentlich mit ihrem neuen Song "Keine Angst" auftreten sollten. Die beiden waren schon angereist, als offenbar von höchster Stelle im ZDF ein Veto eingelegt worden war, obwohl dem ZDF der Song schon seit Wochen vorgelegt haben soll und bis dahin keine Einwände erhoben worden waren.
Das ZDF erklärt zu den Gründen, dass man "nach intensiver redaktioneller Bewertung, in die auch das Justitiariat des ZDF eingebunden" gewesen sei, zu dem Schluss gekommen sei, dass "der Text des Liedes als Anleitung zum politischen Extremismus verstanden werden kann, der Selbstjustiz propagiert und rechtswidrige Taten und Gewalt nicht ausschließt." Es geht dabei beispielsweise um das Ende der letzten Strophe, in der vier Vornamen mit lieben Grüßen bedacht werden, die "identisch mit Vornamen einschlägig bekannter, zum Teil schon rechtskräftig verurteilter Linksextremisten" seien. Ein Aufruf zu Gewalt stehe aber im Widerspruch zu den Programmrichtlinien.
Das ZDF kündigte schon in einer ersten Reaktion an, sich dem Lied an anderer Stelle "dokumentarisch-journalistisch" widmen zu wollen. Nun steht auch fest, wie das aussehen soll: Für den morgigen Samstag hat man eine Sonderausgabe von "Aspekte" anberaumt, die im ZDF um 23:35 Uhr zu sehen sein soll und vorab bereits ab 17 Uhr zum Streaming bereitsteht. Die mit einer 15-minütigen Laufzeit angekündigte Sendung steht unter dem Titel "Was darf man heute noch singen? 'Keine Angst' und die Anstalt" und wird von Jo Schück moderiert, der dazu laut Sendungbeschreibung mit einer Reihe von Expertinnen und Experten spricht.
Neben der Befassung mit dem Song und dessen "gründlicher journalistischen Einordnung", soll darin auch das Team der "Anstalt" zu Wort kommen und sich kritisch mit der Ausladung auseinander setzen dürfen. In einer ersten Stellungnahme warfen sie der ZDF-Führung um Norbert Himmler bereits fehlenden Mut vor. Thema ist die Ausladung auch in der 100. Ausgabe der "Anstalt", in der Danger Dan und Igor Levit eigentlich zu Gast sein sollten und die sich ganz generell mit der Wehrhaftigkeit der Demokratie angesichts politischer Radikalisierung beschäftigt. Die lineare Ausstrahlung ist weiterhin für den gewohnten Sendeplatz am kommenden Dienstag vorgesehen, vorab wird sie ausnahmsweise aber auch bereits am morgigen Samstag veröffentlicht.
In einer Meldung in eigener Sache verteidigte das ZDF die Entscheidung, die beiden nicht auftreten zu lassen, räumte aber ein, den "Unmut über die Kurzfristigkeit unserer Absage" nachvollziehen zu können. Ein Gesprächsangebot an Danger Dan zur Erläuterung der Entscheidung sei zunächst unbeantwortet geblieben. Danger Dan und Igor Levit hatten in ihrem Instagram-Posting unter anderem bemängelt, dass es keine schriftliche und offizielle Begründung für ihre Ausladung gegeben habe.
Scharfe Kritik am ZDF kommt unterdessen unter anderem auch von DJV und ver.di. Der DJV-Bundesvorsitzende Mika Beuster sagte: "Ob das Lied ausgestrahlt werden sollte oder nicht, entscheidet die Redaktion und niemand sonst. Ein Durchregieren des Intendanten in redaktionelle Belange verstößt gegen die innere Pressefreiheit." Ver.di hält die Intervention von Norbert Himmler für eine "gravierende Fehlentscheidung". "Der Intendant muss die Entscheidungen von Redaktionen sowie die Kunst- und Rundfunkfreiheit schützen. Mit diesem Eingriff aus Angst vor möglicher Kritik an einer Satire-Sendung, deren Inhalte sorgfältig vorbreitet und geprüft worden sind, fällt Himmler seiner Redaktion und den beiden Künstlern in den Rücken. Dies stellt einen schwer zu heilenden Vertrauensverlust der ZDF-Kolleginnen und -Kollegen in die Medienfreiheit und die Unterstützung durch ihren Intendanten dar", kritisiert Christoph Schmitz-Dethlefsen für Medien und Kultur zuständiges ver.di-Bundesvorstandsmitglied.
Sicher ist in jedem Fall schon jetzt: Eine wirkungsvollere Promo hätte es für "Keine Angst" gar nicht geben können.
Mehr zum Thema
von




