Etienne Gardé & Arno Heinisch © Rocket Beans TV
Etienne Gardé & Arno Heinisch im DWDL.de-Interview

"Rocket Beans TV ist ein langer Weg der letzten 15 Jahre"

 

Rocket Beans TV aus Hamburg ist ein 24/7-Internetsender für Gamer und Nerds – und ist sowohl live als auch on demand erfolgreich damit. Wie es in den ersten zwei Jahren gelaufen ist und was jetzt mit "Game Two" kommt, erzählen zwei der Gründer im Gespräch.

von Kevin Hennings
17.11.2016 - 10:45 Uhr

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Vor ziemlich genau zwei Jahren wurde euch von Viacom mitgeteilt, dass bei "Game One" die Produktionslichter ausgehen. Ich kann mir vorstellen, dass euch damals alles andere als zum Lächeln zumute war…

Arno Heinisch: Das war so: Im September 2014 haben wir erfahren, dass ab Oktober "Game One" nur noch 14-tägig ausgestrahlt wird. Kurz davor hatten wir uns noch um Erweiterungen des Formats bemüht. Wir hatten so viele Ideen, standen mit MTV Holland in Kontakt und wollten die Sendung auch auf Comedy Central noch größer aufziehen. Durch die Nachricht sind aber natürlich alle Alarmglocken bei uns angegangen. Seit "Game One"-Zeiten war Rocket Beans eine One-Project-Company und hatte keine anderen Stützräder. Schon vor der eigentlichen Absetzung haben wir deswegen zum Support aufgerufen – ohne, dass wir konkrete Pläne von einem Sender hatten. Wir haben einfach gesagt: "Hey, passt mal auf. Wir haben da unseren YouTube-Channel 'Rocket Beans TV', der bis zum heutigen Tage aus der Marge von "Game One" finanziert wird und die fällt jetzt weg. Wir wissen nicht, ob wir den Channel nächstes Jahr noch weiterführen können". Wir haben aber auch klar kommuniziert, dass wir den Supportern nichts versprechen können. Unser Aufruf war also nicht mit Crowdfunding vergleichbar, wo wir bei so und so viel Geld gesagt hätten, dass wir das und das machen. Wir wollten einfach erst mal fühlen, was zurückkommt – und das war überwältigend und ein rundum positives und emotionales Feedback. Erst als dann im Dezember die Entscheidung kam, dass Viacom den Stecker tatsächlich zieht, haben wir den Entschluss gefasst, den Sender zu starten. Es war alles sehr kurzfristig (lacht).

Etienne Gardé: Einen konkreten Plan in die Richtung haben wir tatsächlich nie gehabt. Jedoch trugen wir schon seit Giga-Zeiten diesen Wunsch in uns, irgendwann einen eigenen Nerd-Sender zu betreiben. Giga war im Prinzip ja schon ein Nerd-Sender. Da liefen jedoch viele Sachen falsch. Bei der Bezahlung angefangen bis hin zu dem Potenzial, das in unseren Augen einfach nicht ausgeschöpft wurde. Und das, obwohl viel mehr Geld im Umlauf war. Die Studios waren krasser, haufenweise Kameramänner, toller Sound – es war alles da, um richtig groß durchzustarten. Wir haben uns jedoch immer geärgert, dass da nicht mehr passiert, z. B. in Form von MAZen und Einspielern. Damals war es jedoch keine realistische Option, ein eigenes Giga auf die Beine zu stellen. Schließlich gab‘s noch kein YouTube oder Facebook – die Zeit war einfach noch nicht soweit. Damals war Fernsehen ein dermaßen abgeschlossener Bereich, dass du froh sein konntest, wenn du deinen Fuß überhaupt irgendwie in die Tür bekommen hast. Wenn man es geschafft hatte, gab es eben die Fernsehmacher und die haben dir vorgegeben, was zu tun ist. Eine Form von Selbstverwirklichung gab es damals einfach nicht. Erst im Lauf der Zeit von "Game One" und YouTube reifte der Gedanke, so etwas in die Wege zu leiten. Alte Wünsche kamen schlussendlich mit neuen Gegebenheiten zusammen.

Ist man im Nachhinein also komplett dankbar für diesen Schicksalsschlag?

Arno: "Dankbar" ist vielleicht das falsche Wort. Dennoch war es das Zünglein an der Waage, das dafür gesorgt hat, dass wir unseren Mut für diesen Sender in die Hände genommen haben. Wir standen dann nämlich vor der Entscheidung Hop oder Top. Neben einer Fernsehsendung, die wirklich eine Menge Ressourcen erfordert hat, gründest du nicht einfach mal so einen Internetsender. Wenn du aber auf einmal vor der Situation stehst, den Laden dicht machen und alle deine Mitarbeiter rausschmeißen zu müssen, weil du keinen aktuellen Auftrag am Start hast, erkennst du all das Potenzial, das du mit deinem Team in den letzten Jahren eigentlich für genau diesen Zeitpunkt gesammelt hast. Im Zusammenspiel mit dem überragenden Feedback der Community hat dann alles für den Senderstart gesprochen. Wir haben in den letzten zwei Jahren über 60 neue Mitarbeiter eingestellt und mittlerweile fünf Hunde im Büro (lacht). Dieser Schicksalsschlag war also kein schlechter. Freitag starten wir mit "Funk" eine Sendung, die in ihrer Wertigkeit hoffentlich an alte, von uns produzierte Sendungen erinnern und anknüpfen kann.

Das klingt ganz nach einem neuen "Game One".

Etienne: Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass wir ein Gaming-Format für "funk" machen. "Game One" war zu seiner Zeit auch ein bisschen 'lightning in a bottle', das man nicht einfach so reproduzieren kann, aber für das neue Projekt sind eine Menge Leute mit an Bord, die auch damals dabei waren. Es wird außerdem neue Gesichter geben die zum bekannten Ensemble dazustoßen. Der Name wird deshalb auch  "Game Two" lauten. Ein bisschen 'same same but different'. Neben Spiele-Reviews mit Comedy-Einschlag gibt es jetzt auch eine Live-Strecke in einem neuen Studio. Zunächst sind zwölf Folgen geplant, die ab dem 18. November jeweils freitags um 20:15 Uhr live bei uns laufen. 

Stehen in naher Zukunft noch andere Großprojekte an?

Arno: Ab Anfang nächsten Jahres bauen wir unsere eigene Production Unit auf. Wir haben uns in den letzten anderthalb Jahren einfach dermaßen vergrößert, dass es dafür an der Zeit ist. Ich glaube, dass wir damit durchaus kreative und kompetitive Formate produzieren und an den Mann bringen können, die es von uns in dieser Form bisher noch nicht zu sehen gab. Wenn wir damit im Januar starten, werden wir also nicht nur unser eigenes Programm bereichern, sondern auch auf Akquise für externe Auftragsproduktionen gehen – das betrifft Agenturen und logischerweise auch andere Sender.

Lasst uns über Zahlen reden: Wie sehen eure Finanzierungssäulen nach dem Wechsel von Twitch zu YouTube aus? 

Arno: Im Vergleich zum Senderstart hat sich einiges verschoben. Auf YouTube gibt es zwar ähnlich wie bei Twitch Subscriber, die VIPs, doch konkret hat sich für uns verändert, dass wir ab sofort unsere eigenen Vermarktungsrechte haben. Das heißt, dass wir die sogenannten Partner Sales Rights haben und selbst Kampagnen einbuchen können. Bei Twitch war dieser Bereich ausgelagert, die Werbung wurde durch einen externen Vermarkter von Twitch ausgewählt. Das ist bei YouTube natürlich großartig und darin sehen wir extrem viel Potenzial, da es endlich möglich ist, angepasste Werbung zu schalten. Damit wir da proaktiv losmarschieren können, bauen wir jetzt verstärkt unsere Sales-Abteilung weiter aus. Zusätzlich arbeiten wir immens daran, die Kontakte zu den ganzen Mediaagenturen auszubauen – das läuft bereits sehr gut an. 

Ganz konkret: Schreibt ihr schwarze Zahlen?

Arno: Wir schreiben seit Tag 1 schwarze Zahlen. Dass der Druck bei inzwischen rund 80 festangestellten Raketenbohnen kontinuierlich wächst, liegt allerdings auch auf der Hand.

Euer Konzept läuft also erfolgreich. Wo bleiben eurer Meinung nach die anderen Internet-TV-Sender, die euch nacheifern?

Etienne: Ich glaube, zum einen ist es nicht so einfach, unser Konzept zu kopieren. Dafür haben wir zu viele Persönlichkeiten, die unsere Community über die letzten Jahre kennengelernt hat – eben jene Community, die uns finanziell so sehr unterstützt hat, dass wir das alles gebacken bekommen haben. Wenn du so etwas ohne eine derart engagierte Fanbase auf die Beine stellen möchtest, musst du also massiv Geld aus der eigenen Tasche investieren und das hat nun mal nicht jeder. Es ist außerdem ein Unterschied, ob etwas über Jahre hinweg gewachsen ist, oder ob etwas von heute auf morgen aus dem Boden gestampft wird. Joiz ist da ein gutes Beispiel: Man hat eine Menge Geld in einen Sender gesteckt und wollte im Nachhinein eine Zuschauerschaft aufbauen. Dass das Konzept eines solchen Senders kein Selbstläufer ist, zeigt sich an der Einstellung von Joiz. Abseits von Joiz, die sowieso viel früher als wir gestartet sind, ist es heutzutage auch nicht einfach, eine gute Idee zu kopieren. Auf Facebook folgte beispielsweise Google+ und wir alle wissen, wie sehr diese Plattform genutzt wird.

Arno: Alles, was wir in den letzten 15 Jahren gemacht haben, sind rückblickend betrachtet einzelne Puzzleteile gewesen, die diesen Sender ermöglicht, aber auch von Anfang an zum Funktionieren gebracht haben: Die Jungs haben tausende von Stunden live bei Giga moderiert, mit "Game One" haben wir acht Jahre lang eigenes Fernsehen voller Herzblut, Wahnsinn und Leidenschaft gemacht, auf YouTube diverse Formate getestet und am Ende all die Zuschauer mitnehmen können. 

Etienne: Genauso ist es. "Rocket Beans TV" ist keine Erfolgsgeschichte der letzten zwei Jahre, sondern ein langer Weg der letzten 15. Als Anfang 20-Jähriger habe ich bei Giga angefangen, so wie viele andere. Viele Kollegen sind irgendwann abgesprungen, da ihnen das alles zu heikel wurde. Die haben dann gesagt, dass sie doch lieber den sicheren Weg gehen möchten und das Zahnmedizinstudium nachholen werden oder sich bei einem Casting für irgendeine Sendung anmelden. Budi, Nils, Simon und ich sind einen anderen Weg gegangen. Und der war nicht immer toll, teilweise standen wir vor den größten Existenzängsten. Diese Credibility gepaart mit Arnos 20 Jahren Produktionserfahrung hat dann dafür gesorgt, dass unser Sender so authentisch starten konnte.

Mittlerweile seid ihr aber mehr als nur ein 24/7-Sender. Eure Marke ist auch Teil von RTLII You, funk und diversen anderen Kooperationen. Wird euch da jegliche redaktionelle Freiheit seitens eurer Partner gelassen?

Arno: Absolut. Es ist eine unserer Grundbedingungen, dass uns da nicht komplett reingequatscht wird. Das ist alleine deswegen schon wichtig, damit wir die Authentizität unserer Marke wahren können und das Bohnen-Team bleiben, das unsere Community zu lieben gelernt hat. Die Gespräche mit den Verantwortlichen bei RTLIIYOU waren auf jeden Fall durch die Bank cool und konstruktiv und sind es auch heute noch.

Auf Seite 2 reden Arno & Etienne weiter über Kooperationen, die Qualität von Fernsehen, das "Nerdtum" und über das, was seit Senderstart am meisten zu bereuen ist

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