Lutz Marmor © NDR/David Paprocki
DWDL.de-Interview mit dem ARD-Vorsitzenden

Marmor: "Wir sollten uns erzählerisch mehr trauen"

 

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Damit sind wir beim Thema Transparenz. Wie ist es denn mit Ihrer eigenen als öffentlich-rechtliche Anstalt bestellt? Noch etwas Nachholbedarf, oder?

Das ist in der Tat ein wichtiges Thema für uns. Wir haben nichts zu verbergen und sind schon heute ein vielfach geprüftes und beaufsichtigtes Unternehmen. Wir legen ausführlich Rechenschaft ab über unsere Kosten, unsere Einnahmen, unsere Produktions- und Beschaffungsprozesse – und zwar gegenüber den gewählten Vertretern der Gesellschaft in unseren Aufsichtsgremien. Können wir da trotzdem noch mehr tun? Natürlich! Vieles von dem, was wir veröffentlichen, ist nur verständlich, wenn man Bilanzen lesen kann oder gewisse Fachkenntnisse mitbringt. Wir werden künftig noch mehr Informationen für die breite Öffentlichkeit in allgemein verständlicher Form aufbereiten und zur Verfügung stellen. Das sind wir den Beitragszahlern schuldig.

An was für Informationen denken Sie da?


Zum Beispiel würde ich gern veröffentlichen und erläutern, was eine Sendeminute „Tagesschau“, „Tatort“ oder „Klein gegen Groß“ kostet. Ich meine damit nicht nur die nackte Zahl, sondern auch die Aufschlüsselung, welche vielfältigen Leistungen dort jeweils einfließen. Nehmen Sie etwa ein ARD-Auslandsstudio, das einen Beitrag für die „Tagesschau“ liefert. Dessen Kostenstruktur kann mitunter sehr komplex sein, weil dasselbe Thema in anderer Form auch noch für den „Weltspiegel“ oder für „NDR aktuell“ aufbereitet wird. So könnten wir für jedes Genre Kosten-Transparenz schaffen. Das macht allerdings nur Sinn, wenn wir uns vorher innerhalb der ARD darüber verständigen, da viele Sendungen ja gemeinschaftlich finanziert werden.



Wie sieht es mit Gehältern und Gagen aus?


Auch da möchte ich mit unseren Gremien die Voraussetzungen dafür schaffen, dass wir künftig mehr publik machen als bisher. Über das Intendantengehalt hinaus, das bereits öffentlich ist, könnten wir dann die Gehälter der Direktoren offen legen. Und warum sollten wir nicht auch veröffentlichen, was ein Redakteur, eine Cutterin oder ein Assistent im NDR verdient? Wo ich aber weiter eine notwendige Grenze der Publizität sehe, ist im wettbewerbsrelevanten Bereich von Schauspieler- und Moderatorengagen. Hier muss es unser Interesse sein, das Preisgefüge nicht in die Höhe zu treiben. Mit öffentlichen Zahlen würden wir aber ein System begünstigen, bei dem man den Wettbewerber immer ein bisschen überbieten könnte. Stattdessen wäre unter Umständen die Angabe von Durchschnittsgagen denkbar.

Der WDR hat Anfang Juli erstmals seinen Produzentenbericht öffentlich gemacht. Haben Sie das mit Ihrem, der alle zwei Jahre an den Verwaltungsrat geht, auch vor?


Ja, das fände ich sinnvoll. Ich werde mit dem Verwaltungsrat darüber sprechen und mich für einen entsprechenden Beschluss einsetzen. Auch hier haben wir nichts zu verbergen. Im Gegenteil: Eine Veröffentlichung wäre wohl das beste Mittel gegen das ebenso falsche wie hartnäckige Vorurteil, wir würden unsere eigenen Produktionstöchter bei der Auftragsvergabe bevorzugen. Umgekehrt beklagen sich Töchter gern, dass sie es sogar schwerer hätten. Die müssen sich in Wahrheit genauso beweisen wie alle anderen Anbieter auch.

Zumindest Ihre Tochter Studio Hamburg hat es tatsächlich schwer, weil sie zu viele leer stehende Studios und unrentable Technik am Hals hat. Im Unternehmensbereich Atelier & Technik sollen 2012 fast 15 Millionen Euro Verlust angefallen sein.


Dieses Geschäft verläuft in Zyklen, und es ist kurzfristig nicht immer ganz einfach, seine Strukturen und Kapazitäten darauf einzustellen. Ich bin aber zuversichtlich, dass das Management von Studio Hamburg die richtigen Schritte unternimmt, um Überkapazitäten abzubauen und das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Grund zur Unzufriedenheit besteht nur im Bereich Atelier & Technik, dafür läuft das Geschäft im Bereich Produktion & Distribution umso erfreulicher.

Bislang haben wir überwiegend über den NDR gesprochen. Bis Ende 2014 müssen Sie sich aber zusätzlich noch als ARD-Vorsitzender um viele Probleme außerhalb von Hamburg kümmern...


Ich muss nicht – ich darf! Auch wenn ich nach sieben Monaten ARD-Vorsitz mit dieser Anmerkung immer noch auf Erstaunen treffe: Mir macht die Aufgabe überwiegend Spaß und ich empfinde sie als Ehre. Übrigens haben wir in der ARD weitaus mehr Chancen als Probleme. Wer sonst in Deutschland kann eine solche Vielfalt an hochwertigen, kreativen Programminhalten und journalistischer Stärke aufbieten? Das ist ein großer Schatz, der nur dadurch entsteht, dass neun Landesrundfunkanstalten eine Arbeitsgemeinschaft bilden – und der alle Mühen der Koordination und Abstimmung wert ist.

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